Erstellt am 19. Februar 2012, 22:26

Joachim Gauck - Deutsches Staatsoberhaupt im zweiten Anlauf. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Nominierung des ehemaligen DDR-Bürgerrechtlers Joachim Gauck als gemeinsamen Kandidaten der Unionsparteien, der FDP, SPD und der Grünen für das Amt des Bundespräsident verkündet.

epa03113436 German Chancellor Angela Merkel (R) and former East German rights activist Joachim Gauck (L) during a press conference at the Chancellery in Berlin, Germany, 19 February 2012. The German governing coalition has reached agreement with the SPD and Greens for the East German civil rights activist Joachim Gauck as a candidate for federal president. EPA/ROBERT SCHLESINGER  |  NOEN, ROBERT SCHLESINGER (DPA)
Bei "aller Verschiedenheit" mit Gauck sei er der beste Kandidat für das Amt, sagte Merkel bei einer Pressekonferenz mit Gauck und den Chefs der anderen nominierenden Parteien in Berlin.

Der SPD-Chef Sigmar Gabriel würdigte Gauck als Kandidaten, der sich nicht "in billiger Parteienschelte" ergehe und den Bürgern den Glauben an die durch den Amtsvorgänger Christian Wulff beschädigte Institution zurückgeben werde. "Ende gut, alles gut." Die Kandidatur von Gauck sei ein gutes und wichtiges Signal an die Bevölkerung. Er bedankte sich bei den Spitzen der schwarz-gelben Koalition für die Zustimmung zu Gauck. Es sei bedauerlich, dass Gauck nicht schon 2010 als Kandidat der SPD und Grünen gegen den am Freitag zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff gewählt worden sei. "Deswegen ist es gut, dass er jetzt ein gemeinsamer Kandidat ist."

Auch FDF-Chef Philipp Rösler betonte, Gauck werde dem Amt seine Autorität zurückgeben. "Ich glaube, er wird eine guter Präsident." Die grüne Ko-Vorsitzende Claudia Roth lobte Gauck; er werde dem Amt wieder Respekt einbringen, und "moralische Autorität" verleihen.

Der frisch gekürte deutsche Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck betonte, es sei für ihn ein besonderer Tag. "Am meisten bewegt es mich, dass ein Mensch, der noch geboren ist im Krieg und in der Diktatur aufgewachsen ist, an die Spitze des Staates gerufen wird." Gauck sagte, er werde als politischer Lehrer unterwegs sein, und bat die Zuhörer im Voraus, ihm seine ersten Fehler im Amt zu verzeihen. Die Anreise aus Wien, wo Gauck am Sonntag noch auftrat, habe ihn überwältigt, und er müsse sich noch auf die neue Aufmerksamkeit einstellen. "Es schadet nichts, dass sie sehen, dass ich überwältigt und auch ein wenig verwirrt bin."

Die deutsche Bundeskanzlerin, ebenso wie Gauck in der DDR aufgewachsen, hatte zuvor betont, die gemeinsame Geschichte als vormalige Bürger unter einer Diktatur stelle ein Band zwischen ihnen dar. Merkel waren in der Vergangenheit Abneigungen gegen Gauck nachgesagt worden. Aus Regierungskreisen hatte es geheißen, die Entscheidung zu Gauck sei auch vom Druck in der Euro-Krise motiviert worden. Demnach habe die Regierungskoalition über die schwierige Kandidatensuche zuweilen auch vor dem Zerbrechen gestanden.

Joachim Gauck entspricht dem Anforderungsprofil an den neuen Bundespräsidenten Deutschlands mehr als jeder andere der gehandelten Kandidaten. Er gilt als integer und redlich, ist bei den Bürgern beliebt, steht über den Parteien, hat aber stets den Respekt einer breiten politischen Mehrheit genossen.

Nun schickt sich der Theologe und frühere Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde an, als erster Ostdeutscher das höchste Staatsamt der Bundesrepublik zu erklimmen. Vor zwei Jahren hatten ihm Union und FDP noch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt tragen sie ihn mit.

Bei der Kandidatur 2010 war Gauck auf dem Ticket von SPD und Grünen gefahren und hätte seine Außenseiterchance fast nutzen können. Wirklich gute Argumente gegen Gauck hatte auch die schwarz-gelbe Koalition aus Unionsparteien und FDP nicht.

Erst im dritten Wahlgang konnten Union und FDP ihren Kandidaten, den vormaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, durchsetzen. Der "Wahlkampf" war weitgehend fair verlaufen, was Wulff nach der Wahl ausdrücklich anerkannte.

Nachdem Wulff am Freitag das Handtuch geworfen hatte, schoben die Sozialdemokraten Gauck erneut ins Rampenlicht. Als ihren "Favoriten" bezeichneten die Sozialdemokraten den 72-Jährigen, ohne aber auf seiner Kandidatur zu beharren.

In den Blitzumfragen nach dem Wulff-Rücktritt hatte Gauck im Bürgervotum die Nase vorn. Am Freitagabend bei einem Auftritt in Koblenz hatte sich Gauck noch bedeckt gehalten und wollte weder den Rücktritt Wulffs noch eigene Ambitionen kommentieren. "Mein Terminkalender ist gut gefüllt und ich bin ein beschäftigter, glücklicher Mann", sagte der 72-Jährige.

Schon vor eineinhalb Jahren hatte seine Nominierung bei den Bürgern und im Internet Begeisterungsstürme ausgelöst. Dem Freiheitsprediger Gauck flogen die Herzen der Deutschen zu und auch im Regierungslager wurden Sympathien für ihn laut.

Der im Kriegsjahr 1940 als Kapitänssohn in Rostock geborene Gauck wollte in der DDR eigentlich Journalist werden, erhielt aber keinen Studienplatz für Germanistik. Kein Wunder, hatte er sich doch der Pionierorganisation ebenso verweigert wie der Jugendorganisation "Freie Deutsche Jugend". So studierte er nach dem Schulabschluss evangelische Theologie und wurde Pfarrer.

Im Wendejahr 1989 engagierte sich Gauck im Neuen Forum. Dort kümmerte er sich um die Aufdeckung des Überwachungsapparates der DDR. Dieses Aufgabenfeld sollte Gauck in den folgenden elf Jahren nicht mehr loslassen. Das Amt des "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" übte er überaus streitbar aus.

Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) etwa, dessen Kontakte zur Stasi jahrelang die deutsche Politik beschäftigten, fühlte sich von Gauck ungerecht behandelt. Konflikten geht der streitbare Intellektuelle demnach nicht aus dem Weg und der Kampf für die Freiheit ist sein Lebensmotto.

Über das höchste Staatsamt hat der redegewandte Gauck zudem präzise Vorstellungen: "Als Repräsentant des ganzen Volkes kann der Bundespräsident zwischen den Regierten und den Regierenden vermitteln und zu einer besseren Verständigung zwischen ihnen beitragen."

Bei seinem Abschied als Chef der Stasiunterlagenbehörde im Jahr 2000 hatte Gauck gesagt, Bundespräsident wolle er nicht werden. Ein Mecklenburger wisse um seine eigenen Grenzen. 2010 versuchte Gauck es noch erfolglos. Bei der unverhofft schnellen zweiten Chance dürfte es nun klappen.