Erstellt am 16. September 2015, 08:37

von Michaela Grabner

Karim El-Gawhary: „Europa wird sich verändern“. Tausende Menschen flüchten derzeit nach Österreich – auch das Burgenland ist von der Flüchtlingsflut betroffen. Journalist Karim El-Gahwary präsentierte vor kurzem sein neues Buch „Auf der Flucht“ - mit der BVZ sprach er darüber und über die Lage.

Karim El-Gawhary analysiert im Gespräch mit der BVZ die Flüchtlings-Krise.  |  NOEN, BVZ

In „Auf der Flucht“ erzählen El-Gahwary und Mathilde Schwabeneder Geschichten der Flüchtlinge. Der Journalist und Nahost-Experte nahm sich die Zeit, um mit der BVZ über das aktuelle Thema zu sprechen.

BVZ: Derzeit greift die Polizei allein im Burgenland rund 1.000 Flüchtlinge wöchentlich auf. Wie wird sich der Flüchtlingsstrom Ihrer Meinung nach weiter entwickeln?
Karim El-Gawhary: Da die Probleme an der Quelle, sprich bei den Kriegen in Syrien und im Irak und bei repressiven Regimen wie das in Eritrea nicht so schnell gelöst werden können, wird das so weitergehen. Und ob wir wollen oder nicht, die Menschen kommen sowieso. Der Grad der Verzweiflung auf meiner Seite des Mittelmeeres wird immer höher sein, als die höchste Mauer, die man um Europa ziehen kann.

„Viele der syrischen Kinder liefern
Zeichnungen des Grauens ab“

BVZ: Was sind Ihrer Erfahrung nach letztendlich die Auslöser dafür, dass diese Menschen aus ihrer Heimat flüchten? Mit welchen Hoffnungen undVorstellungen begeben sie sich auf die Flucht?
Zu Beginn des Buches wird eine Kinderzeichnung gezeigt. Am lila gekritzelten bedrohlichen Himmel ist schemenhaft ein Flugzeug zu erkennen. Schon deutlicher sind die Bomben zu sehen, die es abwirft. Unten werden schwarze Figuren in Stücke gerissen. Am meisten sticht das Rot ins Auge, der Schwall von Blut, den das Kind mit Wachsmalkreide zwischen abgerissenen Gliedmaßen, Köpfen  und um jede einzelne Figur gezeichnet hat. Das Bild stammt von dem achtjährigen syrischen Flüchtlingskind Abdallah im Libanon und wurde mir in einem Kindergarten im libanesischen Beirut gezeigt, der ein paar der Kleinen aus dem Nachbarland aufgenommen hat. Viele der syrischen Kinder liefern solche Werke des Grauens ab. Ein Grauen, dass sie sich nicht in ihren kleinen Köpfen ausgedacht haben können, sondern dass sie zu Papier bringen, weil sie es selbst erlebt haben. Die Zeichnung sagt mehr aus, als tausend Berichte aus dem syrischen Krieg, die kaum mehr einer liest. Wovor Abdallah mit seiner Familie geflohen ist, bedarf keiner weiteren Erklärung mehr.  Was hat ein Kind erlebt, das so etwas zeichnet?

BVZ: Wie beurteilen Sie die aktuelle Flüchtlingspolitik der Europäischen Union?
Man hat viel zu lange den Kopf in den Sand gesteckt und gehofft dass der Krug irgendwie vorrübergeht, obwohl es absehbar war, dass diese die größte Fluchtbewegung seit dem 2 .Weltkrieg ist. Besonders ärgerlich finde ich, dass man so tut, als ob das ganze ähnlich einer Naturkatastrophe überraschend käme. Ich erwarte von Politikern nicht nur, dass sie dieses Problem mehr schlecht als recht verwalten, sondern dass sie eine Vision entwickeln, wie man damit umgeht.

„Man muss sich Gedanken machen: Das
jetzige Asyl-System ist de facto kollabiert“

BVZ: Wie sehen Sie die Forderung nach einem "zeitlich befristeten Asyl" in Österreich oder einem Modell, wie in Deutschland diskutiert, allenSyrern zwecks schnellerer Abwicklung sofort Asylstatus anzuerkennen?
Ich glaube, man muss das Problem schon eher anpacken, damit die Menschen nicht gezwungen sind, lebensgefährliche Reisen über das Meer zu unternehmen. Es gibt bereits im Libanon Flüchtlinge, die von der UN als besonders verwundbar eingestuft wurden, also Leute, die gefoltert oder vergewaltigt wurden, Kinder die ihre Eltern, Frauen die ihre Männer verloren haben. Diese Menschen sollten Priorität bekommen und im Libanon einen Flüchtlingsstatus für Europa bekommen. Wie es jetzt läuft, haben nur die Menschen eine Chance, die genug Geld haben, um nach Europa zu kommen. Syrern, die es nach Europa geschafft haben, sollte man generell Asyl gewähren. Man müsste europaweite Schlüssel zur Aufnahme einführen und das Ganze in geregelte Bahnen lenken. Man muss sich sicher Gedanken machen, wie man das ganze Asyl-System überarbeitet. Das jetzige ist de facto kollabiert.  Bei all dem muss man immer wissen, dass Europa mit dem Problem nicht alleine steht. Ein Viertel der Bevölkerung im Libanon sind syrische Flüchtlinge. Auf Österreich umgerechnet wären das zwei Millionen Menschen.   

BVZ: Wie beurteilen Sie die Stimmung in Österreich? Glauben Sie dass die Österreicher der Aufnahme weiterer Flüchtlinge positivgegenüberstehen oder  könnte die Lage aus ihrer Sicht aufgrund der Vielzahl der Menschen, die derzeit ins Land kommen "eskalieren"?
Hier gibt es mehrere Österreichs, eines das eine unglaubliche Hilfsbereitschaft an den Tag legt und eines das mit Demagogie mit den Ängsten der Menschen spielt. Die einen brauchen Unterstützung, den anderen müssen Visionen gegeben werden, damit sie umdenken. Europa wird sich mit diesen Flüchtlingen verändern, ob wir das wollen oder nicht.

„Als Korrespondent für die Arabische Welt
habe ich gleich dreifach mit Flucht zu tun“

BVZ: Wie  viel Zeit haben die Recherchen für Ihr Buch in Anspruch genommen? Wie geht man damit um, mit so viel menschlichem Leid und solchen Schicksalen konfrontiert zu werden?
Mein Kopf ist voll mit so vielen Flüchtlingen, die ich in den letzten Jahren getroffen habe und deren Geschichten auch der Inhalt dieses Buches sind. Amscha, die Jesidin, die ich in einem kleinen Dorf in der Nähe des kurdischen Dohuk getroffen habe, wo sie sich vor ihren IS-Peinigern geflüchtet hat, die sie zuvor wie Vieh verkauft und gekauft hatten. Oder der kleine 13jährige Ibrahim, dessen Mutter es zwei Wochen zuvor zusammen mit ihm und 140 anderen Flüchtlingen auf einem Kahn von der Küste östlich von Alexandria aus nach Italien schaffen wollte, als die ägyptische Küstenwache das Boot ausbrachte, und Ibrahims Mutter direkt neben ihm erschoss.  Oder der junge Essam, den ich in einem Hinterzimmer im libanesischen Tripolis getroffen habe, mit mehreren Schusswunden aus dem Krieg in Syrien und einigen Kugeln im Körper, der mir eine seiner Nieren zum Verkauf anbot, um im Gegenzug endlich medizinisch versorgt zu werden. Als Korrespondent für die Arabische Welt habe ich gleich dreifach mit Flucht zu tun. Da sind die arabischen Länder wie Syrien und der Irak, deren unsagbar brutalen Konflikten die Menschen zu entfliehen suchen. Es sind aber auch arabische Länder, in die die meisten  fliehen. Über 90 Prozent der syrischen Flüchtlinge leben heute in den Nachbarländern, also auch im Libanon und Jordanien, mit Flüchtlingszahlen im Verhältnis zu Bevölkerung, die man sich in Europa nicht einmal annähernd vorstellen kann.  Und es sind die Mittelmeerküsten der arabischen Welt, die dem Rest als Ausgangspunkt für ihren Traum nach einem sichereren und besseren Leben dient.  Es ist unmöglich in der Arabischen Welt dem Thema Flucht zu entfliehen.
 
BVZ: In der Presseinformation über Ihr Buch wird angekündigt, dass das letzte Kapitel zeigt, wie eine menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen erfolgen kann? Wie soll dies aussehen?
In dem Kapitel geht es um die oberstösterreichische Gemeinde Großraming, 2700 Einwohner und 50 Flüchtlinge. Ich habe mir diesen Biotop angesehen, einmal nicht als Korrespondent, sondern als Lokalreporter, habe mit Bürgermeister, Pfarrer, den Freiwilligen aus dem Dorf in der Flüchtlingsplattform, Anrainern zum  Flüchtlingsheim und dem Stammtisch im Kirchenwirt gesprochen und natürlich auch mit den Flüchtlingen selbst. Mit meinen mehreren Sprachen habe ich mich mit allen Seiten auseinandergesetzt. Das Ergebnis hat mich sehr positiv überrascht. Das Kapitel ist mit dem Titel „Das Tal nicht mehr im Kopf“ überschrieben.