Erstellt am 19. August 2015, 09:15

von APA Red

"Katz- und Mausspiel mit den Schleppern". Allein im Bezirk Neusiedl am See werden täglich bis zu 200 Menschen aufgegriffen. Die Rot-Kreuz-Mitarbeiter berichten über die Lage: "Viele haben drei bis vier Tage nichts gegessen."

 |  NOEN, APA/Hans Klaus Techt
Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge, die nach Österreich kommen, reisen mittlerweile über Ungarn ein. Alleine im Bezirk Neusiedl am See werden täglich bis zu 200 Menschen aufgegriffen.

Die Polizei ist in den Nachtstunden mit zwölf Streifen unterwegs, sieben davon aus dem Bezirk, fünf aus dem restlichen Burgenland, sagt Polizeisprecher Wolfgang Bachkönig bei einem Lokalaugenschein der APA.

"Das geht das schon an die Substanz"

"Die Beamten müssen sowohl physisch als auch psychisch an die Grenzen der Belastbarkeit gehen. Besonders wenn Familien mit Kleinkindern aufgegriffen werden, geht das schon an die Substanz", erklärt Bachkönig. Immer wieder werden Flüchtlinge von den Schleppern auf der Ostautobahn (A4) einfach ausgesetzt, es kommt dabei zu "prekären Situationen", schildert Gerhard Braunschmidt, Kriminaldienstreferent für den Bezirk Neusiedl am See.

Die Bevölkerung sei sensibilisiert. "Wenn auf der Autobahn Flüchtlinge gesichtet werden, gibt es bei uns minütlich Anrufe", sagt Braunschmidt. "Es ist ein Katz- und Mausspiel mit den Schleppern."

Diese lassen die Menschen an exponierten Stellen, "in der Pampa" raus, "und sind, wenn wir ankommen, längst über alle Berge". "Sie halten an Autobahnzubringern, auf Seitenwegen, die durch üppige Vegetation verdeckt sind, laden dort quasi die Menschen aus", sagt der Polizist.

"System der Schlepper ist durchdacht"

Anfang August hat Ungarn begonnen, einen umstrittenen Grenzzaun zu Serbien zu errichten. Die 175 Kilometer lange und vier Meter hohe Absperrung nahe der südungarischen Ortschaft Asotthalom soll die Zuwanderung von Flüchtlingen zu verhindern.

"Uns kommt es so vor, dass durch den Zaun die Situation verstärkt wurde, dass versucht wird, so viele Menschen wie möglich noch durchzubringen, bevor der Zaun fertig ist", sagt Braunschmidt.



Dienstagabend, ein Windschutzgürtel auf einer Landesstraße, zwei Kilometer von der Autobahnauffahrt entfernt. Links stehen meterhohe Bäume, rechts verdeckt ein Maisfeld die Sicht. Am Straßenrand liegen Kleidungsstücke, Zahnbürsten, Schuhe. "Das ist eine typische Ausladestelle", erklärt Braunschmidt.

Lediglich eine Minute beträgt die Fahrzeit zur Autobahnauffahrt. "Das System der Schlepper ist durchdacht, von hier sind sie in fünf Minuten in Ungarn." "Es ist skrupellos, wie Schlepper mit Menschenleben umgehen. Der Zustand der Geschleppten ist oft dramatisch, sie werden auf engstem Raum zusammengepfercht", sagt der Beamte.

Unter Flugdach von Rotem Kreuz versorgt

19.50 Uhr, Bahnhof Bruck an der Leitha. Ein Mitarbeiter der ÖBB verständigt die Polizei. Sie greift acht Pakistani und drei Syrer auf. Die Männer sind von Ungarn eingereist, haben Zugtickets bei sich. "Kommen wir in ein Gefängnis oder in ein Camp", fragt einer der Pakistani in gebrochenem Englisch.

Alle elf "unrechtmäßig aufhältige Fremde" (UAF), wie es im Polizeijargon heißt, werden zur Sammelstelle in Nickelsdorf direkt am Grenzübergang zu Ungarn gebracht. Zuvor werden die Männer noch erstregistriert, sie bekommen nummerierte, goldfarbene Papierarmbänder.

Bei der ehemaligen Schwerverkehrs-Grenzkontrollstelle Nickelsdorf befindet sich das Polizeikooperationszentrum. Unter einem Flugdach werden die Flüchtlinge vom Roten Kreuz versorgt. Zahlreiche Feldbetten stehen am Asphalt, es ist kühl. Bei Regenwetter können die Flüchtlinge in zwei Reisebussen unterkommen, einige schlafen auch darin.

Insgesamt 110 Personen müssen hier - de facto im Freien - die Nacht verbringen, unter ihnen sind auch Kinder. Bis zu 48 Stunden können die Flüchtlinge auf der Sammelstelle angehalten werden, ehe sie zur Ersteinvernahme mit einem Dolmetscher ins sogenannte Kompetenzcenter Eisenstadt gebracht werden.

"Von Belastung her der absolute Hotspot"

Zwei syrische Familien mit insgesamt fünf Kleinkindern, das jüngste ein erst sechs Monate altes Baby, haben an diesem Dienstagabend Glück. Sie werden noch in den Abendstunden nach Eisenstadt gebracht. Die 13 Familienmitglieder wurden am Nachmittag aufgegriffen, als sie zu Fuß zwischen Parndorf und Bruckneudorf unterwegs waren.

Ihre Flucht aus Syrien dauerte 20 Tage, schildert eine der Frauen. Das Rote Kreuz hat unter dem Flugdach mehrere Container aufgebaut, einer dient als Ambulanz. Darin steht auch unterschiedlichste Babynahrung bereit. RK-Mitarbeiter geben den Müttern noch Fläschchen für die Babys mit.

In zwei Schichten betreuen Freiwillige die Flüchtlinge, immer dabei ist auch ein Sanitäter. Die erste Schicht dauert von 7.00 bis 13.00 Uhr, die zweite von 19.00 bis 22.00 Uhr. In der Zwischenzeit sind lediglich Polizisten an Ort und Stelle.

"Das hier ist von der Belastung her der absolute Hotspot", sagt Maria, die ehrenamtlich in der Sammelstelle tätig ist. "Heute war es besonders schlimm, es sind Menschen gekommen, die bereits extrem hungrig waren, die tagelang nichts gegessen haben", schildert sie. Von 50 Packungen Toastbrot ist nur noch wenige übrig.

Container als Kleidungs-Ausgabestelle

Verpflegt werden die Flüchtlinge an diesem Tag mit Broten, Gemüsesuppe und Nudeln mit Tomatensoße. Die große Hitze ist vorerst vorbei, die Nacht ist kalt. Ein weiterer Container dient als Ausgabestelle für gespendete Kleidung - warme Jacken und Decken sind gefragt.

"Wir haben hier Kinder gesehen, die lediglich in Handtücher gewickelt waren", erzählt Elisabeth. Einmal pro Woche hilft sie in Nickelsdorf, vier bis sechs Freiwillige arbeiten pro Schicht.

"Wir kümmern uns um die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge, viele sind wahnsinnig hungrig, haben drei bis vier Tage nichts gegessen", schildert Tobias Mindler, Sprecher vom Roten Kreuz Burgenland. "Sie stürzen sich dann richtig auf unseren Toast, unser Suppe." Manche Flüchtlinge haben bei ihrer Ankunft auch tagelang nicht geschlafen, "sie fallen direkt auf die Feldbetten", erzählt Mindler.

Flüchtlinge "unglaublich freundlich und bemüht"

"Vielen Flüchtlingen ist bei ihrer Ankunft überhaupt nicht klar, wo sie eigentlich sind. Sie benötigen Informationen, wollen wissen, wie es weitergeht", sagt der RK-Sprecher. Im Sammelzentrum gebe es ein "ständiges Kommen und Gehen". Den größten Anteil stellen "junge Männer. Der stärkste in der Familie wird vorgeschickt", sagt Mindler.

Immer wieder gebe es auch Flüchtlinge mit Verletzungen. "Wenn wir Glück haben, ist ein Arzt unter den Freiwilligen", erzählt der Sprecher. Probleme gibt es mit den Flüchtlingen "überhaupt keine, sie sind unglaublich freundlich und bemüht", sind sich die RK-Mitarbeiter einig. Bevor die Freiwilligen gegen 22.30 Uhr ihren Dienst beenden, belegen sie für die neuankommenden Menschen noch zahlreiche Brote, für die Nacht.

Rund eine Stunde später wird eine Polizeistreife auf der A4 in Fahrtrichtung Wien bei Mönchhof auf ein verdächtiges Fahrzeug aufmerksam. Die Scheiben des alten, weißen Kombis mit serbischen Kennzeichen sind verdunkelt. 13 Männer sind auf der Ladefläche zusammengepfercht. Sieben Iraker, sechs Syrer.

Als ein Polizist die Ladetüren öffnet, halten sich die Flüchtlinge die Arme schützend vor den Kopf, sie wirken erschöpft. Auch diese Männer werden in das Sammelzentrum Nickelsdorf gebracht. Der Fahrer - der mutmaßliche Schlepper - wird festgenommen.