Erstellt am 07. September 2011, 19:22

Caritas für Einführung der Gesamtschule. Für eine gemeinsame Schule bis zum Ende der Pflichtschulzeit, gratis Kindergarten ab dem dem vierten Lebensjahr und gebündelte Schulkompetenz beim Bund spricht sich die Caritas in ihrem heute, Mittwoch, vorgestellten Forderungsprogramm "für ein sozial nachhaltiges Bildungssystem" aus.

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"Mangelnde Bildung geht oft mit materieller und in der Folge auch seelischer Not einher", so Caritas-Präsident Franz Küberl. "Das Schulsystem, das wir jetzt haben, differenziert nach Herkunft, Bildungsstand und Familieneinkommen, dabei hat jedes Kind und jeder Mensch ein Recht auf Zukunftsperspektiven."

Je geringer die Bildung, desto höher die Armutsgefahr, so Küberl. Elf Prozent der Personen mit lediglich Pflichtschulabschluss leben in manifester Armut, bei Personen mit Matura sind es nur zwei Prozent. Noch heute werde Bildung vererbt, nur knapp ein Drittel der 15- bis 34-Jährigen schaffe einen höheren formalen Bildungsabschluss als die eigenen Eltern. Die Hälfte der Kinder aus bildungsfernem Haushalt beenden die Schule nach der Pflichtschulzeit, nur 15 von 100 Kindern aus bildungsfernen Schichten wechseln nach der Volksschule in ein Gymnasium.

Um ebendiese Chancenungerechtigkeit, die bereits bei der Schulentscheidung mit dem zehnten Lebensjahr passiert, auszugleichen, fordert Küberl die Einführung einer gemeinsamen Mittelstufe der 10-bis 14-Jährigen. "Die Differenzung muss im Klassenzimmer und nicht bei der Schulwahl passieren", meint er. Individueller Förderunterricht, Teamteaching, Kleingruppenunterricht und sozialarbeiterische Interventionen sollen zur Selbstverständlichkeit werden. Damit jede Schule die Verantwortung für die Ausbildung ihrer Kinder übernimmt, solle deren Autonomie von der Personalsuche bis zur Schwerpunktbildung gestärkt und die Kompetenzen beim Bund gebündelt werden.

Auch zur neuen Lehrerausbildung hat sich die Caritas Gedanken gemacht. Die Ausbildung aller pädagogischen Berufe soll einheitlich sein, Auswahlverfahren vor dem Studium geeignete Personen herausfiltern, höhere Einstiegsgehälter und Umschulungsmöglichkeiten den Beruf attraktiver machen. Nicht nur die Lehrer, auch die Eltern sollen mehr gefordert werden. "Es ist wichtig, auch sie auf die Bildungsreise mitzunehmen", so Küberl. Nach dem Vorbild der britischen "Early Excellence Center" sollen ausgewählte Kindergärten zu Familienbildungszentren werden; generell müssten Pädagogen verstärkt Kontakt zu Eltern herstellen, Kinder auch zu Hause besuchen und so die Lebensumstände kennenlernen.

"Wo Eltern ihre Aufgabe nicht erfüllen können", beispielsweise wegen Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, "darf das Kind nicht auf der Strecke bleiben", sagte der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau. Ein flächendeckendes Angebot ganztägiger Schulformen sei "sehr wichtig für Kinder bildungsferner Eltern und für Kinder in benachteiligenden Lebenssituationen". Die zwei Kindergartenjahre vor Schulbeginn sollten ebenso kostenlos angeboten werden wie Förderstunden und das Nachholen von Bildungsabschlüssen.

"Jedes Kind ist gleich wichtig, dieser Grundsatz wird in unserer Schule jedoch noch nicht gelebt." So fordert die Caritas auch die Einhaltung der von Österreich ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention, die eine Abschaffung der Sonderschulen und ein System der inklusiven Schule vorsieht.