Erstellt am 18. September 2014, 16:24

von Richard Vogler und NÖN Redaktion

Nazikeller: ÖVP-Gemeinderäte traten zurück. In Ulrich Seidls neuem Film "Im Keller" sind fünf Marzer, unter Hitler-Bildern und Hakenkreuzen feiernd, zu sehen. Alle fünf sind Musiker, zwei davon ÖVP-Gemeinderäte. Am Freitag folgten daraus Konsequenzen.

Umstrittene Szene aus Ulrich Seidls Film "Im Keller"  |  NOEN, (STADTKINO FILMVERLEIH)

Seit Donnerstagabend herrschte innerhalb der ÖVP Aufregung: Zwei Männer, die in Ulrich Seidls neuem Film "Im Keller" in einem Haus in Marz unter Hitler-Bildern und Hakenkreuzfahnen feiern (siehe Foto und weiter unten im Bericht), sind Gemeinderäte – bzw. waren das zumindest bis Freitagfrüh.

"Blasmusikverband distanziert sich von solchem Gefahrengut"

Die beiden Betroffenen kündigten in einer Aussendung der Ortspartei mit dem Titel "Gemeinderäte übernehmen die Verantwortung" an, "mit sofortiger Wirkung von unserem Gemeinderatsmandat zurückzutreten."

Im Verlauf des Freitagvormittags traten sie zudem mit sofortiger Wirkung aus der ÖVP und somit auch aus allen Teilorganisationen aus. Das teilte Bezirksparteiobmann Christian Sagartz in einer Aussendung mit. Für die Landesorganisation ist die Angelegenheit damit beendet, erklärte Landesparteiobmann Franz Steindl.

Wie die BVZ berichtet hatte (siehe ebenfalls weiter unten), war auch der Bezirkskapellmeister einer der fünf Personen. Auch dieser zog die Konsequenzen, wie Alois Loidl, Obmann des Landes-Blasmusikverbandes erklärte: "Er hat sein Amt bereits zur Verfügung gestellt. Der Blasmusikverband distanziert sich von solchem Gefahrengut."

x  |  NOEN, (STADTKINO FILMVERLEIH)


Zum Fall der beiden Ex-Gemeinderäte meinte Sagartz: "Beide haben sich ausdrücklich und aus tiefster Überzeugung vom NS-Gedankengut distanziert. Mit ihrem freiwilligen Austritt möchten sie verhindern, dass die Gemeinde oder die Partei Schaden nimmt."

Landeschef und LH-Stv. Franz Steindl erklärte: "Die beiden ehemaligen Gemeinderäte haben damit ausdrücklich Konsequenzen gezogen. Damit ist für die ÖVP Burgenland die Angelegenheit beendet."


Marzer Bürgermeister Hüller: "Brauchen keine Zurufer"

"Aus tiefster Überzeugung distanzieren wir uns hiermit inhaltlich von jeglichem NS-Gedankengut und Gräueltaten. Um weiteren Schaden für die Gemeinde und die Partei zu verhindern, haben wir uns aus freien Stücken entschlossen mit sofortiger Wirkung von unserem Gemeinderatsmandat zurückzutreten. Es war ein Fehler an so einem Dreh teilzunehmen", hatten die beiden betroffenen Gemeinderäte Freitagfrüh in einer Aussendung unisono erklärt und festgehalten: "Zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen im Jahr 2009 waren wir nicht Mitglieder des Gemeinderates."

"Wir brauchen keine Zurufer von außen", reagierte zudem ÖVP-Bürgermeister Gerald Hüller in einer Pressemitteilung auf die auch parteiintern lautgewordene Kritik.

Und weiter: "Wir haben selbst erkannt, dass die Darstellung im Dreh verheerende Schlüsse zulässt und dass die Verantwortung für dieses Fehlverhalten übernommen werden muss. Wer die beiden Gemeinderäte und auch die übrigen Beteiligten kennt, weiß um die verzerrte Darstellung in diesem Dreh. Die Musiker haben sich bedauerlicherweise für eine Filmszene, die vor dem Hintergrund von NS-Devotionalien spielt zur Verfügung gestellt."

"In Österreich darf kein Platz für Gutheißen des NS sein"

In einer Presse-Info der VP Burgenland hatte es geheißen: "Mit ihrem Rücktritt möchten sie verhindern, dass die Gemeinde oder die Partei Schaden nimmt." Bezirksparteiobmann Sagartz wurde darin zitiert mit den Worten "Die Gemeinderäte haben damit die Verantwortung für ihr Fehlverhalten übernommen."

Die Zeit des Nationalsozialismus mit ihren Gräueltaten und insbesondere dem Holocaust sei "eine der dunkelsten Stunden österreichischer Geschichte. Für die ÖVP ist klar: In Österreich darf kein Platz für Gutheißen des verbrecherischen NS-Systems sein."

"Ich sage ganz konkret, derartige Dinge haben in der ÖVP nichts verloren", hatte LH-Stv. und VP-Landesobmann Franz Steindl vor dem Bundesparteivorstand am Freitag betont. Nicht weiter kommentieren wollte die Causa ÖVP-Bundesparteichef Reinhold Mitterlehner: "Das ist eine Angelegenheit der ÖVP Burgenland."

BVZ.at hatte bereits am Donnerstagabend ausführlich berichtet:


Aufgedeckt: Marzer ÖVP-Gemeinderäte im Nazikeller

In Ulrich Seidls neuem Film "Im Keller" sind fünf Marzer, unter Hitler-Bildern und Hakenkreuzen feiernd, zu sehen. Alle fünf sind Musiker, zwei davon ÖVP-Gemeinderäte.

Einer der Musiker ist Kapellmeister des Bezirksblasmusikverbandes. Die BVZ erreichte ihn am Telefon - er wollte dazu nichts sagen.

Bezirkschef Plank: "Natürlich sehr unglücklich"

Der Obmann des Bezirksblasmusikverbandes, Andreas Plank, gab eine Stellungnahme ab: "Bei der Bezirkshauptmannschaft ist der Mann mit seinem Keller schon lange bekannt. Aus meiner Sicht ist das Ganze natürlich sehr unglücklich, wenn man dort Musiker in Uniformen sieht. Hätte ich das gewusst, hätte ich das auf jeden Fall untersagt."

Der Landesblasmusikverbands-Obmann Alois Loidl, hält fest, dass "ich mich von so etwas natürlich distanziere."

Ob es Konsequenzen von Seiten des Blasmusikverbandes gibt? "Dazu kann ich noch nichts sagen. Ich weiss nicht, in welchem Zusammenhang diese Aufnahmen gemacht wurden."

Landesmusiker-Chef distanzierte sich

Zur Tatsache, dass zwei ÖVP-Gemeinderäte zu sehen sind, nimmt ÖVP-Bezirksparteiobmann Christian Sagartz Stellung: „Die Zeit des Nationalsozialismus mit ihren Gräueltaten und insbesondere dem Holocaust ist eine der dunkelsten Stunden österreichischer Geschichte. Für die ÖVP ist klar: In Österreich darf kein Platz für Gutheißen des verbrecherischen NS-Systems sein“, so Sagartz.

Und Sagartz weiter: „Falls es stimmt, dass Gemeinderäte in diesem Film auftreten, ist der Beweggrund dafür zu klären. Wer strafrechtlich relevante Handlungen begeht oder gutheißt, hat in unserer Interessengemeinschaft nichts verloren. Die ÖVP ist an einer raschen Aufklärung interessiert.“ ­­

Blümel und LH-Stv. Steindl forderten Konsequenzen

ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel forderte in einer Aussendung die Rücktritte der beiden. „Rechtsextremes Gedankengut hat in der ÖVP nichts verloren“, erklärte Blümel.

„Der Nationalsozialismus ist eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte und darf nicht verharmlost werden. Darum ist für uns als Österreichische Volkspartei klar, dass der Rücktritt der beiden burgenländischen Gemeinderäte, die im Ulrich Seidl-Film 'Im Keller' zu sehen sind, aus ihren politischen Ämtern umgehend zu erfolgen hat.“ Es sei ihm unbegreiflich, wie jemand so wenig Geschichtsbewusstsein an den Tag legen könne.

Landesparteiobmann Steindl distanzierte sich Donnerstagabend von den beiden Gemeinderäten und kündigte entsprechende Konsequenzen an.

„Wenn es sich um nationalsozialistische Wiederbetätigung handelt, dann müssen Konsequenzen gezogen werden. Die Verantwortung liegt jetzt einmal beim zuständigen Ortsparteiobmann, der ist ja für das dementsprechend in der Gemeinde verantwortlich. Aber für mich ist das ganz klar: Wenn es sich um Wiederbetätigung handelt, dann sind Konsequenzen zu ziehen“, sagte er.

Petrik fand Steindls "Abgrenzung erschreckend bedürftig"

Kritik hatte es auch von anderen Parteien gehagelt. Die Sozialistische Jugend Burgenland forderte ebenfalls den sofortigen Rücktritt und rief "Steindl, Hüller & Co" zum Handeln auf.

"Es ist wirklich bedenklich, wenn PolitikerInnen Männerrunden in Kellern voll mit Devotionalien aus der Zeit des Nationalismus als 'feucht fröhliche Musikerprobe' abtun", meinte der Bezirksvorsitzende Martin Giefing.

Die Grüne Landessprecherin Regina Petrik kritisierte in einer Aussendung u.a. auch Steindl, weil dieser im Interview erklärte "Wenn es sich um nationalsozialistische Wiederbetätigung handelt, dann müssen Konsequenzen gezogen werden.". Für Petrik sei das "zu wenig". "Das finde ich als Abgrenzung erschreckend bedürftig und es überrascht mich sehr unangenehm.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt hat ein "umfassendes Ermittlungsverfahren" gegen alle fünf im Ulrich-Seidl-Film "Im Keller" agierenden Personen eingeleitet. Das teilte Sprecherin Magdalena Wehofer am Freitagvormittag mit. Ermittelt werde wegen des Verdachts nach Paragraf 3g Verbotsgesetz, der landläufig als Wiederbetätigung bezeichnet wird.

Bereits vor etwa eineinhalb Wochen wurde Anzeige erstattet. Nach Prüfung dieser Anzeige sei nun das Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.