Erstellt am 17. Juni 2015, 06:11

Eberstaller über Rot-Blau: „…zu alt oder zu weltfremd?“. Künstler Nikolaus Eberstaller machte sich nach der Demo-Veranstaltung gegen die neue Landesregierung in einem Facebook-Posting Gedanken über Rot-Blau.

Symbol. Nikolaus Eberstaller ging mit seiner Performancesau bei der Rot-Blau-Demo in Eisenstadt mit.  |  NOEN, zVg

ROTBLAU. DIE SAU. GUT UND BÖSE. ODER?

Über die Eisenstädter Demo vom 11.6.2015

Ich hätte mir nie gedacht, dass ich eines Tages mit meinem Schwein nach Eisenstadt fahren muss. Doch gestern war es soweit. Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwartet, aber ich wusste, wer mich begleiten wird. Marie-Cochon, meine Performancesau, die sich am Geld und ihrer Gier auf Kosten anderer überfrisst.
Marie hat viel erlebt, ihre „Stadtwanderungen“ in Wien und Berlin* gingen um die Welt: das Wall Street Journal berichtete, Paris Match, Die Zeit und viele andere. Polizisten, die sich ansonsten lieber im Hintergrund verhalten, stellten sich demonstrativ an ihre Seite. Pensionisten, Kinder, Reiche mit Anstand, Arme mit Hoffnung, Akademiker, Arbeiter, Angestellte – sie alle verstanden worum es ging:
Habt keine Angst. Verändert eure Welt.

Nun flutete die Gier auch mein Land und ließ Politiker alle Prinzipien, die uns ein menschliches Miteinander ermöglichen, über Bord werfen. Die Rechten blieben, wie sie waren – aber die anderen begannen, sich ihrer Politik anzubiedern. Und das ist und bleibt zu kritisieren.
Meine Hoffnung, als Teilnehmer der gestrigen Demo gegen die meiner Meinung nach rückgratlose Landesregierung dieses wundervollen Landes auf ein buntes Abbild der burgenländischen Gesellschaft zu treffen, ging nicht auf.

Ein Großteil der ca. 350 Demonstranten waren Jugendliche. Sie veranstalteten und begleiteten den Zug durch Eisenstadt. Sonst sah ich zwei Elternpaare mit dunkelhäutigen Kindern, ein Handvoll Menschen jenseits der 40. Meine Freunde, meine Frau und ich eskotierten Marie zu sechst. Glücklicherweise, aber auch nicht ganz unerwartet, war auch Peter Wagner unter den Demonstranten. Eine befreundete Romni. Zwei von uns wurden besonders gerne fotografiert. Weil sie dekorativ waren und so gut ins Bild passten. Warum das so schien, ist mir zu dumm, um es hier zu erwähnen.

Ansonsten traf ich, obwohl ich mich hoffnungsvoll umsah, auf kein einziges bekanntes Gesicht. Ich nicht, meine Freunde nicht. Ein einstündiger Fußmarsch mit Jugendlichen, die gegen Rechts, aber auch unsere Landesregierung demonstrieren, scheint den meisten zu mühsam zu sein. Andere Kulturschaffende, die in der Öffentlichkeit stehen? Fehlanzeige. Warum nur rote Fahnen? Hätten da nicht auch die Schwarzen, die Grünen, die Pinken mitgehen können?** Oder ist der Preis zu hoch, wenn man dann "mit anderen" mitgeht? Von einigen meiner Freunde wusste ich, dass sie ihren Unternehmen zuliebe nicht in allzu breiter Öffentlichkeit mit ihrem Protest gesehen werden wollen. Sie haben die Befürchtung, Repressalien zu erleiden, gemobbt zu werden. Einige von ihnen wollten nach eigener Aussage gar "Zufälle" vermeiden. Betriebs- oder Anlagenprüfungen; gemunkelte Aufrufe zum Boykott. Arbeitsinspektorat. Das aber wären übelste Auswüchse des Machtmissbrauchs. Ich glaube selbstverständlich meinen Freunden, wenn sie mir von indirekten oder gar direkten Druck erzählen. Ein öffentliches Kontra kann demnach zu Reaktionen führen, die mitunter sogar indirekt Arbeitsplätze kosten könnten. Das klingt absurd, scheint aber leider in unserer Gesellschaft so zu sein, wenn man zwar seine freie Meinung äußern darf, die dann aber trotzdem – höflich formuliert – übel genommen wird. Wir waren also nicht nur für unsere ausländischen Freunde oder waschechten Burgenländer mit waschechten ausländischen Wurzeln, sondern auch für befreundete Unternehmer auf der Straße, die uns im Voraus dafür dankten.

So zogen also 350 Menschen in einem Land, das 288.000 Einwohner zählt durch die Landeshauptstadt. Ich fühlte mich wohl dabei, die Kernaussage der Demonstration zu unterstützen. Für die Art und Weise, wie sie umgesetzt wurde, war ich jedoch entweder zu alt oder zu weltfremd. Oder beides. Anfangs skandierte ich die vorgegeben Sprüche noch mit, doch nach wenigen Metern verstummte ich. Auch meine Begleiter gingen in stillen Protest über. Wenn wir dem Radikalen, Ausgrenzenden, Populistischen, Beleidigenden, Aggressiven in unserem Leben keinen Raum einräumen wollen, warum sollen wir dann

„Niessl verpiss’ dich – keiner vermisst dich!“
brüllen?
... oder „Tschürtz – schleich dich, Benkö – schleich dich!“?

Warum sollen wir uns provozierend – ermutigt von der schieren Überzahl "eigener" Leute – vor uns beobachtende FPÖler stellen, wenn uns doch die billige Provokation aufstößt?
Ich bin mit dem Landeshauptmann nicht per Du, werde es vermutlich auch nie sein, aber die Hoffnung bleibt so wie die Überzeugung, dass ich einen populistischen, vereinbarungsbrechenden Politiker nicht von seinem von mir als falsch empfundenen Weg abbringe, wenn ich ihn beleidige. Es genügt, dass ich ihm vorwerfe, was er getan hat.

Leider bestätigte sich bereits am Abend, was die mediale Berichterstattungen für Resonanzen in den Foren erzeugte: Großteils ablehnend. Die Bilder, die sich die Poster ansahen, lieferten ein schnelles, billiges Bild:
Berufsdemonstranten, Sozialhilfeempfänger, mit „unserem“ Geld bezahlt ziehen scherzend, schimpfend, biertrinkend durch die Stadt und müssen von 200 Polizisten (die wir auch zahlen müssen) bewacht werden: das war das Credo.

Die Demonstranten werfen den Medien vor zu manipulieren. Damit haben sie sicher teilweise recht. Aber warum liefern sie so bereitwillig das die Realität verzerrende Futter?

Nachdem während der ganzen Tour ein einziges bengalisches Feuer (sehr zu meinem Missfallen) entzündet wurde, wurde das zum Aufhänger für die Kronen Zeitung.

Aus meiner Sicht gab es neben dem pupertären Chor auch gute Redebeiträge. Aber das interessiert in der erregungsfreudigen Gesellschaft keinen. Für die, die nicht dort waren, sind die, die dort waren Idioten. Solange sie die falschen Bilder bieten und die falschen Parolen skandieren, wird sich daran nichts ändern. Rechts provoziert Links. Und umgekehrt. Ende nie.

FAZIT
Gut gemeinte, engagiert veranstaltete Demo. Allerdings und wie so oft – mit erschreckend wenig Potenzial, um über die Medien Menschen zu motivieren, über die Botschaft nachzudenken oder gar ihr eigenes Verhalten zu überdenken. So bekehrt man kaum die Andersdenkenden, befürchte ich.

Wären 350 Menschen schweigend und ohne jede Fröhlichkeit vor das Landhaus gezogen, um dort einen fünfminütigen Aufruf zur Menschlichkeit zu verlesen, wären sie ernster genommen worden. Und kein Opfer der bestehenden Vorurteile. Vielleicht hätten Sie dann sogar der LH empfangen. Dass er sich Beleidigungen nicht stellt, kann man ihm weniger vorwerfen, wie man ihm bei einer sachlicheren Auseinandersetzung sein Fernbleiben vorwerfen hätte können.

NACHSATZ
Als ich mit meinen Freunden die Sau wieder in den Bus einlud, kam ich mit Polizisten ins Gespräch. Eine Motorrad-Polizist erkundigte sich interessiert, wie Marie präpariert wurde. Als ich ihm erzählte, dass dies von einem Museum für mich gemacht wurde, kam die Antwort „ Ja, aber gezahlt hat’ s der Steuerzahler.“ Hat er nicht. Das Präparat, sämtliche Aktionen von Marie Cochon wurden in keinster Weise gefördert, haben dem Steuerzahler keinen Cent gekostet. Uns hat die Perfomancesau und ihre Aktionen bereits ein kleines Vermögen gekostet. Und ich zahle Steuern. Absurd viel.

Nachdem ich das klargestellt habe, entwickelte sich mit den Polizisten ein interessantes, offenes Gespräch: auch der Polizist klagte über die Steuerlast und die Tatsache, dass er ohne private Vorsorge nicht existieren könnte. Im Falle, dass er im Dienst zu Tode kommen würde, sei die Abfindung für seine Familie lächerlich. Abschließend bedankte ich mich, dass sie für unsere Sicherheit sorgten. Das hätten sie gerne gemacht, bekam ich zur Antwort. Und dass die Sau gerade im Parkverbot stünde, würden sie jetzt einfach nicht zur Kenntnis nehmen.

Vielleicht sind an diesem Tag ja doch ein paar Feindbilder verblasst.
Nikolaus Eberstaller, 12062015

**Ich danke Regina Petrik für folgende Richtigstellung:
Die Grünen waren dabei. Nicht nur der Landtagsabgeordnete Wolfgang Spitzmüller und sie selbst, sondern auch GemeinderätInnen und AktivistInnen, Terezija Stoisits und Grete Krojer.
*Marie Cochons Stadtwanderungen 1und 2 wurden in Wien und Berlin von Nikolaus Eberstaller und Barbara Wendelin veranstaltet. Info: www.marie-cochon.at