Erstellt am 06. April 2011, 00:00

Wenn Opfer zu Tätern werden. HARALD KNABL über den Tatort Boulevard in Österreich.

 |  NOEN, Franz Baldauf
x  |  NOEN, Franz Baldauf

Tatort Klosterneuburg, knapp zwei Wochen zuvor. Ein Mann stürmt in die Bezirkshauptmannschaft, schießt um sich, verletzt einen Mitarbeiter schwerst, nimmt eine Frau als Geisel. Ein weiterer Mitarbeiter durchleidet im Nebenzimmer Todesqualen, kommt davon. Der Amokläufer nimmt sich das Leben. Die Folgen des Amoklaufes dauern noch an. Psychologen nehmen sich der Opfer an. Niemand will sich in deren Lage versetzt wissen. Möchte man glauben.

Doch dem ist nicht so. Österreichs Print-Boulevard, zum größten Teil auch noch kostenlos, beweist uns das Gegenteil. Was dort an Online-Postings zu lesen war, beschämt die Nation, schreit nach verpflichtender Selbstkontrolle und fordert trotzdem gleichzeitig auf, dümmliche, geschürte und damit gelernte Vorurteile zu bekämpfen.

„Die werden das schon verdient haben“, oder, „endlich hat’s denen wer gezeigt“, war da – jedermann zugänglich zu lesen. (Das sind noch die eher harmlosen Rülpser). Das hat mit freier Meinungsäußerung nichts mehr zu tun, das überschreitet Grenzen jedweder Moral (und in Zeiten des Internets haben wir ohnehin schon gelernt, neue, weitere, nicht immer bessere Richtlinien zu akzeptieren).

Wir müssen uns fragen, wie krank ein Teil unserer Gesellschaft sein muss, nach so einem Vorfall IRGENDEINE Rechtfertigung für diese Tat zu suchen. Dann ist die Frage, welche moralische (und rechtliche) Folgen die unjudizierbare Freikultur des Internets hat. Und letztendlich muss man sich überlegen, was der Gratis-Boulevard in Österreich an Selbstkontrolle und damit gesellschaftlicher Mitverantwortung zu übernehmen hat.

LEITARTIKEL

harald.knabl@bvz.at