Erstellt am 29. September 2011, 16:37

Stöger bläst mit neuer Strategie zur Offensive. Gesundheitsminister Alois Stöger hat sich mit seiner am Donnerstag präsentierten "Kindergesundheitsstrategie" viel vorgenommen. Erste Maßnahmen des breitgefächerten Pakets sollen bereits 2012 umgesetzt werden.

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 Mehr Bewegung, gesündere Ernährung, optimierte Gesundheitsvorsorge, Erweiterung des Impfplans, Senkung von Kaiserschnittrate und Frühgeburten, Medikamentensicherheit, Überarbeitung des Mutter-Kind-Passes - Gesundheitsminister Alois Stöger (S) hat sich mit seiner am Donnerstag präsentierten "Kindergesundheitsstrategie" viel vorgenommen. Allein für Impfungen wurden vier Millionen Euro jährlich locker gemacht, erste Maßnahmen des breitgefächerten Pakets sollen bereits 2012 umgesetzt werden.

   Sorgen bereiten Stöger Bewegungsmangel und falsche Ernährung. Laut einer WHO-Studie sind 15 Prozent der heimischen Kinder zu dick - was einer Zunahme um 50 Prozent seit 1990 entspricht. Hinzu kommen lärmbedingte Gehörschäden, psychische Probleme (etwa durch Gewalterfahrungen), Unfälle, Essstörungen oder viel zu früher Alkoholkonsum. All diese Schwächen sollen nun im Rahmen der "Kindergesundheitsstrategie" bekämpft werden.

   Zur Förderung von richtigen Essgewohnheiten wurden von Bund, Ländern und Sozialversicherung zehn Millionen Euro für die kommenden drei Jahre freigemacht. Konkret heißt das, dass bereits ab 1. Jänner 2012 mobile Berater Schulbuffetbetreiber in ganz Österreich in der Umstellung ihres Angebots unterstützten oder auch Ernährungsberatung für Schwangere, ebenfalls bundesweit, offeriert werden.

   Vier Millionen Euro will Stöger in die Erweiterung des Impfplans investieren, um künftig den Schutz gegen Pneumokokken und Meningokokken gratis anbieten zu können. Für die Familien bedeutet dies, dass bereits ab 1. Jänner 2012 für diese beiden Impfungen keine zusätzlichen Kosten mehr anfallen. Auch der 1974 eingeführte Mutter-Kind-Pass soll überarbeitet werden. "Es ist jetzt an der Zeit, ihn an die neuen Gegebenheiten anzupassen", sagte Stöger und kündigte an, bis zum kommenden Jahr diesbezüglich Vorschläge auf den Tisch zu legen. Kein Thema sind für ihn Impfungen gegen die Human Papilloma Viren (HPV), die Gebärmutterhalskrebs auslösen. Die Einzelkosten von rund 600 Euro bezeichnete Stöger als "reine Abzocke".

   Der Gesundheitsminister wagt sich auch an das heikle Thema Kaiserschnitt heran: "Die Rate ist in Österreich viel, viel zu hoch." Kinder aus Kaiserschnittgeburten hätten "potenziell gesundheitliche Nachteile gegenüber jenen, bei denen optimale Voraussetzungen gegeben sind". Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfehle einen Kaiserschnitt-Anteil von 15 Prozent, Österreich liege hingegen mit 30 Prozent im europaweiten Spitzenfeld. Als Ursachen sieht Stöger sowohl rechtliche Aspekte der Arzt-Haftung sowie den Wunsch nach besserer Planbarkeit der Entbindung. Diesem Trend soll entgegengesteuert werden.

   Auch der Anteil an Frühgeburten (vor der 37. Schwangerschaftswoche) soll gesenkt werden. Dieser sei in Österreich zwischen 1990 und 2011 von acht auf elf Prozent gestiegen. Mit dieser Quote liege Österreich deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Hauptgründe dafür seien die Zunahme von Mehrlingsgeburten - u. a. durch Hormonbehandlung und künstliche Befruchtung - sowie das steigende Alter der Mütter und Lebensstilfaktoren wie Stress, Rauchen oder Alkohol. Deshalb wolle das Gesundheitsministerium die maximal zu transferierende Anzahl an Embryonen in den Verträgen mit den IVF-Fondsanstalten genau regeln. Verhandlungen würden bereits laufen.

   Viel zu tun gebe es laut Stöger im Bereich Arzneimittelsicherheit: "Mehr als die Hälfte der in der Kinderheilkunde gängigen Medikamente sind für Kinder nicht ausreichend getestet, das ist ein riesiges Qualitätsproblem. Es ist mir aber bewusst, dass wohl niemand gerne sein Kind für derlei Versuche zur Verfügung stellt. Auf jeden Fall brauchen wir auf diesem Gebiet eine höhere Sensibilität der Zulassungsbehörden", so der Gesundheitsminister, der die Schaffung eines Kinderforschungsnetzwerkes empfiehlt. Die Basisfinanzierung werde geschätzte 500.000 Euro jährlich über fünf Jahre betragen.

   Verbesserungen sind laut Stöger auch punkto Kinderfreundlichkeit in Spitälern sowie Rehabilitation notwendig. "Es ist höchst unerfreulich, wenn sich Eltern Selbstbehalte nicht leisten können." Aus diesem Grund tritt er für die Streichung dieser Gebühren im Fall von Krankenhausaufenthalten von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. Stöger will auch den Ausbau von kinder- bzw. jugendgerechter ambulanter und stationärer Rehabilitation forcieren und Reha-Info-Points einführen, damit Betroffene nicht im "negativen Kompetenzkonflikt" der zuständigen Stellen auf den Kosten sitzenbleiben.

   Für die Umsetzung der Maßnahmen im Rahmen der "Kindergesundheitsstrategie" soll ab 1. Jänner 2012 eine Koordinationsstelle verantwortlich sein, die im Gesundheitsministerium angesiedelt wird. Das Papier bezeichnete Stöger als "Handlungsanleitung für mehrere Jahre". Und im Hinblick auf Kooperationen mit anderen Ressorts meinte der Minister: "Kindergesundheit ist eine Querschnittsmaterie."