Erstellt am 10. November 2011, 09:35

Bauernbund-Chef Grillitsch zurückgetreten. Fritz Grillitsch legt seine Funktion als Bauernbund-Präsident sowie als Vizeklubchef der ÖVP im Parlament zurück. Dies erklärte er am Donnerstag in einer Aussendung. Sein Nationalratsmandat wird Grillitsch bis zum Auslaufen der Legislaturperiode 2013 behalten. Die Übergabe der Ämter werde zügig und geordnet in den nächsten Tagen erfolgen.

Grillitsch hatte den Bauernbund zuletzt in die Schlagzeilen gebracht, als er den umstrittenen deutschen Autor Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") zu einem Vortrag nach Graz lud. Beim agrarischen Stammklientel bzw. in den Reihen des Bauernbunds soll dieser Termin, der auch Freiheitliche bis hin zu FPÖ-Obmann Strache nach Graz gelockt hatte, nur bedingt auf Begeisterung gestoßen sein. Zuletzt hatte er mit der Forderung, nicht integrierten Zuwanderern schrittweise Sozialleistungen zu streichen, auch innerhalb der eigenen Partei irritiert.

"Nach über zehn Jahren in der Spitzenpolitik ist auch für mich die Zeit gekommen, in ein normales Leben zurückzukehren und mich neuen Aufgaben zu stellen", erklärte Grillitsch. Der Beschluss sei über den Sommer gereift. Zu den jüngsten von ihm ausgelösten Konflikten in der Partei äußerte er sich nur indirekt: "Gerade in den letzten Monaten ist mir bewusst geworden, dass es für mich immer schwieriger wurde, zum notwendigen Konsens und Ausgleich der unterschiedlichen Interessensgruppen sowohl innerhalb des Bauernbundes, wie auch im Gefüge der Partei beizutragen", erklärte er.

Nachfolger von Grillitsch soll der einflussreiche Raiffeisen-Funktionär und Nationalratsabgeordnete Jakob Auer (63) werden, hieß es am Donnerstag aus gut informierten Agrarkreisen. Er werde voraussichtlich die nächsten zwei Jahre als "Interimslösung" eingesetzt, dann könnte etwa der niederösterreichische Bauernbundchef Hermann Schultes übernehmen.

Auer stoße aber "nicht nur auf Gegenliebe der übrigen Bauernbund-Spitzenfunktionäre", schreibt das Fachmagazin "Blick ins Land". "Als mögliche Kandidaten gelten auch der Obmann des niederösterreichischen Bauernbundes Hermann Schultes sowie der Obmann des Wiener Bauernbundes, Franz Windisch."

ÖVP dankt für gute Arbeit
Die ÖVP hat sich am Donnerstag in einer Vielzahl von Aussendungen von Bauernbund-Chef Fritz Grillitsch verabschiedet und ihm für seine Arbeit gedankt. Weniger freundlich fielen die Reaktionen der Opposition, aber auch des Koalitionspartners SPÖ aus. Deren Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter bezeichnete die Ablöse als große Chance für eine neue Agrarpolitik in Österreich. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache trug enttäuschten ÖVP-Funktionären eine Zusammenarbeit an.

"Fritz Grillitsch übergibt einen starken Bauernbund. Seine persönliche Entscheidung, sich zurückzuziehen, ist zu respektieren", so Spindelegger, der sich ausdrücklich für die "hervorragende Arbeit" des scheidenden Präsidenten bedankte. Die zuständigen Gremien würden sich mit der Frage der Nachfolge befassen, "und ich bin sicher, dass die Wahl auf eine profunde Persönlichkeit fallen wird".

Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich (V) dankte für das "große persönliche Engagement im Sinne des gesamten ländlichen Raumes", ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf bedauerte den Rückzug und würdigte die Loyalität seines Stellvertreters im Parlamentsklub. Generalsekretär Hannes Rauch verabschiedete den "starken Partner für Österreichs Landwirtschaft", und für den Wirtschaftsbund befand Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl, dass mit Grillitsch die Selbstständigen auf beiden Seiten näher zusammengerückt seien.

Für die SPÖ freute sich hingegen Kräuter, dass mit Grillitsch im Agrarbereich eine "Ära des Lobbyismus für Großbauern, der Reformverweigerung und der bürokratischen Strukturbewahrung" endet. Er hoffe, dass mit der künftigen Führung des Bauernbundes ein offenerer Diskussionsprozess um die Zukunft des ländlichen Raumes und die Neugestaltung der Agrarpolitik möglich sein werde.

Strache ortete ein untrügliches Zeichen dafür, dass in der ÖVP rechtskonservative und heimatverbundene Kräfte keinerlei Platz mehr haben, sollte Grillitsch tatsächlich wegen der Einladung von Thilo Sarrazin in die Wüste geschickt worden sein. Er reiche daher all jenen ÖVP-Funktionären, die mit einem von Strache konstatierten "Linksabdriften" ihrer Partei zutiefst unzufrieden seien, "die Hand, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen", formulierte es der Freiheitliche.

Der Grüne Landwirtschaftssprecher Wolfgang Pirklhuber wertete den überraschenden Abgang als Zeichen der demokratiepolitischen Krise des Bauernbundes. Er hoffe für die Zukunft auf mehr Transparenz, Offenheit und Diskursfähigkeit im gesamten agrarpolitischen Bereich, sagte er. Für das BZÖ griff Gerald Grosz zu deftigen Worten. "Es gilt das Primat der großkoalitionären Betonschädel innerhalb der ÖVP, da hat der Steirer Fritz Grillitsch verständlicherweise keinen Platz mehr."