Erstellt am 30. September 2011, 09:17

Wrabetz behält personelle Alleinverantwortung in TV-Information. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz wird für Personalentscheidungen in der TV-Information künftig alleinverantwortlich zuständig sein.

Das hat Wrabetz mit der neuen Fernsehdirektorin Kathrin Zechner vereinbart. Bisher hatte der Informationsdirektor in solchen Fragen ein gewichtiges Wort mitzureden. Mit Elmar Oberhauser kam es deshalb zum Bruch und letztlich zur Abwahl. In inhaltlichen Fragen der Berichterstattung soll die TV-Information künftig ein stärkeres Eigenleben führen, die Rolle von Chefredakteur Fritz Dittlbacher wird offenbar aufgewertet.

ORF-Chef Wrabetz erklärte dazu, dass die Strukturen in der Fernseh-Information erst in den nächsten Monaten gemeinsam mit der neuen Fernsehdirektorin Kathrin Zechner und den Informationsverantwortlichen festgelegt würden. In Sachen personeller Alleinverantwortung in der TV-Information gab sich Wrabetz zurückhaltend. "Die oberste Verantwortung über Personal und Organisationsstrukturen habe per Gesetz immer ich." Dass Dittlbacher auch zu einer Art zentralem Chefredakteur in der Generaldirektion aufgewertet werden und so mehr Macht bekommen könnte, wie ORF-intern spekuliert wird, dementiert Wrabetz. Nur soviel: "Was die journalistische Verantwortung betrifft, wird der Chefredakteur eine eigenständige Stellung haben, ähnlich dem Chefredakteurs-Modell beim ZDF", so der Generaldirektor. Betrachtet man das ZDF-Organigramm, befindet sich der Chefredakteur auf Augenhöhe mit dem Programmdirektor. Der ZDF-Chefredakteur ist für die Inhalte verantwortlich, der Programmdirektor für Schema- und Sendeplanung sowie Programmprofile.

Fernsehdirektorin Kathrin Zechner soll in der Fernseh-Information für die generelle Strategie, Schema- und Sendungsprofile, Programmierung sowie Schwerpunkt- und Sondersendungen zuständig sein, Dittlbacher für die Inhalte. ORF-Mitarbeiter weisen deshalb auf mögliches Konfliktpotenzial hin, da Zechner laut der vom Stiftungsrat abgesegneten Geschäftsordnung formal auch in inhaltlichen Fragen für die Information, die Teil der neuen Fernsehdirektion ist, zuständig ist. Ein erstes Vier-Augen-Gespräch zwischen Zechner und Dittlbacher in Sachen Fernseh-Information und zu Organigramm-Fragen gab es übrigens vergangene Woche vor der ORF-Programmpräsentation.

Wrabetz sieht hier aber kein Problem. Die starke Stellung eines ORF-Chefredakteurs sei schließlich nicht neu. "Die inhaltliche Letztverantwortung des Chefredakteurs entspricht dem, was im ORF-Gesetz und im Redakteursstatut festgelegt ist." Ähnlich Fernseh-Chefredakteur Dittlbacher: Dass ORF-Journalisten und Chefredakteure inhaltlich letztverantwortlich sind, sei nichts Neues. "Das ist im Redakteursstatut und im ORF-Gesetz so festgehalten, und das gilt nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen Chefredakteure im ORF, sei es im Radio oder in den Landesstudios", so Dittlbacher. Er freue sich jedenfalls auf die Zusammenarbeit mit Fernsehdirektorin Zechner und werde ihr ein "loyaler Mitarbeiter" sein.

ORF-Mitarbeiter berichten auch von Überlegungen, was die Zuordnung von einzelner Sendungen betrifft. So könnte das Chronik-Format "Heute in Österreich" von der von Dittlbacher geleiteten Aktuellen Information (FI1) zur Hauptabteilung Magazine (FI9) unter Chefredakteurin Waltraud Langer wechseln. Dies würde Planung und Koordination der Vorabendschiene mit den zu den Magazinen ressortierenden Formaten "Frühlingszeit/Sommerzeit/Herbstzeit/Winterzeit" und "Konkret" erleichtern. Die "harten" Infomagazine "Report", "Weltjournal" und "Eco" könnten im Gegenzug von den Magazinen zur Aktuellen Information wandern. Sollte es dazu kommen, befürchten Kritiker im ORF einen Rückschritt in alte Zeiten und Strukturen der Ära Lindner und Mück.

Chefredakteur Werner Mück war von 2002 bis 2006 für den gesamten Informationsbereich verantwortlich. ORF-Journalisten warfen ihm ÖVP-Schlagseite und zu wenig inneren Pluralismus unter den Redaktionen vor. Die Dezentralisierung der TV-Information mit der Aufgliederung in Aktuelles und Magazine mit zwei Chefredakteuren sowie die Wiedereinführung von Sendungsverantwortlichen war im Sommer 2006 dann auch einer der zentralen Punkte von Wrabetz' Bewerbungskonzept für den Posten des ORF-Generals. Nun geht unter manchen ORF-Mitarbeitern die Sorge vor einem "roten Mück" um.

Der ORF-Chef weist solche Befürchtungen energisch zurück: "Es sind derzeit keine Veränderungen oder Verschiebungen von Sendungen geplant. Wenn dann werden wir das gemeinschaftlich festlegen. Der wesentliche Kern der Eigenständigkeit der Redaktionen bleibt erhalten. Es gibt ganz sicher kein Zurück zu einem zentralen allmächtigen Chefredakteur."

ORF-Mitarbeiter berichten darüber hinaus, dass der Druck auf die Redaktionen des öffentlich-rechtlichen Senders zuletzt rund um diverse Korruptionsaffären sowie die Berichterstattung über die umstrittene Inseratenvergabe-Praxis von Bundeskanzler Werner Faymann aus den Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP massiv gestiegen sei. "Je schlechter es den Regierungsparteien geht, desto größer wird der Druck", so ein ORF-Journalist. "Es ist ärger als in Wahlkampfzeiten", meinte ein anderer. Wrabetz dazu: "Wir leben in Zeiten intensiver innenpolitischer Diskussionen, die auch noch durch den Krieg unter den Zeitungen hitziger geworden sind. In der Berichterstattung des ORF ist aber von Druck nichts zu spüren. Die Redaktionen berichten korrekt und objektiv, und die Chefredakteure in Fernsehen, Radio und Online machen ihren Job sehr gut."

"In Zeiten, wo Koalitionen Krisenhaftes durchleben, sind Journalisten in Leitmedien eben unter besonderer Beobachtung", meinte auch Fernseh-Chefredakteur Dittlbacher. Der ORF habe im Zusammenhang mit Korruptionsaffären und Inseraten nichts verschwiegen. "Es gab jeden Tag Geschichten zu den Causen. Und das ZiB 2-Interview mit Medien-Staatssekretär Ostermayer zur Inseraten-Angelegenheit war ganz sicher keine Wohlfühlberichterstattung, sondern gut gemachter Journalismus." Hohe Nervosität ortet Dittlbacher vielmehr bei den Zeitungen, die rund um die Inseraten-Causa Gegenstand der ORF-Berichterstattung waren. "Journalisten haben ihre Donnerfäuste, aber sie haben auch ein Glaskinn. Politiker sind da viel härter im Nehmen."