Erstellt am 17. Dezember 2015, 14:03

Unterwegs im Burgenland mit Karl Kanitsch. Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches "Mein Burgenland". Diese Ausgabe: ORF-Moderator Karl Kanitsch und seine Wanderungen durchs Land.

Beliebt bei Stars und Radiohörern. Moderator Karl Kanitsch mit Jazz Gitti (l.) und Sängerin Hannah.  |  NOEN, Foto: Werner Müllner

Herbstwanderung in der Willersdorfer Schlucht, beim Rückweg mache ich Station beim Mostheurigen in Oberschützen. Wir tragen uns schon einige Zeit mit dem Gedanken, eine unserer „Morgenwanderungen“ grenzüberschreitend mit unseren ungarischen Nachbarn zu veranstalten. Die Idee wäre, den Geschriebenstein – den höchsten Berg des Landes – vielleicht von der ungarischen Seite zu besteigen.

Ein paar Tische weiter erblicke ich unseren Extrembergsteiger Hans Goger … „Sag, wie komme ich am einfachsten auf den Geschriebenstein hinauf?“ Hans – der ja doch schon etliche Achttausender bestiegen hat: „Du wirst lochn, do woar i no nia obn …“ Somit stand unser gemeinsames Projekt fest: Wir machen eine „Geschriebenstein-Erstbesteigung“ – aber wenn, dann ordentlich mit Gipfelkreuz und allem, was dazugehört.

Dazu war natürlich eine Menge Vorbereitung seitens des ORF Burgenland notwendig – aber im Mai 2011 war es dann tatsächlich so weit: Bei herrlichem Wanderwetter starteten hunderte Gipfelstürmer, auch unterwegs stießen immer wieder Gruppen von Wanderern zu uns. Am Ende standen fast eintausend Leute auf dem „Gipfelplateau“ rund um die Aussichtswarte – ein großer Moment. Allerdings hatte sich das Wetter inzwischen verschlechtert und gerade als die beiden Pfarrer mit der Feierstunde und der Segnung des Gipfelkreuzes begannen, öffnete der Himmel seine Schleusen – ein Zeichen von oben? Wer weiß …

Aber wie sagt der Wanderer – es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung! Außerdem: man soll sich vom schlechten Wetter nicht die gute Laune verderben lassen! Sooft ich im Südburgenland unterwegs bin und ein bisschen Zeit bleibt, parke ich den Wagen bei der „Ranch“ auf der Passhöhe, spaziere zur Aussichtswarte und unserem Gipfelkreuz und erinnere mich an schöne Stunden bei unseren Morgenwanderungen und natürlich an die „Erstbesteigung“ des höchsten Berges des Burgenlandes, fast ein „Tausender“ …

Unterwegs sein … im „kleinen Paradies“

Bei einem Radiofrühschoppen als Moderator im Kellerviertel von Eltendorf an einem Sommersonntag, gut gelaunte Musikanten und Besucher treffen, von Hausfrauen kredenzte Grammelpogatscherl oder kleine Salzstangerl zum Uhudler dazu beißen, mit zwei älteren Herren beim Heurigen unterm Birnbaum zu sitzen, mir ihre Geschichten anzuhören – mehr als vierzig Jahre sind sie nach Wien gependelt – ein mühevolles, arbeitsreiches Leben – aber nun genießen sie die Pension. Jetzt, meinen sie, haben sie endlich Zeit, ihren Uhudler zu produzieren (und wahrscheinlich auch zu konsumieren …)

Die kleine Welt im Südburgenland ist ihr ganz persönliches Paradies, ein kleines, feines Stück Heimat, meinen sie, während wir auf das Leben anstoßen, Zufriedenheit rundum ...

Oder der jüngste Musikant, der mir voller Stolz auf der Steirischen Harmonika fast sein ganzes Repertoire darbietet … Bravo Stefan, aus dir wird noch was! Beim nächsten Radiofrühschoppen bist du dabei – versprochen! Wir stoßen mit Traubensaft an …

Auf der Heimfahrt – fast schon Pflicht – ein kurzer Stopp am Rastplatz oberhalb von Bernstein. Ein weiter Blick tut sich auf – vom ungarischen Flachland über die südburgenländischen Hügel, dazwischen wie weiße Farbtupfer die Dörfer rund um Oberwart, die Riegersburg auf ihrem Steilfelsen, der Stradner Kogel bis hinauf zum Hochwechsel ins weiche Licht des Nachmittags getaucht – immer wieder beeindruckend …

Rund eine Stunde später fast zu Hause – Fahrt über den Ruster Berg – vor mir tut sich der See auf. Ich denke oft, wenn Urlauber hierherkommen und dieses Bild das erste Mal vor sich haben – den See von der Parndorfer Platte bis hinunter in den Hansag –, müssen sie genauso fasziniert sein, wie ich es jedesmal bin …

Unterwegs sein … mit Freudentränen

Mitte Juli 1989 – Hochsommer im Burgenland. Schon seit Wochen kommen DDR-Bürger in einem Waldstück bei Mörbisch als Flüchtlinge über die Grenze nach Österreich. Sammelpunkt ist für viele das Gasthaus „Diana“ in Fertõrákos. Hunderte machen „Urlaub“ in dem kleinen Grenzdorf – es hat sich herumgesprochen, dass man von hier aus nach einer halben Stunde Fußmarsch durch ein Waldstück nach Österreich gelangen könnte.

Jeden Tag ist der Parkplatz vor dem Gasthaus mit Trabis und Wartburgs zugeparkt, tagtäglich warten viele auf die Möglichkeit zur Flucht und auf Menschen, die ihnen dabei behilflich sind. Mein Bruder Martin hatte verwandtschaftliche Beziehungen nach Ungarn und kennt den Wald wie seine Westentasche. Immer wieder bilden sich Gruppen von zehn bis 15 Personen, die sich von ihm durch den Wald in die Freiheit bringen lassen möchten.

Irgendwann Mitte Juli, etwa 200 Meter oberhalb der berühmten Mithrasgrotte, warte ich gegen zwei Uhr früh mit zwei Freunden auf meinen Bruder, wir hatten vereinbart, dass er gegen halb zwei in Ungarn losmarschiert, um eine Familie mit drei kleinen Kindern über die Grenze zu bringen. Die Leuchtzeichen der Taschenlampen waren als Orientierungshilfe gedacht. Tatsächlich stand die Gruppe schon bald überglücklich vor uns – allerdings fehlten der Vater und ein achtjähriger Bub – nachdem ungarische Grenzer Signalraketen abgeschossen hatten, ließen sie sich zu Boden fallen, während die Gruppe weiterlief …

Also blieb die Frau mit den beiden anderen Kindern bei einem meiner Freunde, während wir uns durch das Loch im Zaun wieder auf den Weg über die Grenze hinunter machten, nach endlosen 20 Minuten kamen uns Vater und Sohn völlig entkräftet und verängstigt entgegen. Kurz darauf war die Zahnarztfamilie aus Dessau wieder vereint, und aus Tränen der Angst wurden Freudentränen…

Der ganze Ort war bereit zu helfen – es wurden Kleidung, Spielzeug, Babynahrung gesammelt –, in der Winzerhalle wurden die Flüchtlinge vom Roten Kreuz übernommen und bekocht, viele Mörbischer haben die DDR-Bürger bei sich übernachten lassen, es war einfach eine Selbstverständlichkeit.

Ich bin nach wie vor gerne unterwegs – sei es bei einer Wanderung im Seewinkel, einer Gegend, wie man sie nirgendwo sonst findet – brettleben, hin und wieder eine kleine Gruppe mit Akazienbäumen, die in der Sommerhitze einen herrlichen Schatten bieten, und darüber der unendliche Himmel …

Wanderungen im Leithagebirge, von Eisenstadt nach Loretto, im Wirtshaus was trinken, die Füße auskühlen lassen und mit den Marktfahrern übers Geschäft plaudern … Oder mit dem Segelboot ganz kommod unterwegs sein, sich vom Wind nach Illmitz treiben lassen, um dort beim Strandwirt einzukehren und dann dem traumhaften Sonnenuntergang entgegen heimwärts zu fahren … Oder im südburgenländischen Weingebirge in der Gegend von Eberau, Gaas – eine kleine, aber feine Welt, die noch lange so erhalten bleiben möge …