Erstellt am 04. März 2015, 13:10

Neue Mittelschule bringt keine besseren Leistungen. Eine durchwachsene Bilanz zieht der Evaluierungsbericht zur Neuen Mittelschule (NMS).

In den ersten Jahrgängen wurden zwar Verbesserungen des Unterrichts und ein Rückgang an Gewalt in der Schule verzeichnet. Diese verbesserte Lernumwelt habe aber nicht durchgehend zu besseren Leistungen der Schüler und einer höheren Bildungsgerechtigkeit geführt, heißt es in dem Bericht.

NMS-Niveau nicht über vergleichbarer Hauptschule

"Die veränderte und verbesserte Schul- und Lernumwelt wirkt sich jedoch nicht durchgehend und nicht konsistent in verbesserten Leistungen bzw. Zuwächsen im fachlichen und im überfachlichen Bereich aus. Insgesamt gibt es keine belastbaren Hinweise, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr bestehen Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird", heißt es im von dem Erziehungswissenschafter Ferdinand Eder von der Universität Salzburg und Kollegen erstellten Bericht.

Sehr wohl Leistungsverbesserungen wurden nur im ersten NMS-Jahrgang bzw. jenen "Modellklassen" registriert, in denen das NMS-Konzept intensiver umgesetzt wurde.

Gesellschaftspolitischen Ziele nur teilweise erreicht

Auch die gesellschaftspolitischen Ziele wurden nur bedingt erreicht: "Erwartete Begleitfolgen der NMS hinsichtlich Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit treten nur teilweise ein", heißt es. "Die Wirkung der bekannten Ungleichheitsfaktoren - Geschlecht, familiäre Herkunft, unterschiedliches Leistungspotenzial der Schülerinnen und Schüler - unterscheidet sich nicht substanziell von jener in der Hauptschule. Für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund könnte es hingegen ein kleiner Vorteil sein, eine NMS zu besuchen."

Der Bericht liefert auch Erklärungen, warum die Ziele nur teilweise erreicht wurden: Einerseits beziehe sich die Evaluierung nur auf die Anfangsjahrgänge der NMS. In diesen seien die Lehrer zwar stark engagiert gewesen, allerdings habe es noch einen "Mangel an wissenschaftlich abgesichertem Wissen und an praktikablen Konzepten gegeben".

NMS-Konzept vielerorts unzureichend umgesetzt

Deshalb sei das NMS-Konzept an mehr als der Hälfte der Standorte nur unzureichend umgesetzt worden. "Aus den Analysen gibt es Hinweise, dass in den Modell- und Plusklassen, wo eine intensivere Umsetzung erfolgt ist, die Ergebnisse insgesamt etwas günstiger liegen."

Die fehlende Zielerreichung führen die Autoren auch darauf zurück, dass die NMS "nicht als Ersatz, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen eingeführt und - wie sich zeigt - sozial selektiv ausgewählt wurde. Der Anspruch, eine sozial und mit Blick auf Bildungsvoraussetzungen ausgewogen durchmischte Schülerschaft anzuziehen, konnte unter diesen Bedingungen - von einzelnen Standorten abgesehen - nicht eingelöst werden."

Daten der Bildungsdokumentation zeigen einen "geringfügigen Zuwachs" der NMS-Absolventen (gegenüber Hauptschulabgängern) beim Übertritt in Oberstufengymnasien -"eine Verringerung der Zugangsfrequenz zur Unterstufe der AHS zugunsten der NMS ließ sich nicht feststellen". Das bedeutet im Endeffekt, dass die NMS als nicht attraktiver als die Hauptschule empfunden wurde.

Kimberger: Ergebnis "durchaus erwartbar"

Für den Vorsitzenden der ARGE Lehrer in der GÖD, Paul Kimberger, waren die Ergebnisse der NMS-Evaluierung "durchaus erwartbar", wie er mitteilte. Es zeige sich, dass die Konzentration auf Teamteaching nicht das "Allheilmittel" für die Lösung von Problemen an den Schulen sei. Die NMS sollte aber nicht "abgedreht" werden, da sich gute Ansätze in der Lernkultur entwickeln.

Die bisher bekannt gewordenen Ergebnisse könnten nur "Schreibtischattentäter und manche Theoretiker in den Schulbehörden"überraschen, so Kimberger. Er kenne den Bericht zwar noch nicht im Detail bzw. nur aus den Medien. Die Schulen und Lehrer würden grundsätzlich gute Arbeit leisten. Es gebe aber einige Punkte in Bezug auf die NMS, die nicht optimal funktionieren.

"Inhomogenität der Gruppen" problematisch

Die Bildungsstandard-Untersuchungen würden zeigen, dass die NMS bei Spitzenleistungen durchaus mithalten könnten, problematisch sei die "Inhomogenität der Gruppen". Ein stark NMS-spezifisches Thema sei zudem die Migration und Integration. Dem ohne "Differenzierungsmöglichkeiten" an den Schulen zu begegnen, sei schwierig. Ohne Differenzierung werde man "nicht auskommen", zeigte sich der Vorsitzende der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft (Fraktion Christlicher Gewerkschafter) überzeugt. "Möglicherweise sind beim Teamteaching die Guten etwas unter- und die schwachen Schüler etwas überfordert."

Ein weiteres Problem ist für Kimberger die Art der Benotung in den NMS: "Diese siebenteilige Notenskala, die keiner versteht, keiner erklären kann und die völlig intransparent ist". Warum diese "untaugliche" Leistungsbeurteilung vom Bildungsministerium so stark verteidigt wird, versteht er nicht.

Außerdem würde an Schulen das Unterstützungspersonal fehlen: "Wir haben kein Unterstützungs- und Supportpersonal, und das wirkt sich natürlich auch in den Schulen aus, wenn sich Lehrer um alles kümmern müssen und sich nicht auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können", so Kimberger.

Veränderungen im Bildungssystem brauchen Zeit

Im Hinblick auf die "überfallsartige flächendeckende Einführung" der NMS weist der Gewerkschafter darauf hin, dass sich Veränderungen im Bildungssystem nur langsam einstellen. Von vielen Seiten würde ihm allerdings bestätigt, dass sich hier in Bezug auf eine neue Lernkultur vieles entwickle, "aber das braucht noch Zeit". Es gelte das Modell "positiv und zukunftsorientiert weiter zu entwickeln", etwa indem Teamteaching nicht nur in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch eingesetzt werden kann, betonte Kimberger.

Als "furchtbar naive Annahme" bezeichnete der Bildungsforscher Stefan Hopmann die Idee, dass sich mit der NMS-Einführung schnelle Verbesserungen im Bildungssystem erzielen lassen. Die durchwachsenen Ergebnisse der Evaluierung seien für ihn nicht überraschend, es sei sogar verwunderlich, dass die "Anfangsdelle" in den Leistungen nicht größer ausfiel, erklärte er. "Ich wäre böse überrascht gewesen, wenn es da wirklich einen massiven Erdrutsch oder eine massive Steigerung gegeben hätte", so der Forscher vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Ähnliches habe sich auch bereits in Längsschnittuntersuchungen abgezeichnet, die Hopmann und sein Team durchführen.

Fixierung der NMS als Regelschule "voreilig"

Wer glaube, dass sich mit der NMS-Einführung Schülerströme verändern oder kurzfristige Leistungszuwächse erzielen lassen, "ist auf dem falschen Dampfer und versteht nichts von Schule", so Hopmann. Ein Problem der seines Erachtens nach "voreiligen" Fixierung der NMS als Regelschule 2012 ist die Konzentration der bereitgestellten Zusatzressourcen auf das Teamteaching. Das könne in manchen Situationen zwar sinnvoll sein, manchmal mache es aber auch mehr Sinn "mit flexiblen Gruppen und Zusammensetzungen zu arbeiten, anstatt zwei Lehrer in die Klasse zu stellen".

Durch das "blödsinnige NMS-Gesetz sind da einfach Sachen eingefroren und vorgeschrieben worden, die überhaupt nicht notwendig waren und die Schulen direkt daran gehindert haben, zum Teil zu tun, was für den jeweiligen Standort richtig gewesen werde". Viel an Engagement an den Schulen sei vernichtet worden, indem man "mitten im Prozess die Leute mit dem Gesetz überfallen" habe, erklärte der Forscher. Ob an einzelnen Standorten die Umsetzung des Konzeptes mit den erwünschten positiven Effekten gelingt, sei von sehr vielen Faktoren abhängig und liege bei weitem nicht nur am Umgang der einzelnen Schulen damit, wie in dem Evaluierungs-Bericht anklinge.

Die Konsequenz aus all dem Wissen über die NMS sei, dass man den Schulen den nötigen Spielraum und die Zeit lassen müsse, "für die jeweilige Schule die richtige Lösung zu schneidern. Die sieht nun mal in Simmering anders aus als in Hermagor und dort wieder anders als in Feldkirch".