Erstellt am 14. August 2014, 00:09

von APA Red

Burgenland gedachte mit Festakt Grenzöffnung. Bei einem Festakt in Eisenstadt hat das Burgenland Mittwochabend der Ereignisse im Wendejahr 1989 gedacht.

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Die Massenflucht von DDR-Bürgern von Ungarn nach Österreich stand am Beginn einer Entwicklung, die zum Fall der Berliner Mauer führte. Prominente Zeitzeugen wie der ehemalige Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) und der frühere deutsche Kanzleramtsminister Friedrich Bohl erinnerten sich.

Heute feiere man und freue sich über große Erfolge, die erzielt worden seien. Damals sei die Situation jedoch "nicht so einfach" gewesen, erzählte Vranitzky. Trotz einiger Lichtblicke auch in der jungen ungarischen Regierung habe es ein System der kommunistischen Regimes gegeben: "Wir haben eigentlich 24 Stunden am Tag gefürchtet, weil wir es nicht wussten, wie sieht es mit dem Schießbefehl an den Grenzen aus."

"Lichtstrahl" und "Symbol der Hoffnung"

Die Ungarn hätten damals "große Vorleistungen" erbracht, betonte Vranitzky. Moskau habe die Zügel eng gehalten. Die ungarischen Kommunisten hätten sich jedoch "nicht immer nach dem Wunsch des Kremls gerichtet. Sie haben's pragmatisch gemacht." Der damalige ungarische Ministerpräsident Miklos Nemeth habe ihn einmal gebeten, mit ihm durch die burgenländischenDörfer zu fahren, erzählte der Altkanzler. Auf seine Frage, warum ihn das denn so interessiere, habe Nemeth damals geantwortet: "Du wirst wahrscheinlich erleben, dass sich großes ändert."

Die Ereignisse des 19. August 1989 seien am nächsten Tag in den deutschen Medien umfangreich berichtet worden, schilderte der frühere Fraktionsführer der CDU/CSU im Bundestag, Friedrich Bohl. Seines Wissens sei an dem Tag 661 DDR-Bürgern der Ausbruch nach Österreich gelungen: "Das ist uns allen schon an die Nieren gegangen."

Der August vor 25 Jahren sei "ein Lichtstrahl" gewesen, "ein Symbol der Hoffnung, dass sich nun der Eiserne Vorhang endlich öffnen könnte", erinnerte sich Horst Teltschik, damals ein enger Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. Unvergesslich seien die Bürger der flüchtenden DDR-Bürger ins Bewusstsein eingeprägt. Ungarn habe vor 25 Jahren die Grenze schrittweise geöffnet.

Wendejahr war "Wunderjahr"

Ministerpräsident Nemeth habe ihn in einem Gespräch gesagt: "Wir fragen nicht in Moskau, was wir tun dürfen - wir tun es. Wir werden, wenn Moskau dagegen ist, schon von ihnen das rechtzeitig hören." Und aus Moskau sei "kein Njet" gekommen. Teltschik dankte Österreich für die Aufnahme Zehntausender DDR-Flüchtlinge: "Ihr Land hat wie selbstverständlich diese Flüchtlinge aufgenommen und nach Deutschland ausreisen lassen."

Bundespräsident Heinz Fischer bezeichnete 1989 als ein Wunderjahr, ein annus mirabilis: Vieles habe darauf hingedeutet, dass im europäischen Geschichtsbuch eine neue Seite aufgeschlagen werden würde. Aber selbst im Frühjahr, Sommer 1989 habe man noch nicht zu hoffen gewagt, dass noch vor Ende dieses Jahres die Berliner Mauer fallen und die Wiedervereinigung Deutschlands auf die Tagesordnung der Geschichte gesetzt würde, erzählte Fischer.

In der zweiten Jahreshälfte hätten sich dann die Ereignisse überstürzt, "in weiterer Folge begannen die Dominosteine der Macht der Reihe nach zu fallen." In den 25 Jahren seit 1989 seien Ziele erreicht worden, von denen man vorher kaum zu träumen gewagt hätte.

Geschichte kennt keinen Endpunkt 

Doch die Geschichte kenne keinen Endpunkt und kein Happy End. Hinter jedem erreichten Ziel würden neue Ziele sichtbar: Eines dieser neuen, wichtigen Ziele sei, die Krise im Verhältnis zwischen Russland, der Ukraine und der EU vernünftig und nachhaltig zu lösen. Es könne nicht primär darum gehen, "wer wem durch welche Sanktionen größere Nachteile zufügt und wer damit in die Defensive gedrängt wird oder um die Frage, ob die Ukraine letzten Endes auf die Seite der EU oder auf die Seite Russlands gezogen wird", so Fischer.

Die Ukraine benötige sowohl vernünftige politische Beziehungen als auch vernünftige Beziehungen zu Russland. Und die wirtschaftliche Lage sei derzeit weder in Europa und erst recht nicht in Russland so rosig, "dass man die Belastung durch Sanktionen, Gegensanktionen und Gegen-Gegensanktionen auf lange Zeit und in wachsendem Ausmaß in Kauf nehmen kann." Für die Lösung der Probleme werde genauso viel Verantwortungsbewusstsein und Weitblick erforderlich sein, wie dies von den politisch Verantwortlichen vor 25 Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verlangt und auch erbracht worden sei, sagte Fischer.

Burgenland ins Herzen Europas gerückt

Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) bezeichnete das Jahr 1989 und den Fall des Eisernen Vorhangs als einen "Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Völker" mit gravierenden Auswirkungen auch für Österreich und das Burgenland (SPÖ). Burgenland sei jahrzehntelang "der östlichste Teil des Westens" gewesen und mit dem Fall des Eisernen Vorhangs "ins Zentrum, ins Herzen eines neuen Europas gerückt."

Den Abschluss des Abends bildete eine von den Seefestspielen Mörbisch gestaltete Operettengala. Intendantin Dagmar Schellenberger erlebte die Maueröffnung im November 1989 in Berlin während einer Vorstellung der Komischen Oper. "Es bewegt mich nach wie vor und wird mich mein ganzes Leben lang begleiten", erzählte die Kammersängerin.