Erstellt am 06. Dezember 2010, 16:57

PISA-Studie: Österreich bei Lesen unter OECD-Schlusslichtern. Österreich ist bei der PISA-Studie 2009 im Bereich Lesen massiv abgestürzt. Wie die Tageszeitung "Kurier" Montag Nachmittag vorab berichteten, erzielten die österreichischen Schüler bei der Lesekompetenz nur noch 470 Punkte.

 |  NOEN, Elena Elisseeva
Österreich rangiert damit unter den 34 teilnehmenden OECD-Staaten auf Platz 31. Österreich liegt damit nur noch vor der Türkei, Chile und Mexiko. Offiziell werden die Ergebnisse des internationalen Schülerleistungstests morgen, Dienstag, präsentiert.

Vergleicht man dieses Ergebnis mit der letzten PISA-Studie - was laut OECD wegen eines Boykotts während der Testphase im Jahr 2009 nur mit Vorbehalt möglich ist - hat Österreich 20 Punkte bzw. 15 Plätze eingebüßt. Bei PISA 2006 rangierte Österreich noch auf Platz 16 der teilnehmenden OECD-Länder.

An der Spitze bei der Lesekompetenz liegt diesmal laut "Österreich" wieder Südkorea, gefolgt von Finnland und Kanada.

In der Kategorie Naturwissenschaften fällt Österreich laut "Kurier" mit 494 Punkten (2006: 511) auf Rang 30 aller an PISA teilnehmenden Länder (auch Nicht-OECD-Staaten) zurück. In Mathematik erzielte Österreich 494 Punkte (2006: 505), was Platz 24 unter allen Teilnehmern bedeutet.

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) bezeichnete die durchgesickerten Österreich-Ergebnisse der neuen PISA-Studie als "schlecht, sogar sehr schlecht". Österreich nutze das Potenzial seiner Schüler nicht. Schmied will deshalb das "übliche Ritual" nach der Präsentation derartiger Bildungsstudien durchbrechen und "sofort an der Umsetzung von notwendigen Reformen arbeiten", wie sie Montag Abend erklärte. Sie hoffe, "durch die Ungeduld, die ich überall spüre, und die mediale Aufmerksamkeit, dass ein Ruck durch die Mannschaft geht".

   Nach Ansicht Schmieds ist bei den vergangenen PISA-Studien immer die gleiche Dramaturgie abgelaufen: Im ersten Akt würden die Ergebnisse unter großer medialer Beachtung präsentiert, im zweiten Akt gehe es darum, einen Schuldigen zu suchen. Im dritten Akt werde der Ruf nach Konzepten, Kommissionen und Konklaven laut, und im vierten Akt bleibe schließlich alles so wie es ist. "Dieses Ritual müssen wir durchbrechen", sagte Schmied. Sie will "Akt zwei und drei kurz halten oder auslassen und "gleich in die Umsetzung gehen". Dazu brauche man nichts mehr neu zu erfinden, keine Expertengruppen und Kommissionen.

   Ob der Boykott bzw. die von der OECD vermutete negative Atmosphäre während der Testphase für das schlechte Abschneiden Österreichs verantwortlich sei, werde man vermutlich erst 2013 wissen. Sobald nämlich die Ergebnisse der nächsten PISA-Testung vorliegen und man sehen kann, ob es sich bei den Daten 2010 um einen einmaligen Ausreißer gehandelt hat oder eine Entwicklung.

   Für den Grünen Bildungssprecher Harald Walser bedeuten die "katastrophalen PISA-Ergebnisse" ein "glattes Nicht Genügend für die Bildungspolitik von Rot, Schwarz und Blau in den letzten 20 Jahren". Der Wiener FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus führt das "miserable Abschneiden der Schüler zum Großteil auf grobe Fehler in der der Integrationspolitik zurück".

Neuer Schock, alte Fronten
"Desaströs" oder "schlecht, sehr schlecht" - so kommentierte die Regierung am Dienstag die Ergebnisse der PISA-Studie 2009. Österreich erreichte beim Lesen nur noch Rang 31 von 34 OECD-Staaten und landete damit knapp vor der Türkei. Im Vergleich zu 2006 haben die 15- bis 16-jährigen Schüler 20 Punkte eingebüßt; gleichzeitig ist die Zahl derer, die selbst einfache Texte nicht verstehen, auf 28 Prozent angestiegen (2006: 21,5 Prozent). Die politische Debatte wurde trotz Absturz nach altbekanntem Muster geführt. Während Kanzler Werner Faymann (S) die Einführung der Gesamtschule forderte, sprach VP-Vizekanzler Josef Pröll von einer Themenverfehlung. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) warnte davor, nun in das "übliche Ritual" zu verfallen und forderte die sofortige Umsetzung ihrer Reformen.

Nicht nur beim Lesen sackten die heimischen Schüler mit nunmehr 470 Punkten ab (OECD-Schnitt: 493). Bei den Naturwissenschaften fielen die Leistungen von einem Niveau signifikant über dem OECD-Schnitt auf eines signifikant darunter (2006: 511 Punkte; 2009: 494, OECD-Schnitt: 501). In der Mathematik erreichten die Schüler diesmal 496 Punkte und damit genau den OECD-Schnitt; 2006 waren es noch 505. Laut OECD sind allerdings Vergleiche der Österreich-Ergebnisse von 2009 mit früheren Studien wegen der Boykott-Aufrufe während der Testungen nur mit Vorbehalt möglich.

Die Rangliste der besten OECD-Lese-Länder wird heuer erneut von den Südkoreanern (539 Punkte) angeführt. Sie verwiesen damit knapp die Finnen (536) auf Platz zwei, gefolgt von Kanada (524). Den absolut besten Wert erreichte die Nicht-OECD-Region Shanghai (556 Punkte). Auch in der Mathematik distanzierten die Südkoreaner (546) die Finnen (541), dahinter folgt die Schweiz (534). In den Naturwissenschaften verteidigten die Finnen dagegen OECD-weit unangefochten den ersten Platz (554 Punkte) vor Japan (539) und Südkorea (538). Die absolute Spitzenposition auch in diesen beiden Kategorien errang ebenfalls Shanghai (Mathe: 600, Naturwissenschaften: 575).

"Es ist dringend notwendig, nun unsere Bildungsreform voranzutreiben", reagierte Faymann auf die schlechten Österreich-Ergebnisse. Das bedeute auch die von der SPÖ favorisierte gemeinsame Schule, um "möglichst lange Chancengleichheit zu gewährleisten". Auch Schmied will für die gemeinsame Schule weiterkämpfen. Sie hofft nun, dass sich "die konstruktiven Kräfte in der Regierung und der Gesellschaft zusammentun" und parteipolitische Schranken überwunden werden. Von Vizekanzler Pröll kam eine Absage: "Die PISA-Ergebnisse beruhen vor allem auf den Lesemängeln und das wird in der Volksschule gelehrt. Dort haben wir als einziges in Österreich eine Gesamtschule."

Die OECD spricht unterdessen in ihrer Stellungnahme zum Österreich-Ergebnis davon, dass ein differenziertes Schulsystem negative Auswirkungen auf die Chancengleichheit hat - und diese sei der wichtigste Faktor dafür, ob Schüler gute Leistungen erbringen. PISA 2009 habe jedoch gezeigt: Je früher die Trennung, desto größer die Leistungsunterschiede der 15-Jährigen nach sozio-ökonomischem Hintergrund.

In Österreich ist auch der Zusammenhang zwischen sozialem Status der Eltern und Schülerleistungen im OECD-Vergleich besonders hoch. Beim Lesen erreichten Kinder von Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss 399 Punkte, Kinder von Absolventen einer berufsbildenden mittleren Schule oder Lehre 455 Punkte, Kinder von Maturanten 483 und Akademikerkinder 520 Punkte (Österreich-Mittelwert: 470 Punkte).

Überdurchschnittlich hoch ist auch der Anteil an Risikoschülern in Österreich: 28 Prozent können nicht sinnerfassend lesen, 15 Prozent gehören in allen drei PISA-Kompetenzbereichen (Lesen, Mathe und Naturwissenschaften) zur Risikogruppe. Acht Prozent der Schüler haben in zwei der drei Bereichen massive Probleme, mehr als ein Drittel (34 Prozent) in mindestens einem. Zum Vergleich: In Finnland ist nur jeder Achte in zumindest einem Bereich Risikoschüler, je drei Prozent in zwei bzw. drei.

Deutlich schlechtere Leistungen erbringen außerdem Migranten: Im Schnitt erzielten Einheimische (mindestens ein Elternteil bereits in Österreich geboren) 482 Punkte, Migranten der zweiten Generation (Kinder in Österreich geboren, Eltern zugewandert) 427 Punkte und Migranten erster Generation (Kinder noch im Ausland geboren) 384 Punkte. Mit einer Differenz von durchschnittlich 68 Punkten (erste und zweite Generation zusammen) gehört Österreich zu den drei OECD-Ländern mit den größten Leistungsunterschieden zwischen Einheimischen und Migranten (Italien: 72 Punkte, Belgien ebenfalls 68).

Den Absturz Österreichs erklären kann man damit aber nicht - von den rund 20 Punkten weniger gegenüber früheren PISA-Tests könnten statistisch höchstens drei Punkte auf die schlechteren Leseleistungen der Migranten zurückgeführt werden. Und: Vergleicht man in allen Staaten nur die Einheimischen, hätte Österreich gerade einmal einen Platz gewonnen.