Erstellt am 12. Mai 2011, 12:08

WIFO-Studie kritisiert Gesundheitssystem. Nach einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ist das österreichische Gesundheitssystem "stark verbesserungsfähig". Die mangelnde Prävention wird in der Untersuchung als "die entscheidende Schwachstelle" festgemacht. Nicht zuletzt deshalb leben die Österreicher kürzer ohne Beschwerden als der EU-Schnitt.

 |  NOEN, Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Nach einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ist das österreichische Gesundheitssystem "stark verbesserungsfähig". Die mangelnde Prävention wird in der Untersuchung als "die entscheidende Schwachstelle" festgemacht. Nicht zuletzt deshalb leben die Österreicher kürzer ohne Beschwerden als der EU-Schnitt.

Im Gegensatz zur steigenden und im Europavergleich leicht überdurchschnittlichen Lebenserwartung sind die Aussichten auf gesunde, beschwerdefreie Lebensjahre in Österreich unterdurchschnittlich. Die "Gesundheitserwartung" liegt in Österreich bei 58,8 Lebensjahren, fast drei Jahre unter dem EU-Schnitt (61,5 Jahre) und nur an 20. Stelle unter den 27 EU-Staaten.

Umgekehrt liegt Österreich bezüglich der Jahre, in denen die Lebensqualität durch Krankheiten und Behinderungen reduziert ist, mit 22 Jahren an dritter Stelle der EU-27. Im EU-Schnitt liegen die "kranken Jahre" bei 18, in Schweden sind es 12.

Und das, obwohl sich Österreich das zweitteuerste Gesundheitssystem der EU leistet. Pro Kopf kostet es jedem Österreicher jährlich 3.400 Euro. Der EU-Schnitt liegt bei 2.200 Euro. Die Millionen versickern etwa bei den hohen Spitalskosten. Die stationäre Versorgung frisst 35 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben auf.

Die entscheidende Schwachstelle liegt aber - so die vorliegende WIFO-Studie - in der mangelnden Vorsorge. Die Ausgaben für Prävention liegen mit 1,8 Prozent deutlich unterdurchschnittlich (EU-27 2,9 Prozent), dies entspricht einem Unterschied von 300 Millionen Euro.

Gesundheitsminister Stöger gab dem WIFO in der ZiB2 bezüglich der mangelnden Vorsorge recht: "Wir müssten mehr in dem Bereich der Prävention zur Verfügung stellen. Das ist mein Kampf, den ich durchaus auch führe. Da brauchen wir mehr Mittel und da sind alle eingeladen, in dem Feld mehr zu tun."

Ärztekammer fordert großangelegte Vorsorgeaktion
Angesichts der WIFO-Studie über gravierende Defizite in der Gesundheitsprävention fordert Ärztekammer-Präsident Walter Dorner eine großangelegte Vorsorgeaktion durch das Gesundheitsministerium und den Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Die Ärzteschaft werde jede diesbezügliche Maßnahme mit großem Engagement unterstützen, kündigte Dorner am Donnerstag in einer Aussendung an.

In Österreich sei die Gesundheitsvorsorge ein absolutes Stiefkind. "Die Prävention als bestimmender Faktor eines langen Lebens in Gesundheit wird in Österreich sowohl gesundheitspolitisch, aber auch in der täglichen Praxis der Bevölkerung sträflich vernachlässigt", begründete Dorner seine Initiative. Das Hauptdefizit sieht er bei den Kindern und Jugendlichen, wo bereits Bewegungsmangel, falsche Ernährung, aber auch der frühzeitige Tabak- und Alkoholkonsum auf der Tagesordnung stünden. Die Prävention müsse daher ein integrierter Bestandteil aller Lebensbereiche werden: in den Familien, in den Kindergärten und Schulen, an den Arbeitsplätzen und in der Freizeit. Defizite sieht der Ärztepräsident jedoch auch im Lebensstil der Erwachsenen. Diese Einstellung schlage sich in einer "sehr bescheidenen Beteiligung" an den Gesundenuntersuchungen nieder.

BZÖ-Gesundheitssprecher Wolfgang Spadiut appellierte an Gesundheitsminister Alois Stöger (S), der Prävention vor der Reparaturmedizin Vorrang einzuräumen. Schon in den Schulen müssten die Jugendlichen für mehr Sport begeistert werden. "Sport als Medikament" sollte auch im Zuge des Turnunterrichtes den Schülern näher gebracht werden. Bei übergewichtigen Schülern sollten im laufenden Schuljahr zumindest zwei Folgeuntersuchungen mit einer Gewichtskontrolle und entsprechender Beratung erfolgen, forderte Spadiut.