Erstellt am 06. Dezember 2015, 09:52

Erlebnisgeschenke und Schulden boomen zu Weihnachten. In der Konsumgesellschaft kaufen sich die meisten alles selber. Zu Weihnachten muss es dann etwas ausgefallener sein, wenn Geld dafür da ist.

Die Wahl fällt immer häufiger auf Erlebnisgutscheine. Das Geschäft von Anbietern wie Jochen Schweizer, Mydays oder Jollydays wächst. In Österreich ist das ein Markt von 100 Mio. Euro im Jahr.

Für Jollydays, Marktführer in Österreich, ist Weihnachten das "absolute Alltime-High". 30 bis 40 Prozent des Geschäfts macht Firmenchef und Co-Gründer Georg Schmiedl kurz vor dem Heiligen Abend. Die Leute beginnen zwar schon früh zu schauen, gekauft wird aber sehr kurzfristig. "Im Online-Shop wird direkt geliefert - per Mail zum Selbstausdrucken", so Schmiedl. Das Geschäft sei außerdem stark wetterabhängig. "Bei schlechtem Wetter sitzen die Leute daheim und kaufen Geschenke im Internet."

Genuss und Action hoch im Kurs

Bei Jochen Schweizer, dem deutschen Stuntman und Extremsportler, der seit mehr als zehn Jahren Erlebnisse verkauft, werden die meisten Gutscheine von Frauen erstanden. "Frauen sind häufig die kreativeren Schenker und beschenken deshalb oft das Kind im Manne", hieß es vom Münchner Unternehmen. Beliebe Präsente sind hier "Action"-Erlebnisse wie Quad Fahren oder Gleitschirmtandemflüge. Männer dagegen schenken ihren Frauen gern Dinge wie ein Fotoshooting oder ein Wellness-Wochenende.

In Österreich, sagt der Chef von Jollydays, gehen Geschenke gut, die mit Essen zu tun haben. "Die Österreicher sind Genießer." Auch Action- und Motorerlebnisse stehen hoch im Kurs.

"Leute hören nicht auf zu schenken"

"Echte, reale Erlebnisse sind in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden", heißt es bei Jochen Schweizer. Als "Gegengewicht zu virtuellen Erlebnissen. Gegenständlicher Konsum macht nur vorübergehend glücklich." Laut Jollydays-Geschäftsführer Schmiedl hat sich die Konsumgesellschaft "ad absurdum geführt". Auch die reine Eventgesellschaft sieht er am absteigenden Ast, nun steuerten wir auf eine Sinngesellschaft zu. "Die Leute überlegen sehr gut, was sie schenken. Bei den Erlebnissen fragen sie nach, wie das ganz genau ist", erzählt Schmiedl.

Konsumflaute und Arbeitslosigkeit schlagen sich bei Jollydays wenn überhaupt in geringeren Gutscheinsummen nieder. "Aber die Leute hören nicht auf zu schenken."

Das heurige Jahr hat sich laut Schmiedl bisher gut entwickelt. Seit der Unternehmensgründung Ende 2003 sei der Umsatz kontinuierlich gestiegen, momentan liege man bei etwa 8 Mio. Euro im Jahr.

"Kein Ende der Fahnenstange"

Jollydays vermittelt derzeit übers das Internet und auch über sogenannte Geschenkboxen, die an diversen österreichischen Supermarktkassen erhältlich sind, rund 5.000 Erlebnisse. Diese reichen vom Tandem-Fallschirmsprung, Flugangstseminar, Schlittenhunde-Workshop bis zu Candle-Light-Dinner oder Oldtimer-Fahren. Mit mehr als 1.000 Veranstaltern arbeitet Jollydays zusammen.

Das Unternehmen mit Sitz in Wien ist auch in Deutschland und der Schweiz aktiv. Marktführer im deutschsprachigen Raum ist aber mit Abstand die Jochen-Schweizer-Gruppe mit einem Umsatz von rund 70 Mio. Euro, von denen nicht ganz zehn Prozent auf Österreich entfallen. Schweizer, der ein Jahr nach Jollydays mit seinem Erlebnisportal an den Start gegangen ist, verzeichnet heuer laut Eigenangaben das sechste Jahr in Folge zweistellige Wachstumsraten, "insbesondere in Österreich".

Auch Schmiedl von Jollydays sieht beim Wachstum "noch kein Ende der Fahnenstange". Nächstes Jahr will er den Fokus auf Firmenkunden legen. Zwar gebe es aufgrund des gesetzlichen Anfütterungsverbots keine "riesigen Incentive-Geschichten oder Event-Reisen" mehr, in Kombination mit Seminaren würden Outdoor-Erlebnisse aber nach wie vor gut nachgefragt.

Später einmal könnte auch der Eintritt in den deutschen Handel erfolgen, so Schmiedl. Dies wäre für Jollydays mit hohen Fixkosten verbunden. In Österreich sind die Jollydays-Boxen bereits an mehr als 3.500 Verkaufsstellen erhältlich. Im Schnitt geben die Leute 70 bis 100 Euro für Erlebnis-Gutscheine aus.

Für Anbieter wie Jollydays oder Jochen Schweizer gehören übrigens nicht eingelöste Gutscheine zum Geschäftsmodell. Bei Jollydays liegt die Rate "im zweistelligen Prozentbereich", Jochen Schweizer spricht von einer "geringen intrinsischen Nichteinlösequote". Beide Unternehmen beteuern, darüber nicht glücklich zu sein, denn durch zufriedene Kunden werde à la longue mehr Umsatz generiert. Ohne Nichteinlöserate jedoch müssten die Gutscheinanbieter höhere Provisionen von den Veranstaltern verlangen, sagt Schmiedl. Jollydays bietet die Erlebnisse zum gleichen Preis an wie die Veranstalter selbst.

Viele kaufen auf Pump

Zu Weihnachten tappen viele Menschen in die Schuldenfalle. "Weil das ganze so emotionalisiert abläuft, übernimmt man sich leichter", sagt der langjährige Schuldnerberater Hans Grohs. Gleichzeitig ortet er einen Trend zum Verzicht. "Aufgrund der wirtschaftlichen Situation gehen viele dazu über, gar nichts zu schenken oder Geschenke zu kaufen, die nicht mehr so teuer sind", so der Ex-Geschäftsführer des Dachverbands der staatlich anerkannten Schuldnerberatungen (asb) zur APA.

Bei manchen freilich sei Weihnachten "nach wie vor ein blinder Fleck". Sprich, die Leute denken beim Geschenkekauf nicht darüber nach, wie viel Geld sie tatsächlich zur Verfügung haben. Das treffe potenziell auf Menschen aller Einkommensklassen zu. "Die, die emotional anfälliger sind und etwas kompensieren wollen, werden zu Weihnachten eher auf den Putz hauen - ob sie es sich leisten können oder nicht."

Grohs rät zu Bargeld. "Wenn ich mir vorher ansehe, wieviel ich tatsächlich zur Verfügung habe, nehme ich das Geld in bar und gehe damit einkaufen." Noch immer sei der Bezug zu Bargeld stärker als zu Plastikkarten. Das Weihnachtsgeld kommt für manche zu früh. Vor allem bei Menschen, die knapp bei Kasse sind, ist das, was Ende Oktober oder im November ausgezahlt wurde, zu Weihnachten längst futsch. "Das Weihnachtsgeld deckt das Minus am Konto ab. Wenn man dann Weihnachtseinkäufe macht, ist man wieder im Minus", berichtet Grohs.

Minus schnellstmöglich wegzubringen

Generell empfiehlt er, das Minus am Girokonto schnellstmöglich wegzubringen. Die Überziehungszinsen seien noch immer sehr, sehr hoch. "Wenn das nicht gelingt, sollte man mit der Bank wegen eines Kredits reden."

Von Käufen auf Pump rät Groh ab. Zwar gebe es mittlerweile schon "kostenneutrale" Angebote ohne Kreditgebühren, aber der Überblick über die eigene Finanzsituation gehe verloren, wenn zu viele Zahlungen vom Konto abgehen. Der Schuldenexperte setzt "auf die gute alte Methode des Ansparens". Den Fernseher also erst dann kaufen, wenn das Geld tatsächlich da ist.

Weihnachten ist in Grohs' Augen für die Gesamtwirtschaft wichtig, dem Handel beschere der Advent einen zusätzlich Umsatzmonat. Der Einzelne sollte dennoch wissen, was er wirklich braucht und was er dafür ausgeben kann - und sich "nicht von Verkaufszielen von Unternehmen beeinflussen lassen".

Die Schuldnerberatungen haben zu Jahresbeginn traditionell Hochbetrieb. "Zu Weihnachten denkt kaum jemand an seine Schulden", weiß Grohs.