Erstellt am 31. Dezember 2013, 23:59

von Michael Pekovics

„Bildung in den Bund“. Interview I / IV-Präsident Manfred Gerger spricht über Erwartungen an das neue Jahr, fordert eine Kompetenzverschiebung im Bildungsbereich und will die Politik „verwirtschaftlichen“.

 |  NOEN, Michael Pekovics BVZ

Manfred Gerger ist seit November 2011 Präsident der burgenländischen Industriellenvereinigung. Der 50-Jährige ist seit 2008 Geschäftsführer der Hella Fahrzeugteile Austria GmbH.

BVZ: Was bringt 2014 für die burgenländische Industrie?
Manfred Gerger: Viele Unternehmen haben volle Auftragsbücher, ich rechne mit einem Wachstum von einem Prozent. Probleme gibt es vor allem im Tiefbau, weil kaum öffentliche Mittel für Investitionen vorhanden sind. Wichtig wird auch die Entwicklung im Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) sein: Wir sollten darüber nachdenken, ob wir nicht dabei sind, die „Marke Güssing“ zu verspielen.

Begrüßen Sie das Campus-Projekt in Strem (Bezirk Güssing) von Reinhard Koch? Dort sollen ja 200 Millionen Euro investiert werden …
Wenn es Investoren dafür gibt, warum nicht? Mitbewerb ist nie schlecht. Aber grundsätzlich gilt für mich: Anschubförderung ja, Dauersubvention von Alternativenergien nein.

"Studenten motivieren, enger mit uns zusammenzuarbeiten"

Was Forschung und Entwicklung betrifft, hinkt das Burgenland hinterher. Gibt es Pläne, die Forschungsquote zu verbessern?
Erstmalig gibt es eine enge Zusammenarbeit der burgenländischen Fachhochschulen mit der Wirtschaft. Dadurch könnte sich die Forschungsquote von derzeit 0,7 Prozent erhöhen, das Ziel für 2020 ist 1,2 Prozent. Wenn wir Studenten motivieren, enger mit uns zusammenzuarbeiten, dann entstehen Projekte, die vielleicht in Start Ups münden – die Industrie kann hier sicher mehr helfen als die Politik.

Stichwort Bildung: Welche Konzepte wünschen Sie sich für die Zukunft?
Die Doppelgleisigkeiten zwischen Bund und Ländern sind in diesem Bereich nicht schlau. Ich bin dafür, die Kompetenzen im Bildungsbereich an den Bund zu übertragen, die Zuständigkeit der Länder für alle Pädagogen ist nicht gut. Dazu gehört auch, dass Entscheidungen, wie etwa die Bestellung von Schulleitern, direkt vor Ort getroffen werden sollen. Schulen sollten mehr wie Unternehmen agieren, davon würde die Gesellschaft profitieren.

"Müssen anfangen, auch länderübergreifend zu denken"

Was wird seitens der Industrie gegen den Facharbeitermangel gemacht?
Da haben wir ein größeres Problem. Gut ausgebildete Facharbeiter sind kaum zu finden. Viele Bildungseinrichtungen weisen nicht den notwendigen Standard auf. Wir sind hier gerne bereit, fachliche Unterstützung zu leisten. Außerdem sollten einzelne Ausbildungszweige an Standorten konzentriert werden und hier Leuchtturmfunktionen haben. Wir müssen anfangen, auch länderübergreifend zu denken, um konzentrierter und qualitativ hochwertiger auszubilden.

Verhindern die „Grenzen im Kopf“ eine schnellere Entwicklung?
Seitens der Unternehmer sicher nicht. Unternehmer dürfen keine Grenzen im Kopf haben. Und auch der Politik muss bewusst sein, dass einige Probleme, wie etwa die Bahnanbindung des Südburgenlandes, nur durch eine enge Zusammenarbeit mit den ungarischen Nachbarn gelöst werden kann. Zum Beispiel ist der Wirtschaftspark Heiligenkreuz ohne Bahnanbindung nur schwer wirtschaftlich zu führen. Im Norden funktioniert das, abgesehen vom Wettbewerb zwischen den Gemeinden. Hier sollte man vielleicht andenken, dass die Kommunalsteuer künftig an die Hauptwohnsitzgemeinde der Arbeitnehmer ausbezahlt wird, damit würde das Kirchturmdenken aufhören.

Die neue Regierung wurde angelobt, was erwarten Sie sich von der nächsten Legislaturperiode?
Große Würfe sehe ich vorerst nicht, das ist ein Kratzen an der Oberfläche. Ich will grundsätzlich nicht alles schlechtreden, aber für einige größere Reformen wäre der Zeitpunkt jetzt günstig. Viel wird von der Entwicklung der Wirtschaft abhängen, aber es ist bei weitem nicht alles eitel Wonne, auch wenn es oft so dargestellt wird. Die Politik sollte grundsätzlich wie ein Unternehmen agieren. Weil es ist lachhaft, jetzt zu sagen, das Budget bis 2016 steht, da ist nichts mehr zu machen. Als Unternehmer setzt man sich Ziele, überprüft sie und passt die Pläne und Budgets dann laufend an. Das wäre auch in der Politik gut und würde dem Standort Österreich insgesamt zugute kommen.

Interview: Michael Pekovics


Burgenlands Industrie

  • Rund 280 Industrie-Unternehmen im Land beschäftigten rund 10.000 Mitarbeiter, davon sind ein Viertel Angestellte.
  • Von der gesamten abgesetzten Produktion im Wert von 2,2 Milliarden Euro wurden 1,6 Milliarden Euro im Ausland erwirtschaftet.
  • Die burgenländische Industrie weist eine Exportquote von rund 60 Prozent auf.