Erstellt am 11. Juli 2012, 11:46

ÖVP-Expertengruppe bricht mit parteiinternen Bildungstabus. Unter dem Titel "Unternehmen 2025" lässt die ÖVP derzeit Experten einen Maßnahmenkatalog für "die Stärkung des Wirtschaftsstandortes" ausarbeiten. Im Kindergarten- und Schulbereich entsprechen die ersten Zwischenergebnisse in einem hohen Maß ganz und gar nicht der derzeitigen Parteilinie.

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Vorgeschlagen werden unter anderem zwei verpflichtende Kindergartenjahre für alle, die Einführung der Ganztagsschule, weniger Ferien für Lehrer und ein Urlaubsanspruch für Schüler. Beim Thema Gesamtschule lassen die Empfehlungen an einer Stelle Sympathien für eine gemeinsame Schule erkennen: "Die bisherige Fokussierung auf die Aufteilung von Kindern auf zwei Schultypen im Alter von 10 Jahren nimmt so viel Zeit und Energie auf schulischer und politischer Ebene in Anspruch, dass das eigentliche Ziel einer potenzialorientierten Leistungsdifferenzierung vernachlässigt wird." An anderer Stelle wiederum wird eine "einheitliche Bundeskompetenz für alle Schulen der Sekundarstufe 1" vorgeschlagen - was zwar eher gegen eine Gesamtschule spricht, allerdings ebenfalls nicht der derzeitigen VP-Linie entspricht.

Weitere Vorschläge: Eine Verlängerung der Sekundarstufe 1 auf fünf Jahre, die mit einer "Mittleren Reife" nach der neunten Schulstufe abgeschlossen werden soll. Nach der neunten Schulstufe wiederum soll eine "Vertiefung der Kernkompetenzen bei gleichzeitiger Reduktion der verpflichtenden Unterrichtsgegenstände" erfolgen. Schülern soll so die Belegung von Wahlmodulen ermöglicht werden. Auch der Fächerkanon wird überdacht: Fächer wie Geschichte, Geografie, Musik, Religion und Politische Bildung auf der einen Seite und technische, naturwissenschaftliche und verwandte Disziplinen wie Werken andererseits sollen zusammengefasst und übergreifende Zusammenhänge vermittelt werden.

Die Experten scheuen sich auch nicht davor, einer ÖVP-Kernklientel auf die Zehen zu treten: "Lehrer sollten gleich viel Urlaubsanspruch haben wie Angestellte in der Privatwirtschaft." Schmackhaft gemacht werden soll ihnen dies mit dem Argument, dass sie sich damit in der Öffentlichkeit nicht mehr für ihre lange Ferienzeit rechtfertigen müssten. Umgekehrt sollen sie auch in der Schulzeit Urlaub nehmen können - gleiches soll übrigens auch für Schüler gelten (angedacht werden fünf Tage in Jahr). Insgesamt soll es mehr effektive Unterrichtszeit (etwa durch zwei Wochen weniger Ferien pro Jahr) geben. Die Mitglieder der Expertengruppe sind sich durchaus im Klaren darüber, dass sie nicht unbedingt Pioniere sind: Es sei bereits "in einer Vielzahl von profunden Arbeitspapieren und Expertenmeinungen dargelegt worden, wo die Probleme und Lösungen liegen". In Bildungsfragen mangle es "nicht an der Analyse, sondern am Umsetzungswillen bzw. an der Fähigkeit über den eigenen ideologischen Schatten zu springen".

Fans haben die Experten derzeit vor allem in anderen Parteien. Der Grüne Bildungssprecher Harald Walser, dem die Unterlagen zugespielt wurden, meinte: "Die ÖVP soll endlich tun, was ihre eigenen Expertinnen und Experten vorschlagen und sich nicht länger von einigen reformresistenten Gewerkschaftsbossen gängeln lassen." Auch sein BZÖ-Pendant Ursula Haubner meinte, dass "die ÖVP gut beraten wäre, Spindeleggers Experten-Plattform zu folgen und deren vernünftigen Vorschläge auch umzusetzen".

Expertengruppe der ÖVP: "Unabhängig und überparteilich"
Das auf Einladung von Vizekanzler Michael Spindelegger (V) gegründete Gremium "Unternehmen Österreich 2025" betont seine "Unabhängigkeit und überparteiliche Arbeit". Es sei "verfrüht und unsachlich, bevor überhaupt Endergebnisse vorliegen, Zwischenergebnisse parteipolitisch zu interpretieren", so die Vize-Rektorin der Wirtschaftsuniversität (WU), Regina Prehofer, die als Sprecherin der Initiative fungiert, in einer Aussendung.

Ein Blick auf die rund 300 teilnehmenden Experten zeige die Unabhängigkeit der Initiative, hieß es weiter. Eine 29-köpfige "Executive Group" mit Unternehmern, Wissenschaftern und Profit- sowie Non-Profit-Managern soll dabei eine Vision für Österreichs Wirtschaft im Jahr 2025 entwickeln. Teil der Gruppe sind unter anderem Attila Dogudan (Do & Co), Wolfgang Eder (voestalpine), Martin Essl (bauMax), Erwin Hameseder (Raiffeisen), Markus Hengstschläger (MedUni Wien), Frank Hensel (Rewe), Aleksandra Izdebska (DiTech) und Monika Kircher-Kohl (Infineon).

Auf die Gesamtschule will sich das Gremium nicht festgelegt haben. "Der Bereich Bildung ist eines von zehn Themenfeldern, die wir in der Initiative bearbeiten. Das schon oft diskutierte Modell einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen wird natürlich auch bei uns besprochen, das ist aber nicht die einzige mögliche Antwort", so Deloitte-Österreich-Geschäftsführer Bernhard Gröhs.

Bisherige Zwischenergebnisse dienten "ausschließlich als Basis für den internen Diskussionsprozess", hieß es. Über den Sommer sollen diese zur Diskussion gestellt sowie durch weitere Vorschläge via der Website http://www.unternehmen-oesterreich2025.at ergänzt werden. Das Endergebnis wird am 8. Oktober präsentiert.

Unabhängig davon sieht SPÖ-Bildungssprecher Elmar Mayer in einer Aussendung eine "erfreuliche Unterstützung und Rückenwind für ganz wichtige SPÖ-Forderungen im Bildungsbereich wie zum Beispiel die gemeinsame Schule und die Bundeskompetenz in Sachen Schule und Kindergarten".