Erstellt am 14. August 2015, 06:22

Theodora Bauer: „Gekommen, um zu bleiben“. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Woche: Schriftstellerin Theodora Bauers „Lethargie mit abschließender Aufbruchsstimmung“.

Schriftstellerin Theodora Bauer: »meinburgenland ist gekommen, zögerlich und unwillig, aber nun ist es da ...« Foto: BVZ  |  NOEN, unknown
meinburgenland. ist zuallererst nicht meins. es liegt, unschuldigerweise eingeklemmt und doch verzwickt, irgendwo zwischen ländern, mit denen es eigentlich nichts zu tun haben will. es ist der osten österreichs. der will es nicht sein, es ist schließlich das burgenland, was auch immer das heißen mag.

es grenzt an ungarn, slowakei, und irgendwie eigentlich auch ein bisschen an slowenien. das will es nicht, das macht ihm angst. der osten ist so weit, so unüberblickbar weit dort hinten, man selbst hat sich gerade noch unter aufbietung aller abstimmungsfähigen und nichtabstimmungsfähigen einwohner dieses zusammengekleisterten landstriches nach österreich hinübergerettet, und jetzt soll man auf einmal selbst zu diesem osten gehören, der da gleich vor der eigenen haustür beginnt, den man mühsam ausgesperrt hat und der nun gefälligst draußen zu bleiben hat.

der in den gesammelten büschen und sträuchern der trockenen ungarischen tiefebene verrinnt, ein rinnsal, das in die vergangenheit zeigt. der hereinbricht, hereinschwappt, wie die kronenzeitung schreibt, der trocken und nass und in allen aggregatzuständen, der ungarisch und rumänisch und was nicht sonstnochalles unter mühsam gesicherten burgenländischen türschwellen durchsickert und, obwohl er das nicht sein sollte, trotzdem irgendwie da ist.

x  |  NOEN, Selfie Theodora Bauer


der osten ist nicht man selbst. er ist ein streifen am horizont, der den blick ab und an unbotmäßig irritiert. man selbst ist hier. in die andere richtung schaut man.

in die andere richtung schaut man über niederösterreich hinweg und gleich nach wien. wien ist eine schöne stadt, eigentlich gehört sie zum burgenland. eisenstadt gilt nicht, oder, wenn wir konziliant sein wollen, dann gilt es halb. aber meistens wollen wir nicht konziliant sein. wir sind burgenländer, konzilianz gibt es nur für touristen und auch da nur mit aufpreis.

eisenstadt ist ein kleinstadtungetüm, ein kleinbürgerungetüm, in einem tag ist man durch, und dann täte man gut daran, sich in seinem vollklimatisierten touristenbus schleunigst wieder in richtung horizont zu entfernen. marke staubwolke. stichwort schnell. denn wenn man bleibt, bleibt einem eisenstadt fürs leben. es ist eine partnerschaft, die aus blinder notwendigkeit eingegangen wird, man ist halt da, eisenstadt ist halt da, und die gemeinsamen anfänge zeitigen unbeabsichtigterweise auch eine gemeinsame frucht – die gemeinsame gegenwart, die beiden schwer im magen liegt.

„eine metropole, die keine sein will …“

ihr zu entkommen, ist schlicht unmöglich. es ist eine traurige tatsache, aber wenn man in eisenstadt ist und eisenstadt in einem, dann ist man so unleugbar da, dass es schon fast wehtut. eisenstadt ist ein zwergenhafter moloch, eine metropole, die keine sein will, die jegliche stadthaftigkeit an den fassaden der sie störrisch noch immer bevölkernden alten häuschen abbröseln lässt.

schon haydn hat gesagt. ich stimme ihm zu. mitten zwischen seine verstopften kleingassen und unbewegten autostraßen wurde eisenstadt die landeshauptstadtwürde hineingestopft, das haydngartenhaus im schatten der bank burgenland, die haydngasse im schatten des schlosses esterházy und das haydnkonservatorium in garniemandes schatten, weil es sich in der glücklichen lage befindet, am höchsten oben zu sein.

wenn sich die autos jeden tag gegenseitig über die engen gänge der landeshauptstadt schieben, bergan zur berglerkirchen, bergab zu spar und hofer und hofer und spar, offenbart sich der wahre charakter dieser stadt. es ist eine stadt, die tagtäglich aus sich fährt. beständig entäußert sie sich ihrer selbst, sie fährt aus ihrer eignen haut, sie entleert sich und ist leer bis zum morgen und besinnungslos.

[…]

nachdem sich wien mir als wien und nicht etwa als die stadt meiner träume, die des ehemaligen kaiserreichs, der modernen kunst und der allgemein alles durchsetzenden weltoffenheit entdeckt hat, konnte ich wieder ins burgenland zurückkehren. wie ein rückfälliger habe ich mich diesem landstrich nur in dosen ausgesetzt, in kleinen, verträglichen; ich habe mich gleichsam dagegen immunisiert und mir den konsum der burgenländischen vorzüge ermöglicht, ohne gleich das gesamte gebiet als solches zu schnupfen und mir eine überdosis zu verabreichen.

„meinburgenland ist ein geisteszustand“

es gibt beispielsweise kultur in diesem land. es gibt ein landesstudio, das ausgezeichnet arbeitet. es gibt ein literaturhaus. es gibt menschen, die schreiben, und das gut und viele auch gerne. ich muss sagen, wenn ich mich entscheiden kann, zurückzukommen, und nicht ungefragt mit beiden füßen in den burgenländischen grund und boden gepflanzt werde, ohne mich davon befreien zu können, dann komme ich gerne.

ich schaue in den osten und finde es beruhigend, dass es dort hinten weitergeht. dass das burgenland nicht das einzige ist und nicht alles. ich finde es schön, dass wir einen see haben (den ich am liebsten aus der ferne betrachte), dass wir an die steiermark grenzen, die überhaupt terra incognita ist, und dass wir tatsächlich einen süden haben, der seinen namen verdient, der sich nämlich dadurch als süden qualifiziert, dass man unwahrscheinlich lange hinfahren muss und dass einem beim fahren und danach heiß ist. über all das freue ich mich.

meinburgenland ist eine entität, die nicht existiert, die sich zwischen meinen beiden ohren verkeilt hat und die die grundstimmung bilden wird für mein restliches leben, ob ich will oder nicht. meinburgenland ist ein geisteszustand, dessen ich mich verzweifelt zu entledigen versuche, und an den ich mich mittlerweile, wie an ein muttermal an ungelegener stelle, gewöhnt habe. meinburgenland ist nicht mein elternhaus, das gleichsam dem wirkungskreis von raum und zeit enthoben im nirvana, in der siedlung, steht. aber meinburgenland ist drumherum, da muss ich durch, da kann ich nicht aus, so große schritte kann ich gar nicht machen, dass ich im gehen nicht doch daran anstreife.

meinburgenland ist eine realität, ich möchte (und das ist mein vornehmen) meinburgenland zu einem projekt machen, dessen auswirkungen sich schwielenförmig auf meinen händen und schwarz unter meinen fingernägeln abzeichnen werden und auf dessen ergebnis ich dennoch stolz sein kann.

meinburgenland ist gekommen, zögerlich und unwillig, aber nun ist es da. meinburgenland ist gekommen, gekommen, um zu bleiben; es gibt mich auch nicht frei, solange ich nicht meine schuldigkeit ihm gegenüber getan haben werde. meinburgenland ist meinburgenland. meinburgenland lebt.

Zur Person: Theodora Bauer, Schriftstellerin

  • Wurde 1990 in Wien geboren, ist in Großhöflein, Burgenland, aufgewachsen.

  • Sie studiert Publizistik und Philosophie in Wien und wurde bereits mehrfach für ihre literarische Tätigkeit ausgezeichnet, unter anderem beim Burgenländischen Jugendkulturpreis, beim Wettbewerb „Eisenstadt im Bild“ und beim BEWAG-Literaturpreis.

  • Im Frühjahr 2014 erschien Theodora Bauers erster Roman „Das Fell der Tante Meri“. Derzeit schreibt sie am zweiten Roman.

Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at

Bisherige Teile der Serie:

Liebeserklärungen an das Burgenland - Vorschau

Ab Mittwoch in der BVZ-Printausgabe: In der kommenden Ausgabe präsentiert Schauspielerin Konstanze Breitebner „ihr“ Burgenland und schreibt über ihre ersten sechs Jahre im Südburgenland.