Erstellt am 05. Dezember 2013, 01:00

Lehrer hielten Dienststellenversammlungen ab. Mit rund zweistündigen Dienststellenversammlungen in den Randstunden haben am Donnerstag die Lehrer an den allgemeinbildenden höheren (AHS) und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) österreichweit gegen das geplante neue Lehrerdienstrecht protestiert.

Weitere Protestmaßnahmen schließen die Lehrer nicht aus, zunächst sollen aber die Parlamentarier von ihren Anliegen überzeugt werden.

Gegen höhere Unterrichtsverpflichtung und Minderqualifizierung

Die Lehrer protestieren vor allem gegen die im neuen Dienstrecht vorgesehene höhere Unterrichtsverpflichtung für neue Pädagogen, den Einsatz von geringer qualifizierten Lehrern und den möglichen Einsatz von Lehrern in Fächern, für die sie nicht ausgebildet wurden.

Zahlreiche "Widersprüche zur Realität" ortete Christgewerkschafter Dieter Reichenauer in der Kommunikation der Regierung zur Reform: Es handle sich um kein attraktives Angebot, betonte er vor den Lehrern im prall gefüllten Festsaal. Immerhin bringe es bis zu 28 Prozent mehr Arbeit und eine durchschnittlich um zwanzig Prozent geringere Lebensverdienstsumme.

Fortbildung "realitätsfremd", verwirrendes Bild vom Berufseinstieg

Die höhere Unterrichtsverpflichtung - statt bisher je nach Fach 17 bis 22 Stunden Unterricht müssen Lehrer künftig 22 Wochenstunden Unterricht plus je eine Stunde als Klassenvorstand, Mentor oder Lernbegleitung und Schüler-bzw- Elternberatung leisten - führe außerdem zum Verlust tausender Arbeitsplätze.

Für belustigte bis empörte Reaktionen sorgten Reichenauers Ausführungen zum künftigen Berufseinstieg: Es sei der Gewerkschaft "völlig schleierhaft", wie ein Bachelorabsolvent neben einer vollen Lehrverpflichtung innerhalb von fünf Jahren seinen Master machen soll.

Dass Lehrer sich drei Semester fortbilden sollen, um für 90 Euro als Mentor Junglehrer in den Beruf einzuführen, nannte er realitätsfremd. Gar für verfassungswidrig hält er die Abschaffung der Pragmatisierung.

Schüler und Eltern stellten sich hinter die Pädagogen

Schülervertreterin Mariella Gruber stellte sich ebenso wie Elternvertreterin Chris-Maria Baumer und Theodor Saverschel vom Bundeselternverband der AHS- und BMHS (BEV) hinter die Lehrer. Eine Reform dürfe nicht dazu führen, dass die Qualität leide, begründete Gruber. Baumer, die der Regierung "Lehrerbashing" vorwirft, ortet ein reines Sparpaket.

Mehr Flexibilisierung wäre wichtig, das neue Dienstrecht gehe aber in wesentlichen Punkten darauf nicht ein. Außerdem würden sich die Lehrer an der HTL Mödling schon jetzt auch am Wochenende und in den Ferien engagieren.

Gesetz: "Müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass der Zug unterwegs ist"

Das Gesetz geht unterdessen seinen parlamentarischen Weg: Am 12. Dezember steht im Verfassungsausschuss ein Expertenhearing auf dem Programm, am 17. Dezember soll es beschlossen werden. "Es hängt jetzt nicht mehr von uns ab, wie die Bereitschaft vonseiten der Regierung ist, auf unsere Änderungswünsche einzugehen", betonte der Vorsitzende der BMHS-Gewerkschaft, Jürgen Rainer. "Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass der Zug unterwegs ist."

AHS-Lehrer halten sich über weitere Maßnahmen bedeckt

Die AHS-Lehrer wollen sich bei ihrem weiteren Vorgehen nicht in die Karten schauen lassen. Als "eine von vielen Möglichkeiten" käme "fachfremder Unterricht"über längere Zeit in Betracht. Damit würde die Gewerkschaft gleich einen ihrer Kritikpunkte am neuen Dienstrecht aufgreifen - nämlich dass Lehrer vorübergehend Fächer unterrichten könnten, für die sie nicht ausgebildet sind.

Eine praktisch wortidente Regelung gibt es zwar bereits im bestehenden Dienstrecht, sie wird allerdings an höheren Schulen nicht angewandt. Mit der Neuregelung, wonach bereits Bachelorabsolventen unterrichten können sollen, könnte sich das nun ändern, fürchtet die Gewerkschaft. Ob es an den BMHS weitere Protestmaßnahmen geben wird, ließ Rainer offen.

Flashmob in Graz: Öffentliches Korrigieren von Hausübungen

Ob es an den BMHS weitere Protestmaßnahmen geben wird, ließ Rainer offen. "Ich warte jetzt noch auf das Feedback der Kollegen vor Ort. Und ich brauche auch Feedback aus der Politik."

Ihren Protest haben die Lehrer nicht nur in den Versammlungen kundgetan. In Salzburg veranstaltete die "Initiative für ein faires LehrerInnendienstrecht" einen Sternmarsch und eine Kundgebung auf der Staatsbrücke mit rund 1.000 bis 1.500 Teilnehmern. In Graz gab es einen Flashmob, wo Lehramtsstudenten öffentlich Hausübungen korrigierten. In Wien demonstrierten rund 300 Junglehrer am Donnerstagabend. Auf Plakaten forderten sie bessere Arbeitsbedingungen und "Bildungsqualität statt Sparpaket". Demo-Organisator Sebastian Kugler verurteilte die "unglaubliche Medienhetze", durch die Lehrer als Minderleister dargestellt würden. Das neue Dienstrecht bedeute für kommende Lehrergenerationen mehr zu betreuende Schüler, mehr Stress und weniger Rechte.

Im Regelfall entfielen am Donnerstag zwei Stunden Unterricht - je nach Schule entweder die beiden ersten oder die beiden letzten Stunden. Die Lehrer protestieren außerdem gegen die im neuen Dienstrecht vorgesehene höhere Unterrichtsverpflichtung für neue Pädagogen und den Einsatz von geringer qualifizierten Lehrern.


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