Erstellt am 09. Februar 2012, 07:43

Ärztekammer - Dorner kandidiert nicht mehr. Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer und der Wiener Kammer, Walter Dorner (69), zieht sich zurück. Dorner kündigte an, dass er bei der Wiener Ärztekammerwahl im März nicht mehr als Präsident kandidieren wird.

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Damit kann er laut Statuten auch als Präsident der Bundeskammer nicht mehr antreten. Als Nachfolger schlägt Dorner den derzeitigen Vizepräsidenten der Wiener Kammer, Johannes Steinhart (57), vor, der sich zuletzt vor allem mit dem in scharfen Worten vorgetragenen Widerstand gegen die Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) exponiert hat.

Die Chancen, dass Steinhart in der Wiener Kammer zum Präsidenten gewählt wird, schätzt Dorner als gut ein. Das Rennen in der Bundes-Ärztekammer ist hingegen völlig offen. Der scheidende Präsident wollte die Chancen Steinharts dort nicht beurteilen, zumal noch nicht einmal klar ist, wer seine möglichen Gegenkandidaten sein werden. Der Bundes-Ärztekammerpräsident wird bei der Vollversammlung am 22. Juni aus dem Kreis der Landespräsidenten gewählt. Zuvor werden im März die Wahlen in den einzelnen Landeskammern abgehalten, auf Basis dieser Ergebnisse werden die Landespräsidenten gewählt.

Dorner will sich zwar von der Spitze zurückziehen, nicht aber aus der Standespolitik generell. Er werde zwar nicht mehr als Spitzenkandidat zur Verfügung stehen, aber so kandidieren, dass er die Möglichkeit habe, im Vorstand und in der Vollversammlung der Wiener Ärztekammer zu bleiben, kündigte Dorner an. Er will sich dann vor allem um die Erarbeitung grundsätzlicher Konzepte zur Ausbildung angehender Ärzte kümmern.

Will sich um Ärzte-Nachwuchs kümmern
Gelassen nimmt der scheidende Ärztekammer-Präsident Walter Dorner Vorwürfe, mit dem von ihm für die Wiener Kammer vorgeschlagenen Nachfolger Johannes Steinhart einen "Hardliner" an die Spitze zu bringen. "Das ist vielleicht nicht schlecht", sagte Dorner im Gespräch mit der APA. "In gewissen Bereichen war er nicht kompromissbereit, um die Forderungen der Wiener Ärzte durchzusetzen." Steinhart habe aber auch gelernt, "wenn er Kanten zeigt, gerundete Kanten zu zeigen". Und beim Thema ELGA, wo sich Steinhart besonders deutlich zu Wort gemeldet hat, habe er "in allen Punkten recht", zeigte sich Dorner überzeugt.

Dorner wünscht sich jedenfalls als Wiener Präsident einen Nachfolger, der "im täglichen Leben steht", der "weiß, was im Spital los ist, der eine Ordination führt und der auch weiß, wie man mit den sozialen Krankenversicherung Verhandlungen führt". Diese Voraussetzungen bringe Steinhart am besten mit, er habe "die nötige Qualität und das nötige Wissen", ist der scheidende Präsident voll des Lobes für seinen von ihm gewünschten Nachfolger. "Er weiß, wie man für die Kollegen arbeitet."

Als Hauptgrund für seinen Rückzug führte Dorner an, dass er nicht nur seit fünf Jahren Präsident der Bundeskammer ist, sondern schon seit 13 Jahren die Wiener Kammer führt. "Einen Etikettenschwindel" hätte er nicht gewollt, indem er sich jetzt noch einmal zum Präsidenten wählen lässt und dann mitten während der Amtsperiode das Amt zur Verfügung stellt. "Keine Rolle" hätten die Auseinandersetzungen innerhalb der Ärztekammer gespielt, die ihm im Vorjahr Rücktrittsaufforderungen der Niederösterreichischen Kammer und des Hausärzteverbandes wegen seiner grundsätzlichen Zustimmung zu ELGA in der Bundesgesundheitskommission eingetragen haben, versicherte Dorner. Für ihn sei es jedenfalls an der Zeit, die Verantwortung an eine "jüngere Generation" zu übergeben, meinte der 69-Jährige. Er habe sich den Schritt "lange überlegt" und auch mit der Familie besprochen.

Wehmut empfindet Dorner angesichts seines Rückzuges von der Spitze nicht, zumal er künftig Ideen umsetzen möchte, für die er als Präsident keine Zeit hätte. So will er sich verstärkt dem Thema Ethik und der "Humanisierung der Medizin" widmen, damit der Mensch wieder vermehrt in den Mittelpunkt gestellt wird. Es geht ihm vor allem um "mehr Bildungspolitik im Gesundheitswesen" und um grundsätzliche Konzepte für die Ausbildung junger, angehender Mediziner. So will er etwa die Aufnahmetests für Medizinstudenten dahingehend ändern, dass mehr Wert auf soziale Kompetenzen gelegt wird. Das medizinische Wissen allein wird seiner Auffassung nach für Ärzte künftig nicht mehr ausreichen, nötig seien auch juristische und wirtschaftliche Grundkenntnisse.

Tipps will Dorner seinem Nachfolger nicht mit auf den Weg geben, weil jeder seine eigenen Vorstellungen habe. Eines war ihm selbst aber immer wichtig: "Ich habe selbst immer getrachtet mit allen ehrlich umzugehen." Seinem Nachfolger hinterlasse er jedenfalls "ein geordnetes Haus". Es handle sich um einen "modernen Betrieb", in dem die nötigen Reformen, die im Zuge des Sparpakets nun auch für andere Kammern diskutiert werden, schon durchgeführt worden seien. Der Mitarbeiterstand sei von rund 80 auf knapp 50 reduziert worden, und die Rationalisierungen seien von den Mitarbeitern voll mitgetragen worden.

Für die künftige Gesundheitspolitik wünscht sich der scheidende Präsident vor allem "Ehrlichkeit". Man solle keine Spielchen machen und nicht "mit Laub Gruben zudecken". Das Wichtigste sei ihm die Zuwendung zu den Menschen und die Eindämmung der Bürokratie.

Bei den Ärztekammer-Wahlen, die im Laufe des März in den neun Landeskammern abgehalten werden, treten zahlreiche verschiedene Listen an. Allein in Wien werden mehr als ein Dutzend verschiedene Gruppierungen kandidieren. Entsprechend schwierig könnte es dann werden, Mehrheiten zu finden - auch für die Wahl des Präsidenten. Aus der Wiener Wahl vor fünf Jahren war die ÖVP-nahe "Vereinigung Österreichischer Ärzte", für die damals Dorner und heuer Steinhart als Spitzenkandidat ins Rennen geht, als stärkste Gruppierung hervorgegangen. In der Vollversammlung der Bundes-Ärztekammer wird dann am 22. Juni aus dem Kreis der neun Landespräsidenten der Präsident der Österreichischen Ärztekammer gewählt. Wahlberechtigt sind dabei dann die Präsidenten und Kurienobleute der Länder sowie die Bundeskurienobleute und ihre Stellvertreter.

Polterer im Auftrag der Ärzteschaft geht
Der Abschied kommt nicht ganz überraschend: Ärztekammerpräsident Walter Dorner (69) war seinem Image als polternder, aber pragmatischer Standesvertreter zuletzt nur bedingt gerecht geworden. Jahrelang - seit 1999 in Wien, seit 2007 österreichweit - hatte er sich für die Ärzte in die Bresche geworfen und versucht, die heterogenen Interessen der rund 40.000 Kammermitglieder unter einen Hut zu bringen. Immer stärker plagten den gewichtigen Mediziner gesundheitliche Probleme, jetzt soll sein Vize Johannes Steinhart die Nachfolge antreten.

Dorner wurde am 1. Juni 1942 in Neunkirchen in Niederösterreich geboren. 1969 promovierte er zum Doktor der gesamten Heilkunde, die Ausbildung zum Chirurgen absolvierte er in Wien. 1976 eröffnete er eine Praxis, 1979 ging er ins Heeresspital. Ab 1981 betätigte er sich in der Wiener Ärztekammer, war Vizepräsident und folgte 1999 dem verstorbenen Michael Neumann als Präsident nach. Ab 1999 war er zudem Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), nach der Wahl 2007 wurde er auch dort Präsident.

Obwohl er aus der ÖVP-nahen "Vereinigung österreichischer Ärzte" stammt, legte sich Dorner in der Zeit der schwarz-blauen Bundesregierung mit Vorliebe mit ÖVP und Wirtschaftskammer an. Der Konflikt eskalierte, als der Hauptverband der Sozialversicherungsträger 2004 die Vertragseinigung zwischen Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) und der Ärztekammer zu kippen versuchte.

Mit Martin Gleitsmann, Wirtschaftskämmerer und damals Verwaltungsratschef im Hauptverband, verbindet Dorner seither eine gut gepflegte Feindschaft, die 2010 im Streit um einen Vertrag mit der Gewerbe-Sozialversicherung SVA gipfelte. Auch mit dem derzeitigen Hauptverbands-Chef Hans-Jörg Schelling lag Dorner regelmäßig im Clinch, wogegen er SPÖ-Gesundheitsministern wie dem jetzigen Ressortchef Alois Stöger durchaus auch positive Seiten abgewinnen konnte.

Auf Konfrontationskurs ging Dorner auch mit der damaligen ÖVP-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, der er nicht nur eine Geringschätzung der Ärzteschaft und der Bevölkerung vorwarf, sondern sie - angesichts der Kritik an hohen Mammografie-Raten in Wien - auch mit der Frage "Wäre Ihre Brust keine zweite Untersuchung wert, Frau Minister?" vor den Kopf stieß.

Kein Auge trocken ließ der Vater zweier Kinder, wenn er sich für die Honorare der niedergelassenen Ärzte in die Schlacht warf. Sein dennoch guter Draht zur WGKK und deren rotem Obmann Franz Bittner war kein Geheimnis. Deftige Wortmeldungen Dorners gab es immer wieder zur Kassenfinanzierung und zu Kontrolle und Bürokratie durch E-Card oder E-Medikation. Den Hausarzt als Angelpunkt des Gesundheitssystems einzuzementieren, war ihm ein lebenslanges Anliegen.

Die auseinanderstrebenden Interessen der Ärzte unter einen Hut zu bringen, fiel Dorner zunehmend schwerer, 2007 schaffte seine Fraktion nur noch 21 der 90 Mandate in Wien. In Erklärungsnotstand kam er zuletzt, als er der vor allem von den niedergelassenen Ärzten heftig angefeindeten Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) in der Bundesgesundheitskommission zumindest grundsätzlich zustimmte.