Erstellt am 13. November 2011, 11:56

EU will Ratingagenturen Maulkorb verpassen. Ratingagenturen stehen in der Schuldenkrise als Brandbeschleuniger am Pranger.

Der jüngste Patzer von Standard & Poor's bei der angeblichen Herabstufung der Kreditwürdigkeit Frankreichs ist Wasser auf die Mühlen der Politik, die die Agenturen bändigen will. "All dies stärkt meine Überzeugung, dass Europa schärfere Regeln braucht", meinte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier die Panne.

Der Franzose präsentiert an diesem Dienstag Reformideen, die das Geschäft mit der Benotung von Finanzprodukten, Unternehmen und Staaten aufmischen könnten. Schon im Vorfeld liefen die drei Marktführer - Standard & Poor's, Moody's und Fitch - Sturm gegen die EU-Pläne. Eine "Katastrophe" sei die Reform, verlautete aus den Häusern, die um ihr Geschäftsmodell und um zahlungskräftige Kunden fürchten.

In der Tat sind die Pläne der EU-Kommission geradezu revolutionär. Nach einem Entwurf, welcher der Nachrichtenagentur dpa vorliegt, will Brüssel den Ratingagenturen notfalls verbieten, Urteile über kriselnde Euro-Länder wie Griechenland, Irland oder Portugal zu veröffentlichen. Dahinter steckt der Vorwurf, dass die Bonitätswächter die Lage einzelner Länder falsch bewerten und mit ihren Urteilen die Krise verschärfen.

Herabstufungen der Kreditwürdigkeit von Staaten sorgen regelmäßig für Unruhe an den Märkten. Es ist ein Teufelskreis: Sinkt das Rating, wird es für ein Land teurer, sich Geld zu leihen - was wiederum aufs Rating drückt. "Das Thermometer (...) muss richtig funktionieren, um nicht mehr Fieber anzuzeigen, als tatsächlich vorherrscht", betont Barnier.

Damit die Ratings vergleichbarer werden, will Brüssel der EU-Wertpapieraufsicht ESMA eine Kontrolle über die Methodologie der Ratings geben. Ziel ist ein einheitlicher Kriterienkatalog für alle. Auftraggeber sollen zudem verpflichtet sein, alle drei Jahre die Ratingagentur zu wechseln, damit es keine "Gefälligkeitsratings" gibt. Für fehlerhafte Benotungen sollen Ratingagenturen erstmals haften.

Vielleicht gibt es bald auch eine europäische Konkurrenzagentur zu den US-Giganten. Die Unternehmensberatung Roland Berger wirbt seit mehr als einem Jahr dafür. Träger sollen Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister sein, die rund 300 Millionen Euro Startkapital bereitstellen.