Erstellt am 02. September 2015, 06:42

von Bettina Eder und Wolfgang Millendorfer

Schlepperei: Ein blutiges Geschäft. Armut, Krieg und Unterdrückung sind die Hauptgründe für Menschen, die lebensgefährliche Fahrt mit Schleppern zu wagen.

Hoffen auf neue Perspektive. Hassan S. (r. ) und Ali A. flüchteten aus ihrem Land. Foto: Millendorfer  |  NOEN, Millendorfer

200 entdeckte Flüchtlinge und ein 50 Kilometer langer Stau – das ist die erste Bilanz der verschärften Kontrollen, die seit Kurzem im Burgenland durchgeführt werden.

Laut Polizei sind im Burgenland 54 Polizisten im Einsatz, um Schlepperautos aufzuhalten. Bei fünf Personen klickten in der ersten Nacht die Handschellen, sie werden der Schlepperei bezichtigt – BVZ.at hatte berichtet:





Wozu Schlepper fähig sind, das weiß man spätestens seit vergangenem Donnerstag, seit einige davon in Österreich in einer Parkbucht an der A4 einen LKW voller Leichen einfach abgestellt haben.

x  |  NOEN, BVZ
„Wer jetzt noch glaubt, dass Schlepper sanftmütige Fluchthelfer sind, dem ist nicht mehr zu helfen“, stellte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) bei der ersten Pressekonferenz nach Entdecken der Gräueltat fest.

71 Menschen, darunter Frauen und Kinder (siehe Grafik oben) erstickten qualvoll – so der derzeitige Stand der Dinge –  auf nur 14 Quadratmetern in einem Kühlwagen. Dass Menschen so eingepfercht und unter lebensbedrohenden Bedingungen transportiert werden, ist kein Einzelfall.



Erst vor kurzem wurden der Lenker und der Beifahrer eines Schlepperfahrzeuges in Eisenstadt zu 3,5 beziehungsweise 2,5 Jahren Haft verurteilt. Ihre Passagiere überlebten und sagten vor Gericht aus.

Flüchtling: „Es war wie eine Fahrt in die Hölle“

„Es war schlimmer als eine Fahrt in die Hölle“, berichtete einer jener 38 Flüchtlinge, der wie durch ein Wunder die Fahrt von Ungarn ins Burgenland überlebt hatte.

Die Flüchtlinge waren auf der 5,25 Quadratmeter großen Ladefläche eines Kastenwagens zusammengepfercht worden, unter ihnen befanden sich fünf Kinder und eine hochschwangere Frau. 8.000 Euro sollen die Flüchtlinge pro Person bezahlt haben, damit sie in Sicherheit gebracht werden.

Tiefer mussten der 21-jährige Hassan S. aus dem Libanon und der 31-jährige Ali A. aus dem Irak, die in der Flüchtlingszeltstadt in Eisenstadt auf die Beantwortung ihres Asylansuchens warten, in die Tasche greifen: 10.000 Euro hat die Flucht gekostet, „angewiesen“ war man auf Schlepper: „Natürlich ist das gefährlich, aber man muss diese Leute fragen. Das ist die einzige Chance, um aus seinem Land zu kommen.“

Bezahlt wird in Etappen – etwa 1.500 Euro für die Schleppung von Serbien nach Ungarn. Auch Jamil G. hat alles verloren. So wie viele andere Flüchtlinge musste er wegen des Krieges sein Geschäft aufgeben und zahlte einen Schlepper.

Polizei-Direktor Doskozil: „Fünf bis sieben Ebenen“

Das Geschäft mit der Schlepperei boomt. Es handelt sich um die zweitgrößte Schwarzindustrie hinter dem Drogenhandel. Und ist sogar einfacher, denn hier wird im Voraus bezahlt, was mit der „Ware“ passiert, ist somit sekundär.

„Da ist eine Art Völkerwanderung im Gange, es wird noch mehr werden“, stellt Staatsanwalt Roland Koch mit einem Blick auf den Stapel Akten fest. Denn „Fakt ist, dass in den vergangenen Wochen die überwiegende Arbeitskapazität der Staatsanwälte in Schlepperakte floss“.

Dennoch kratzt man hier nur an der Oberfläche, denn die Ausforschung der Hintermänner ist eine kriminalistische Sisyphusarbeit, wie auch Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil bestätigt: „Die Schlepper sind organisiert. Eine Struktur mit fünf bis sieben Ebenen ist durchaus möglich.“

Wollen Sie helfen?

Es gibt viele Initiativen, die Projekte zur Hilfe für die Flüchtlinge gestartet haben. Wer helfen möchte, wendet sich bitte an folgende Stellen:

Rotes Kreuz Burgenland:

  • finanzielle Spenden: IBAN AT77 5100 09001340 1000 „Flüchtlingsbetreuung“
  • Zeitspenden
  • Sachspenden (vorher melden): Nickelsdorf: fluechtlingsbetreuung.neusiedl@b.roteskreuz.at; Schattendorf: fluechtlingsbetreuung.mattersburg@b.roteskreuz.at; Heiligenkreuz: fluechtlingsbetreuung.jennersdorf@b.roteskreuz.at
Telefon: 02682/744-0

Bezirk Oberwart:

Frühwirth Wilfried Glaserei KG
Wienerstraße 27, 7400 Oberwart
Telefon: 03352/389 53

Diakonie Forum
Wienerstraße 1
7400 Oberwart
Tel.: 0664/88 68 22 34

Bezirk Neusiedl am See:

Bauhof 2
Urbarialgasse, 2425 Nickelsdorf
Ansprechperson: Magdalena Haas – Tel.: 02146/27 98

Bezirk Eisenstadt:

Pannonische Tafel
info@pannonischetafel.com
Tel.: 0699/110 057 11

Bezirk Oberpullendorf:

Diakon Gerhard Bollardt
Flüchtlingshilfe Horitschon-
Unterfrauenhaid
Tel.: 02682/736 00
office@caritas-burgenland.at

Auf Facebook gibt es auch eine eigene Seite: „Flüchtlinge willkommen im Burgenland“