Erstellt am 09. Juni 2015, 11:34

Burgenländische Autoren kritisieren Koalition. Die Koalition zwischen SPÖ und FPÖ im Burgenland stößt auch im Kulturbereich auf Widerstand.

Niessl und Tschürtz  |  NOEN, APA
So kritisieren die burgenländischen Autoren Clemens Berger und Peter Wagner scharf die politische Wende, ihre Ursprünge und Konsequenzen.

"Natürlich ist es widerlich, dass die SPÖ eine Koalition mit dem rechten Pack eingeht, aber es hat auch etwas Gutes: Spätestens jetzt sollten die letzten Verblendeten, die aus welchem Grund immer in der SPÖ sind und sich aus welchem Grund immer als links verstehen, die Partei verlassen und sich einem linken Projekt anschließen", erklärte Berger in einem Statement. "Und das wiederum heißt, sich nicht nur über Rassismus, Sexismus und Homophobie zu empören, sondern ihre ökonomischen Ursachen zu attackieren und die Frage nach einer anderen Gesellschaft und einem guten Leben für alle zu stellen."

"Wundern sollte sich über diese Koalition niemand"

Die SPÖ Burgenland habe "einen rechten Wahlkampf geführt, aber die, die FPÖ wollten, haben trotzdem FPÖ gewählt", so Berger. "Wundern sollte sich über diese Koalition niemand. Konsequenzen ziehen sollten alle, die Österreich und Europa nicht den rechten Hohlköpfen überlassen wollen. Wie das geht, hat Syriza vorgemacht. Weil sich nicht nur die österreichische, sondern die europäische Sozialdemokratie längst abgeschafft hat. Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom sogenannten Rechtspopulismus schweigen", so Berger.

"Taktische Manöver Straches für Wien"

Der Autor und Regisseur Peter Wagner bezeichnet die Entscheidung des burgenländischen Landeshauptmanns Hans Niessl (SPÖ), mit den Freiheitlichen zu koalieren, als "durchsichtigen Kuhhandel" der Sozialdemokraten mit FPÖ-Klubobmann Heinz-Christian Strache. Dieses "taktische Manöver Straches für Wien" solle dafür sorgen, dass der "Eintrittspreis der FPÖ" für eine Koalition auf Bundesebene "nicht sehr hoch sein wird".

Wagner betont im Gespräch, dass diese Koalition sichtbar mache, was für ein "vergiftetes Klima zwischen den beiden Großparteien SPÖ und ÖVP" herrsche, die für sich jeweils in "Biotopen aus Ja-Sagern" leben, ohne konkrete Kompromissbereitschaft zu zeigen.

Offener Brief von Peter Wagner:

x  |  NOEN, zVg
Betrifft: OFFENER BRIEF AN DEN LANDESHAUPTMANN UND LANDESHAUPTMANNSTELLVERTRETER DES BURGENLANDES

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann,
lieber Hans!

Sehr geehrter Herr Landeshauptmannstellvertreter, lieber Franz!

Was müsst ihr euch doch in den letzten Jahren und Jahrzehnten aneinander abgeplagt, ja abgequält haben, dass ihr euch so zu verabscheuen begonnen habt? Wie groß muss der Leidensdruck am jeweils anderen geworden sein, dass ihr die Regierungsarbeit der letzten anderthalb Jahrzehnte im Nachhinein offenbar als leidvolle Zwangsehe seht? „Veränderung!“, raunt ihr jetzt, und es tropft wie Angst- und Hoffnungsschweiß zugleich von eurer Stirn: „Veränderung!“ ... und ihr meint damit nichts anderes als: Nur so schnell wie möglich weg vom anderen!

Anders ist eure einhellig vollzogene Flucht zu den Blauen, die sich da abzuzeichnen beginnt – nicht einmal heimlich, still und leise, sondern lauthals röhrend -, nicht zu verstehen. Es wird die nächste Zwangsehe sein, glaubt mir - sofern sie denn zustande kommt! Denn sie speist sich aus nichts anderem als dem Zwang, an der Macht festzuhalten bzw. endlich an diese heranzukommen. Um welchen Preis, das scheint euch beiden völlig wurscht zu sein!

Lieber Hans, lieber Franz! Gibt es euch nicht selbst zu denken, wenn eure Parteigremien euch nach dieser Abstrafung durch den Wähler das volle Vertrauen aussprechen und euch jede Handlungsfreiheit für die kommenden Verhandlungen, zumal auch für jene mit der FPÖ, überlassen? Gibt es euch nicht zu denken, dass eure Funktionäre offenbar nicht einmal mehr etwas zu diskutieren bzw. in Frage zu stellen bzw. anzuregen haben – oder aber zu duckmäuserisch und feige sind, dies auch öffentlich zu äußern? Fällt euch dabei gar nicht auf, welch einen Speckgürtel an Ja-Sagern und Abnickern ihr euch in den letzten drei Regierungsperioden angefressen habt? Und sollte es darüber hinaus wirklich sein, dass dieser Umstand euch, die ihr Repräsentanten eines demokratischen Gesellschaftssystems seid, nicht einmal peinlich ist?

Es gab einmal eine Zeit, da gehörte es zum Selbstbild eines wirklich politischen Kopfes, im Falle einer groben Verfehlung (und manchmal reichte dazu schon eine Wahlniederlage aus) die für ihn einzig angemessene Konsequenz zu ziehen. Ihr wisst, was ich meine: Verantwortung auch in einer moralischen Sichtweite zu tragen – und nach dem Desaster dieses Wahlkampfs, das ihr wesentlich zu verantworten habt, zurückzutreten bzw. die Verantwortung neuen, weniger aufgebrauchten und verknöcherten Kräften zu überlassen. Diese Zeit ist vorbei, den politischen Ehrenmann gibt es nicht mehr. Und ich bedauere das sehr, es erzählt auch etwas vom Verkümmern, vom Verelenden, vom Verlieren vermeintlich aufgeklärter und politisch engagierter Menschen in unserer narzisstisch verunstalteten Gegenwart.

Um, abschließend, eines festzuhalten: Ich bin nicht dagegen, in eurer Position und jetzigen Situation mit der FPÖ zu sprechen, sie wurde immerhin ja auch von fast fünfzehn Prozent der Wählerinnen und Wähler angekreuzt – allein die Art und Weise, wie ihr polternd auf sie zuläuft, ist demütigend für jeden, der euch noch das Kreuzerl gegeben hat!

Euer Peter Wagner
Autor, Regisseur, Burgenländer
www.peterwagner.at