Erstellt am 11. Dezember 2015, 04:53

Saskia Jungnikl: Mein Land – meine Burg. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Journalistin Saskia Jungnikl und ihre enge Beziehung zur Burg Güssing.

»Na, wer sieht die Burg als Erstes?« Ich freue mich immer noch, wenn ich sie dann sehe, denn ab da bin ich zu Hause. Foto: Peter Horvath  |  NOEN, Peter Horvath
Mein Burgenland ist nicht mein Burgenland. Das liegt schon daran, wo es für mich beginnt, meistens nämlich in Wien, von wo ich mich für gewöhnlich aufmache, um nach Hause ins Südburgenland zu fahren. Es beginnt mit der Vorfreude, mit der ich die Stadt verlasse, und setzt sich fort mit dem Weg bis zu unserem Haus, den ich auswendig kenne und der mit Erinnerungen gepflastert ist.

x  |  NOEN, Selfie Saskia Jungnikl


Meine Sicht auf das Burgenland ist zwiegespalten. Es gibt so vieles, was ich daran liebe, und doch gibt es auch so vieles, was ich nicht verstehe.

Einige Dinge mache ich auf jeder Fahrt ins Burgenland. Ich bleibe auf der Autobahn bei einer Tankstelle stehen und kaufe mir ein paar Zeitschriften, denn Burgenland heißt für mich auch Entschleunigung und Ruhe und Zeit, um zu lesen und nachzudenken.

Ich wundere mich immer noch jedes Mal über diese ewig lange Kurve bei der Abfahrt Oberwart, und dann freue ich mich über das Schild rechts, auf dem steht: „Willkommen im Burgenland.“ Ich summe ein erfundenes Lied mit Namen „Der Wald liegt bei der Straße“, das uns meine Eltern beigebracht haben und das wir immer auf dem Weg zwischen Autobahnabfahrt und Kemeten gesungen haben.

Die Güssinger Burg als Sinnbild des Landes

Ich denke an meinen Bruder Till, wenn ich aus Kemeten hinausfahre, weil da links oben auf einem Hügel, mittlerweile fast verdeckt von Bäumen, ein großes Kreuz zu sehen ist, und Till an dieser Stelle immer am Fenster geklebt ist und gerufen hat: „Schau, das hohe Kreuz!“

Ab St. Michael achte ich darauf, wann ich die Burg Güssing das erste Mal sehe, denn das war früher ein beliebtes Spiel unserer Eltern, um uns Kinder ruhig zu halten: „Na, wer sieht die Burg als Erstes?“ Ich freue mich immer noch, wenn ich sie dann sehe, denn ab da bin ich zu Hause.

Die Güssinger Burg ist für mich heute Sinnbild des Landes, in seiner schlechtesten und in seiner besten Form. Sie ist die älteste Burg des Burgenlandes, gebaut im Jahr 1157 und errichtet auf einem erloschenen Vulkankegel. Ich finde sie wunderschön. All die alten Gemäuer sind noch erhalten, nur das Notwendigste ist restauriert.

x  |  NOEN, Peter Horvath


Wenn ich oben im Kräutergarten stehe, kann ich über Güssing blicken, ich sehe meine ehemalige Schule, das Gymnasium und auch die Fischteiche, bei denen ich mit meinen Neffen immer spazieren gehe; wenn ich auf die andere Seite gehe, sehe ich bei gutem Wetter bis nach Ungarn, bei schlechtem aber noch die umliegenden Dörfer und auch Heiligenbrunn, wo ich herkomme. Aber so schön und friedlich es oben auf der einen Seite ist, so tobt drinnen im Burghof seit Jahren ein politisches Machtspiel um dessen künstlerische Nutzung. Ich habe das genau mitgekriegt, weil es das Leben meiner Familie massiv betroffen hat.

Mein Vater hat eine Zeit lang auf der Burg für den Burgverein inszeniert, er hat sich voller Begeisterung in diese Aufgabe gestürzt. Nächtelang ist er in seinem Zimmer gesessen, hat eine kleine Modellburg gebastelt, damit er die Inszenierung besser planen kann, hat sich ein Flip-Chart gekauft, um das Stück dramaturgisch besser einteilen zu können.

„Irgendjemand kennt immer jemanden …“

Wir waren damals selbst oft auf der Burg, in diesen Sommermonaten lese ich dort oben öfters als im Freibad. Ich lerne in diesen Monaten mehr über das Burgenland als zuvor oder danach. Ich lerne etwas über die Unterstützung und die Hilfe, die sich die Menschen hier gegenseitig geben. Irgendjemand kennt immer jemanden, der sich bereitwillig darum kümmert, wenn etwas nicht hinhaut. Das ist das Schöne an meinem Burgenland. Gleichzeitig funktioniert aber auch das amtliche, das offizielle Burgenland so: Jemand kennt jemanden. Oft entscheiden auch persönliche Netzwerke darüber, welchen Auftrag oder welchen Posten jemand bekommt.

Mit meinem Vater hat das gar nichts zu tun, der hält sich aus der Sache heraus. Viele Kulturschaffende im Burgenland sind gezwungen, um ihre Förderungen hart zu kämpfen. Dabei gibt es im Burgenland so viele Menschen, die sich künstlerisch engagieren und ihre Zeit und Energie, ihr Geld und Herzblut in verschiedene Projekte stecken.

Doch wer im Burgenland künstlerisch etwas bewegen will, muss sich im Normalfall arrangieren. Wer die richtigen Leute kennt und in den richtigen Netzwerken ist, der hat ausgesorgt. Die Geschichte endet damit, dass der gemeinnützige Burgverein nun unten auf der Festwiese inszeniert, er musste die Burg verlassen.

Wenn man durch Güssing hindurchgefahren ist, kommt man irgendwann an die Kreuzung, wo es rechts hinauf zur Burg geht und links in Richtung Sankt Nikolaus. Hier wohnt eine meiner längsten Freundinnen, wir kennen einander, seit wir zehn Jahre alt sind. Sie lebt dort mit ihrem Mann und den zwei Kindern und immer, wenn ich vorbeifahre, schaue ich, ob ich sie zufällig sehe.

Am Ende der Ortschaft geht es noch rechts hinauf und ab da bin ich mitten im Wald und ich verlasse ihn auch nicht mehr, bis ich zu Hause bin. Es ist ein kleiner Güterweg, der von der Straße bis zu unserem Haus führt, es rumpelt mich noch ordentlich durch und dann bin ich daheim.

Ich stelle den Motor ab, mache die Autotüre auf und begrüße die Katzen, die zu mir hergelaufen kommen, und dann atme ich durch. Das ist meine Heimat, das ist mein Burgenland.
 

Zur Person: Saskia Jungnikl, Journalistin

  • Geboren 1981 in Güssing, ist Journalistin bei der Tageszeitung „Der Standard“. Zuvor arbeitete sie bei „derStandard.at“ und veröffentlichte Artikel in der Wochenzeitung „Falter“, dem Monatsmagazin „Datum“ und der Österreich-Ausgabe der „Zeit“.

  • Im März 2013 erschien ein Artikel von ihr im „Standard“, in dem sie vom Tod ihres Vaters schreibt. Der Text sorgte für große Resonanz und wurde mit den Ehrenden Anerkennungen des Claus-Gatterer-Preises sowie des Leopold-Ungar-Journalismuspreises ausgezeichnet.

  • Ihr erstes Buch zum selben Thema mit dem Titel „Papa hat sich erschossen“ ist am 6. November im S. Fischer Verlag erschienen. Essays veröffentlichte sie unter anderem in „Stärke.die.weiblich“.

  • Saskia Jungnikl lebt und arbeitet in Hamburg, Wien und Reinersdorf.


Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at


Nächste Woche

In der kommenden Woche erinnert sich Moderator Karl Kanitsch an die schönsten Momente seiner Wanderungen durchs Burgenland.


Bisherige Teile der Serie: