Erstellt am 18. September 2015, 05:42

Unvergessliche Momente. Erinnerungen | Die BVZ präsentiert die Autorinnen und Autoren des Buches „Mein Burgenland“. Diese Ausgabe: Bundespräsident Heinz Fischer und seine persönliche Beziehung zum Land.

Selfie aus der Hofburg. Die Autoren wurden aufgerufen, sich für das Buch »Mein Burgenland« selbst zu verewigen. Diesem Wunsch kam auch Bundespräsident Heinz Fischer nach.  |  NOEN, Selfie
„Mein“ Burgenland ist ein bisschen übertrieben, denn ich teile dieses Burgenland ja mit 287.416 Einwohnerinnen und Einwohnern und mit zahlreichen Freundinnen und Freunden dieses jüngsten, aber besonders liebenswerten Bundeslandes der Republik Österreich. Aber ein ganz kleines Stückchen ist es doch auch „mein“ Burgenland, weil ich als in Graz Geborener, in Wien Wohnhafter und an der Universität Innsbruck habilitierter Universitätsdozent mit dem Burgenland doch sehr viele Verbindungen habe.

Im Sommer 1944 war ich knapp sechs Jahre alt. Der Schulbeginn rückte näher, aber auch die Front rückte näher, und die Bombenangriffe auf Wien wurden heftiger. Die Sorgen meiner Eltern, wie es denn mit meiner Schwester und mir weitergehen sollte, wurden immer größer. Und da eine Cousine meiner Mutter, nämlich Frau Rosalia Weinzettl, in Pamhagen einen kleinen Bauernhof und zwei etwa gleichaltrige Kinder hatte, übersiedelten meine Schwester und ich im Sommer 1944 zur Tante Sali nach Pamhagen, wo ich im September meine Schulzeit in der vierklassigen Volksschule begann.

Die Eindrücke, die ich damals von den Menschen und Tieren, von den Straßen und Häusern, von den sanitären Verhältnissen und Lebensbedingungen in Pamhagen gewonnen habe, haben sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt und ermöglichen es mir, die ungeheuren und fantastischen Fortschritte zu erkennen, die das Burgenland seither gemacht hat.

Ich sollte aber nicht lange im Burgenland bleiben, denn die Front des Krieges und damit auch die Rote Armee rückten tatsächlich näher. Meine Eltern holten uns wieder ab und ich setzte meine erste Klasse Volksschule in Loich an der Pielach fort. Meine Kontakte zur Familie Weinzettl blieben aber aufrecht und immer wieder besuchten wir Pamhagen – vor allem, wenn die Weintrauben reif waren, wenn es etwas zu feiern gab, oder wenn man Erdäpfel braten konnte.

Besondere Erinnerungen an „Mein Burgenland“ brachte auch das Jahr 1956, also die Ungarische Revolution. Ich hatte 1956 maturiert und ich war politisch sehr interessiert. Ich hatte guten persönlichen Kontakt zu dem damaligen Nationalratsabgeordneten Peter Strasser, der eine Reihe von Hilfsaktionen für Flüchtlinge aus Ungarn organisierte, oft zur Grenze reiste und dabei immer Aufgaben für eine Gruppe junger Leute hatte, der ich mich zugehörig fühlte.

„Rutschpartie“ auf dem Neusiedler See

Die nachfolgenden Jahre studierte ich Rechtswissenschaften an der Universität Wien, und das war jene Periode, wo ich immer wieder Gelegenheit hatte, mit meinen Freunden am Neusiedler See segeln zu gehen. So habe ich den Neusiedler See und die umliegenden Ortschaften durch Jahre hindurch zu allen Jahreszeiten und bei allen Wettersituationen kennengelernt. Zu allen Jahreszeiten ist wörtlich zu nehmen, denn auch im tiefsten Winter, wenn der See zugefroren war, haben wir beim Eissegeln oder beim Schlittschuhlaufen viel Freude gehabt.

Die größte Dummheit war es wohl, mit meinem ersten Auto, einem Austin A40, Baujahr 1948, auf dem zugefrorenen See Schleuderübungen zu machen. Zuerst ein bisschen Schwung zu holen, dann die Lenkung leicht einzuschlagen und leicht auf die Bremse zu steigen, hat lustige Schleuderbewegungen ausgelöst. Was ich nicht bedacht habe, war, dass es im Eis messerscharfe Kanten gab und dass am Ende drei der vier Pneus zerschnitten waren, sodass ein Reserverad nicht ausreichte, um das Auto wieder fahrtüchtig zu machen.

Ab 1963 war ich als Sekretär der Sozialdemokratischen Parlamentsfraktion tätig und hatte dadurch berufliche Kontakte zu zahlreichen burgenländischen Mandataren und Politikern wie zum Beispiel Toni Proksch, damaliger Naturfreundepräsident, oder Hans Bögl und zum bekannten Bürgermeister Fritz Robak aus der kroatischen Volksgruppe.

Oft war ich in den 60er-Jahren im Burgenland bei Veranstaltungen zur Feier des 1. Mai eingeladen und lernte zahlreiche Ortschaften und Persönlichkeiten des Burgenlandes kennen. Wenn Landesrat Helmuth Vogl oder Landesparteisekretär Fred Sinowatz dabei waren, dann wurde es für mich, der ich damals Mitglied des Arbeiter- abstinentenbundes war, ziemlich schwierig, aber es war jedenfalls besonders fröhlich, herzlich und gemütlich.

Am 22. März 1964 gab es im Burgenland Landtagswahlen. Ich konnte es kaum fassen, als ich am Sonntagabend im Radio hörte, dass im Burgenland die SPÖ zur stärksten Partei geworden war. Das war damals meines Wissens der erste Führungswechsel in einem Bundesland seit 1946. Dieses Ereignis liegt jetzt mehr als 50 Jahre zurück und ist mir doch noch in allen Details in Erinnerung. Gemeinsam mit Leopold Gratz besuchte ich Fred Sinowatz in Eisenstadt und es entwickelte sich eine gute Freundschaft und Zusammenarbeit, die noch starke zusätzliche Impulse erhielt, als Fred Sinowatz Ende 1971 als neuer Unterrichtsminister nach Wien ging.

Allein über meine Erfahrungen mit Fred Sinowatz könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Ich möchte Fred Sinowatz hier ausdrücklich als einen besonders intelligenten, besonders anständigen und gesinnungsfesten burgenländischen Politiker beschreiben, dem Österreich sehr viel verdankt, und der oft in unglaublicher Weise unterschätzt und falsch beurteilt wurde.

Friedensforschung und Kultur-Highlights

Zu meinen sehr positiven Erinnerungen an das Burgenland gehört auch das Entstehen des Friedenszentrums und Friedensforschungsinstitutes in Stadtschlaining. Es war Landesrat Gerald Mader, der zu Beginn der 80er-Jahre die Chance erkannt hat, die in einem Ausbau der Burg Schlaining zu einem Friedensforschungsinstitut steckte.

Und da ich 1983 die Leitung des Wissenschaftsministeriums übernommen hatte, konnte ich Gerald Mader bei der Verwirklichung dieser großartigen Idee behilflich sein. Im Juli 2014 habe ich gemeinsam mit dem luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn an einer Veranstaltung in Schlaining teilgenommen und dabei gesehen, dass auch hochrangige ausländische Gäste von diesem Institut beeindruckt sind.

Ich kann nicht in meinen Erinnerungen an das Burgenland kramen, ohne die vielen kulturellen Veranstaltungen, Ereignisse und Begegnungen zu erwähnen. Die verschiedenen Festspiele, die Stätten von Musikveranstaltungen, die Pflege des Erbes von Haydn und Liszt. Künstler, die im Burgenland leben und arbeiten, insbesondere auch die Bildhauer, die Maler aus dem Burgenland und die Ergebnisse der Arbeit des in seiner Ministerzeit auch für Kunst und Kultur zuständigen Fred Sinowatz.

Man darf es mir nicht übel nehmen, wenn ich auch daran denke, dass ich bei der Bundespräsidentenwahl im April 2004 im Burgenland 54,8 Prozent der Stimmen – also ein über dem österreichischen Durchschnitt liegendes Ergebnis – erzielte und bei der Wiederwahl im April 2010 sogar 79,3 Prozent der gültig abgegebenen Stimmen.

Ich habe auch als Bundespräsident das Burgenland ganz besonders oft besucht, und zwar aus den unterschiedlichsten Anlässen: privat und offiziell, im kleinen Kreis oder mit ausländischen Staatsgästen, zu historischen Gedenktagen oder um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken, war in deutschsprachigen oder mehrsprachigen Gemeinden zu einer Wanderung oder um Freunde zu besuchen.

So soll und wird es auch bleiben, wenn ich einmal aus der Funktion des Bundespräsidenten ausscheide. Denn „Mein Burgenland“ bleibt „Mein Burgenland.
 

Zur Person: Dr. Heinz Fischer, Bundespräsident

  • Geboren 1938 in Graz, nach dem Krieg in Wien aufgewachsen, Matura 1956 am Humanistischen Gymnasium. Nach Ableistung des Militärdienstes Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien mit Promotion 1961 abgeschlossen, anschließend Gerichtsdienst. Habilitation für Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck 1978, 1994 zum Professor für Politikwissenschaften ernannt.

  • Seit 1968 mit Margit Fischer, geborene Binder, verheiratet, zwei Kinder: Philip und Lisa.

  • Seine politische Karriere begann Heinz Fischer 1963 als Sekretär der Sozialdemokratischen Fraktion im Österreichischen Nationalrat, von 1971 bis 2004 Mitglied des Österreichischen Nationalrates, zweimal Vorsitzender der Sozialdemokratischen Fraktion ebendort. 1979 bis 2004 Stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, 1993 bis 2004 Stellvertretender Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Europas, 1983 bis 1987 Bundesminister für Wissenschaft und Forschung, 1990 bis 2002 Präsident des Österreichischen Nationalrates, seit 2004 Bundespräsident der Republik Österreich.

  • Viele weitere Funktionen wie zum Beispiel zurzeit Ehrenpräsident der Naturfreunde Österreichs und Schirmherr der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

  • Zahlreiche Bücher und Publikationen, zwei Ehrendoktorate (Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Tel Aviv und Ukrainische Akademie der Wissenschaften).


Zum Buch: „Mein Burgenland“

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs für jene Menschen, die hier leben oder die eine engere Beziehung zu diesem Land haben? Was sind ihre Ansichten, Einsichten und Aussichten? Michael Gerbavsits,
Georg Pehm und Walter Schneeberger haben 50 plus eine Antwort erhalten.

x  |  NOEN, Fotos: Leykam

Mit Beiträgen von: Gabriele Ambros, Theodora Bauer, Konstanze Breitebner, Werner Dax und Johannes Wutzlhofer, Julia Dujmovits, Maggie Entenfellner, Heinz Fischer, Elisabeth Gamauf-Leitner, Michael Gerbavsits, Roland Hagenberg, Leo Hillinger, Georg Hoanzl, Norbert Hofer, Manfred Horvath, Stefan
Horvath, Paul Iby, Andreas Ivanschitz, Jason Allen Johnson, Saskia Jungnikl, Richard Karl Kanitsch, Barbara Karlich, Gisela Kramer, Andreas Liegenfeld, Eva Mayer, Peter Menasse, Paul Muehlbauer, Wolfgang Murnberger, Hans Niessl, Fritz Ostermayer, Josef Ostermayer, Elisabeth Pauer, Georg Pehm, Pia Pfneisl, Uta Prantl-Peyrer, Martin Pucher, Karl Reiter, Birgit Sauer, Maria Schaller, Dagmar Schellenberger, Walter Schneeberger, Anton Schubaschitz, Elfie Semotan, Tanja Stacherl, Markus Stefanitsch, Ingrid Tschank, Christian Uchann, Barbara van Melle, Joško Vlasich, Klaus Wölfer, Richard Woschitz, Uschi Zezelitsch

Herausgegeben von Michael Gerbavsits, Georg Pehm, Walter Schneeberger. ISBN 978-3-7011-7952-7

Weitere Infos zum Buch unter www.leykamverlag.at

Bisherige Teile der Serie:

Liebeserklärungen an das Burgenland – Vorschau

Ab Mittwoch in der BVZ-Printausgabe: In der kommenden Ausgabe der BVZ erzählt Moderatorin Elisabeth Gamauf-Leitner, wie sie das Burgenland mit allen Sinnen erlebt.