Erstellt am 06. September 2015, 09:42

von APA Red

1.000 Flüchtlinge kamen aus Ungarn. Der Flüchtlingsstrom aus Ungarn geht auch in der Nacht auf Sonntag weiter. Wieder sind bereits tausend Menschen in Nickelsdorf eingetroffen.

 |  NOEN, APA

Sie waren zuvor von den Ungarn mit Zügen nach Hegyeshalom gebracht worden und mussten rund zehn Kilometer lang über die Grenze marschieren. Seit der Nacht auf Samstag sind damit rund 10.000 Flüchtlinge aus Ungarn nach Österreich gekommen.

Die meisten sind bereits nach Deutschland weitergefahren. Am Sonntag in der Früh fuhr ein weiterer Zug mit Flüchtlingen vom Wiener Westbahnhof mit Ziel München ab. Es seien rund 700 Flüchtlinge an Bord gewesen, sagte Polizeisprecher Patrick Maierhofer der APA. Bei dem Zug handelt es sich um einen regulären Railjet.

Etwa 1.000 Flüchtlinge sollen vom Grenzübergang Nickelsdorf nach Salzburg direkt an die deutsche Grenze gebracht werden. Der Transport soll mit um die 20 Autobussen erfolgen, so der burgenländische Landespolizeidirektor-Stellvertreter Christian Stella zur APA.

400 weitere Flüchtlinge wurden bereits nach Nickelsdorf zu einem Sonderzug gebracht. "Sollte das nicht ausreichen, dann werden wir weiter bei der ÖBB ersuchen um Sonderzüge Richtung Wien", so Stella.

Rund 500 Flüchtlinge wurden Sonntagfrüh aus dem Burgenland nach Graz gebracht. Für ihre Unterbringung wurde laut einer Mitteilung der Polizeidirektion Steiermark die Messehalle B zur Verfügung gestellt, wo in der Nacht Feldbetten aufgestellt wurden. Das Rote Kreuz wurde informiert und versorgt die Flüchtlinge mit Nahrung und Kleidung.

Derzeit kämen keine Flüchtlinge aus Ungarn an der Grenze an: "Das kann sich innerhalb von einer halben Stunde, Stunde rapide ändern." Deshalb bleibe auch der Polizeieinsatz weiter aufrecht. "Es ist sehr hitzig momentan, es ist sehr schwierig, die Busse zu befüllen, weil natürlich alle hineinwollen", schilderte Stella.

Das ungarische Staatsfernsehen berichtete am Sonntagvormittag, aus Ungarn reisten nach wie vor Flüchtlinge zur österreichischen Grenze, um von dort weiter nach Westen zu kommen. Einige Flüchtlinge hätten in Budapest Züge in Richtung des Grenzorts Hegyeshalom bestiegen. Aus Serbien kamen demnach indes zuletzt deutlich weniger Flüchtlinge nach Ungarn. 744 Menschen, darunter 169 Kinder, die illegal über die Grenze gekommen waren, seien am Samstag aufgegriffen worden, teilte die Polizei am Sonntag mit. In den vergangenen Wochen war die Zahl bei 1.500 bis 3.000 pro Tag gelegen. Laut ungarischen Medien dürfte das Regenwetter ein Grund für diesen Rückgang sein.

Zwischen 700 und 800 Flüchtlinge hatten die Nacht auf dem Westbahnhof verbracht, so dass sich derzeit dort nur wenige Flüchtlinge aufhielten. Auf dem Wiener Hauptbahnhof haben laut Polizei zwischen 50 und 100 Flüchtlinge die Nacht auf Sonntag verbracht.

Am späten Samstagabend waren mit Zügen der ungarischen Bahn rund tausend Menschen in Hegyeshalom eingetroffen. Von dort mussten sie rund zehn Kilometer lang über die Grenze marschieren.

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) forderte einen EU-Gipfel Mitte September statt erst wie geplant im Oktober. Eine gemeinsame europäische Lösung sei "unverzichtbar". Man könne das Thema nicht "auf die lange Bank schieben". Die Aufnahme und Weiterreise der Flüchtlinge aus Ungarn sei eine "einmalige Aktion", damit werde das Flüchtlingsproblem aber nicht gelöst, mahnte Faymann. Österreich habe damit gezeigt, dass wir "guten Willens" sind, aber "eine derartige Handlung ist keine Lösung".

Auf diplomatischer Ebene ist es rund um die Flüchtlingskrise zwischen Ungarn und Österreich zu einem verbalen Schlagabtausch gekommen. Faymann kritisierte im Interview mit der Zeitung "Österreich" seinen ungarischen Amtskollegen Viktor Orban: "Jemand, der ernsthaft behauptet, er löst das Flüchtlingsproblem mit Stacheldraht und dann so ein Chaos anrichtet, der hat sich politisch disqualifiziert."

Der Staatssekretär im Budapester Außenministerium, Levente Magyar, kritisierte seinerseits Österreichs Bundeskanzler. Laut Nachrichtenagentur MTI sagte Magyar, Faymann würde neuerdings "jene Wut an Ungarns Regierung und dem Premier auslassen, die durch seine eigene Handlungsunfähigkeit in der Migrationskrise verursacht wurde".

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) forderte, dass Asylsuchende ihre Anträge künftig schon in ihrem Heimatland stellen können. Mit der derzeitigen Praxis betreibe die EU so etwas wie ein "Schlepper-Förderungsprogramm", sagte Kurz dem "Deutschlandfunk". Zudem führe dies dazu, dass die, die nach Europa weiterzögen, meistens "nicht die Ärmsten der Armen" wären. Sie hätten schließlich Tausende Dollar oder Euro an Schlepper bezahlt.

Zudem seien es zumeist junge Männer, die fit genug seien, die Reise überhaupt zu überstehen, sagte Kurz. "Die Alten, die Kranken, die Frauen, die Kinder, die Schwangeren - das sind diejenigen, die meistens in der Region zurückbleiben müssen. Also unser System hat schon neben dem, dass es innerhalb Europas nicht funktioniert, sehr starke Schattenseiten."

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kritisierte die verschärften Grenzkontrollen in Europa wegen der Flüchtlingskrise. "Wenn Menschen in Europa Zuflucht suchen, ist das noch lange kein Grund, Schengen außer Kraft zu setzen", sagte Juncker der "Bild am Sonntag". Europa habe "Jahrzehnte dafür gearbeitet, dass wir hier ohne Mauern und Zäune leben und reisen können". Das Recht auf Freizügigkeit sei eine wichtige Errungenschaft der EU und damit "unantastbar", sagte Juncker. "Wir dürfen Schengen nicht aufs Spiel setzen, nur weil einige Mitgliedstaaten gegen die europäischen Regeln verstoßen und Solidarität offenbar als Schönwetter-Wort begreifen."