Erstellt am 08. Juli 2015, 07:06

von Wolfgang Millendorfer

„Zelte können nur eine Notlösung sein“. Asylwerber kämpfen mit erschwerten Bedingungen. Suche nach „menschenwürdigen“ Quartieren.

Bis zu 40 Grad unter dem Zeltdach. Die Hitzewelle macht den Asylwerbern zu schaffen. Auch nachts sei an Schlaf kaum zu denken, wird geklagt.  |  NOEN, Wolfgang Millendorfer
Die ersten Tage in Eisenstadt waren vom Kampf gegen die Hitze geprägt. Bis zu 40 Grad und mehr konnte man in den Zelten messen, die am Gelände der Landespolizeidirektion aufgestellt worden waren.

160 Flüchtlinge werden hier untergebracht. Entgegen anders lautender Meldungen will man seitens des Innenministeriums die Kapazitäten voll ausschöpfen.

Nur wenige Tage nachdem Ministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) die Zelte in den säumigen Bundesländern Burgenland und Kärnten angekündigt hatte, kamen die ersten Flüchtlinge in Eisenstadt an.

Dem vorausgegangen war ein Polit-Streit, der nach wie vor anhält – BVZ.at hatte berichtet:



Die Landtagsparteien geben einander die Schuld (siehe Zitate unten), zugleich ist man sich einig, dass die Unterbringung in Zelten „nicht menschenwürdig“ sei. Auch die Hilfsorganisationen des Landes betonen: „Die Zelte können nur eine absolute Notlösung sein.“

Quartiere: „Der Norden muss sich anstrengen“

Während die Asylwerber nicht nur unter dem Warten auf ein fixes Quartier, sondern auch unter den erschwerten Bedingungen leiden, versuchen Polizei und die Betreuer der Firma OSR mit Hilfsgütern und Wasser Abhilfe zu schaffen.

Laut Polizei-Sprecher Helmut Marban sei man auf eine längerfristige Unterbringung eingestellt.

x  |  NOEN, Wolfgang Millendorfer


Währenddessen wird weiterhin fieberhaft nach Unterkünften gesucht. „Wir sind ständig in Verhandlungen und wollen die Asylwerber in guten Quartieren unterbringen“, betont Burgenlands Flüchtlingskoordinator Wolfgang Hauptmann im BVZ-Gespräch. Vor allem der Landesnorden müsse sich hier „noch mehr anstrengen“.

Allerorts setzt man dabei auch auf private Unterkunftgeber und appelliert an das Verständnis der Gemeinden. Neue Quartiere sollen in Kürze eröffnet werden. So wird der Arbeitersamariterbund in der ehemaligen landwirtschaftlichen Fachschule in Neusiedl am See in zwei Wochen mehr als 20 Asylweber unterbringen.




x  |  NOEN, Wolfgang Millendorfer
Das Rote Kreuz ist indes auf der Suche nach einer dauerhaften Lösung für die Betreuung der im Burgenland aufgegriffenen Flüchtlinge.

Caritas und die Diözese haben in zehn Pfarrhöfen Quartier für rund 50 Personen geschaffen und planen dasselbe für weitere 15 Pfarren.

Seitens des Bischofshofes wird aber auch auf eines der aktuellen Probleme hingewiesen: Mit den bestehenden Tagsätzen von maximal 18,50 Euro pro Flüchtling und Tag sei eine adäquate Unterbringung kaum möglich, heißt es.

Hilfe gesucht:

Innenministerium und Land suchen private Unterkunftgeber:
Tel. 0800/23 00 90, 02682/600-2331

Mit „Machbar in Not“ suchen Caritas, Rotes Kreuz, Diakonie und Volkshilfe Unterkünfte
Tel. 01/8904831

Die Pannonische Tafel will eine Solidaritätsgemeinschaft bilden.
Infos: pannonischetafel.com
Tel. 02682/618 90


Zitiert:

„Wir brauchen eine gerechte Verteilung der Asylwerber in kleinen Einheiten. Mit einem Asylgipfel sollen Massenquartiere verhindert und mit den Gemeindevertretern Lösungen gefunden werden.“
Landeshauptmann Hans Niessl (SP)

„Wir alle sind Zeugen einer besonders einfältigen Retourkutsche der ÖVP gegen die bevorstehende rot-blaue Koalition. Trotz aller Lippenbekenntnisse zu Menschlichkeit und gewissen Mindeststandards bei den Unterkünften lässt die Innenministerin ein weiteres Massenquartier errichten.“
FPÖ-Landesobmann Hans Tschürtz

„Es genügt einfach nicht, nur von ‚kleinen Einheiten‘ bei der Unterbringung von Asylwerbern zu träumen, während die Realität ganz anders aussieht. Niessl und sein Helfershelfer Tschürtz wissen seit Wochen, dass die vorhandenen Quartiere nicht ausreichen und blieben trotzdem untätig.“
Thomas Steiner, ÖVP-Obmann und Bürgermeister von Eisenstadt

„Wir hätten im Land genügend Quartiere, manche stehen sogar leer. Das Problem ist, dass immer irgendwo ein Bürgermeister oder panisch werdende Bevölkerungsteile sagen: ,Wir wollen das nicht!‘“
Grünen-Sprecherin Regina Petrik

„Wir brauchen kein politisches Hick-Hack. Jetzt kann Tschürtz, der für die Sicherheit zuständig ist, die versprochenen Grenzkontrollen einführen und für die Einhaltung des Dublin-Abkommens sorgen.“
LBL-Mandatar Manfred Kölly

„Zeltstädte sind keine Option, sondern allenfalls ein Armutszeugnis für die handelnden Politiker. Im Umgang mit Schutz suchenden, zum Teil schwer traumatisierten Menschen und deren Grundversorgung braucht es bei den Verantwortlichen in Bund und Ländern Besonnenheit und Sachlichkeit.“
Ulrike Kempf, stellvertretende Pressesprecherin des Bischofshofes

„Das Burgenland ist aktuell Schlusslicht in der Einhaltung der Asylquote – aber wir wollen die Flüchtlinge nicht in Notquartieren unterbringen, wie in anderen Bundesländern, sondern langfristige Lösungen. Und das braucht eben seine Zeit.“
Flüchtlingskoordinator Wolfgang Hauptmann

„Zelte können nur eine absolute Notmaßnahme sein. Auch wir vom Roten Kreuz brauchen für die Unterbringung von aufgegriffenen Flüchtlingen – etwa in Neusiedl am See und im Bezirk Mattersburg – dringend eine vernünftige Lösung.“
Rotkreuz-Präsident Bruno Wögerer

„Es ist höchste Eile geboten, da die Zustände in großen Quartieren geradezu unmenschlich sind. Es muss alles getan werden, um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern.“
Arbeitersamariterbund-Präsident Wolfgang Dihanits

„Wir wissen alle, dass die Quartiere knapp sind, aber leider sind diese Flüchtlingsströme nicht erst seit gestern bekannt. Hier sind wirklich alle Parteien gefordert.“
Volkshilfe-Geschäftsführer Thomas Eminger


Zahlen & Fakten

  • Das Burgenland müsste laut Asylquote 1.411 Flüchtlinge unterbringen. Darauf fehlen derzeit rund 180 Plätze.

  • Vor einem Jahr gelangten pro Woche noch rund 300 Flüchtlinge nach Österreich, heute sind es wöchentlich rund 1.800. Die Zahl der im Burgenland untergebrachten Asylwerber stieg im Lauf eines Jahres von 600 auf mehr als das Doppelte an. Gab es damals 26 Quartiere, so sind es heute 77.

  • Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien und Afghanistan nach Österreich, gefolgt von Irak, Iran und Somalia.

Quelle: Land Burgenland