Erstellt am 28. Mai 2012, 00:00

Kein Platz für Pendler: Stadt Wien macht dicht. MASSNAHMEN / Wien will sein Verkehrsproblem mit der Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung in den Griff bekommen. Ziel ist der Umstieg der Pendler auf öffentliche Verkehrsmittel.

Die Parkraumbewirtschaftung in Wien wird auf fünf weitere Bezirke erweitert.  |  NOEN, FOTOS: BALDAUF, MARSCHIK, ZVG

VON VERENA SCHWARZINGER UND ANITA KIEFER

Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung um fünf Bezirke ab Oktober. Die Anhebung der Gebühren für Kurzparker. Teile Wiens, in denen nur mehr Anrainer parken dürfen. Eins ist klar: Wien macht mobil gegen Pendler, die mit einem Fahrerzug in die Bundeshauptstadt kommen.

Das ist vor allem für sehr viele Niederösterreicher ein harter Schlag. In der Hauptverkehrszeit zwischen 5 und 9 Uhr pendeln täglich rund 172.000 Personen nach Wien, etwa 85 Prozent davon (146.600 Personen) kommen aus NÖ. Das ergab eine Erhebung des Landes. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren 32 Prozent der Wien-Pendler in die Bundeshauptstadt. „Ein Kriterium ist natürlich die Geldsache. Fünf Kilometer fährt man schnell mit dem Auto. Ab 30 bis 40 Kilometer wird es, wenn man nur den Treibstoff rechnet, mit einer Bahn-Jahreskarte billiger“, so NÖ Verkehrsplaner Friedrich Zibuschka.

Teurere Einzelfahrscheine  für Gelegenheitsnutzer
Die Jahres- und Monatskartenpreise der Wiener Linien wurden zwar vergünstigt (siehe Infobox). Teuer wird es aber für Gelegenheitspendler, für die sich eine Zeitkarte nicht rentiert: Ein Einzelfahrschein kostet mittlerweile zwei Euro. Vergünstigungen in den Wiener Park&Ride-Anlagen gibt es zwar für Nutzer der Wiener Linien, allerdings sind auch die an den Kauf einer Zeitkarte gebunden.

Erfreut sei man „im Sinne unserer Pendler“ beim Land NÖ über eine ausgeweitete Parkraumbewirtschaftung natürlich nicht, bekräftigt Zibuschka. Daher hat Niederösterreich drei Projekte für die Zukunft seiner Pendler am Laufen. Erstens sollen – wo möglich – die Takte der Schnellbahnen verdichtet werden. Die erste Tranche startet laut Zibuschka bereits mit der Fahrplanänderung ab Dezember 2012. Zweitens verhandle man mit dem Bund über neue Schnellbahn-Garnituren. Die ersten sollen ab 2014/15 kommen. Und drittens werde man den weiteren Ausbau der in NÖ kostenlosen Park&Ride-Anlagen forcieren. Jährlich kommen etwa 1000 neue Stellplätze dazu. Zusätzlich gibt es nach wie vor die Unterstützung der NÖ Pendler in Form der NÖ Pendlerhilfe.

Gespräche mit Wiens Vizebürgermeisterin
Auch mit der Wiener Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou von den Grünen stehe man in „konstruktiven Gesprächen“, sagt Zibuschka. Er würde sich eine Preissenkung der Wiener Park&Ride-Anlagen nach Münchner Vorbild wünschen. „Dort kostet ein Tag nur einen Euro bis 1,5 Euro, je nachdem, wie weit man in die Stadt hineinfährt. Die Anlagen in München sind voll, bei uns sind sie oft sogar halb leer.“ Ein Tag in einer Park&Ride-Anlage in Wien kostet momentan drei Euro. Die Arbeiterkammer NÖ wünscht sich zusätzlich ein möglichst einfaches Ticketsystem bei öffentlichen Verkehrsmitteln als Anreiz, auf den Pkw zu verzichten.

Trotz einer Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung glaubt Friedrich Zibuschka nicht, dass sich der Anteil an Pendlern, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen, in Zukunft erhöhen wird. „Das ist aber sehr schwer abzuschätzen.“ Alternativen, wie die Wiener ihrem Verkehrsproblem ohne derartige Maßnahmen Herr werden könnten, hat aber auch er nicht parat.

Studenten zahlen mehr
Beim Studenten-Ticket für den öffentlichen Verkehr in Wien macht es einen großen Unterschied aus, ob man in der Bundeshauptstadt wohnt oder nicht. Nicht-Wiener Studenten einer Universität oder Fachhochschule zahlen aktuell für das sogenannte Semesterticket 100 Euro (im Wintersemester gültig von Oktober bis Jänner, im Sommersemester von März bis Juni). Mit dieser Zeitkarte darf das Angebot der Wiener Linien genutzt werden. Das Land NÖ stattet momentan 50 Euro des Preises zurück, wenn die betroffenen Studenten ihren Hauptwohnsitz in NÖ haben. Zum Vergleich: Wiener Studenten zahlen bloß 50,50 Euro für ihr Ticket.

Ab September wird das Semesterticket für Studenten, die ihren Hauptwohnsitz nicht in Wien haben, 150 Euro kosten. Im Gegenzug gilt es nun bereits ab September bis Jänner bzw. ab Februar bis Juni. Das Land Niederösterreich hat deswegen seine Förderung auf 75 Euro erhöhrt, um eine Abwanderunge zu verhindern. Wiener Studenten zahlen künftig bloß 75 Euro.



NÖ Verkehrslandesrat Karl Wilfing: "Problematisch!"

NÖN: Werden die NÖ Pendler mit Wiener Maßnahmen wie der Parkpickerl-Ausweitung aus der Hauptstadt gedrängt?
Wilfing: Ich sehe das aus mehreren Gründen als sehr problematisch an. Im Stadtkern Wiens ist die Dichte an Öffis sehr hoch – im Gegensatz zu Randbezirken, wo ja nun nach dem rot-grünen Plan auch ausgeweitet werden soll. Weiters werden Wochenpendler nun dramatisch diskriminiert, weil sie einen Nebenwohnsitz in Wien haben, aber ihnen der Zugang zum Dauerparkplatz im öffentlichen Straßenraum verwehrt wird, obwohl sie in Wien arbeiten und der Stadt damit auch Geld bringen. Auch ein Wiener Zweitwohnsitzer in NÖ hat vollen Zugang zur technischen Infrastruktur seiner Wohnsitzgemeinde – und zwar zu denselben Konditionen wie NÖ Hauptwohnsitzer auch.

 

NÖN: Glauben Sie, dass die Pendler durch die Parkpickerl-Ausweitung auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen werden?
Wilfing: Viele haben ja auch gar keine andere Möglichkeit, als das Auto zu nutzen. Das Problem für den Verkehr in Wien sind eher Gelegenheitsfahrer, die durch die Erhöhung der Preise für Einzelfahrscheine noch weniger Interesse haben, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

NÖN: Gibt es Gespräche mit der Stadt Wien, um Maßnahmen wie die Parkpickerl-Ausweitung für NÖ Pendler gemeinsam abzufedern?
Wilfing: Bei den beiden bisherigen Ausbaustufen des Parkpickerls wurden seitens NÖ immer die absehbaren Nachteile für niederösterreichische Bürger thematisiert. Wien hat sich aber in seinen Entscheidungen dadurch nicht beeinflussen lassen. NÖ hat auch diesmal hohes Inter- esse, die Lage der Pendler nicht verschlechtern zu lassen und Härtefälle zu vermeiden.


Maria Vassilakou, Vizebürgermeisterin Wien: "Müssen handeln!"

NÖN: Sollen Niederösterreichs Pendler aus der Stadt Wien draußen gehalten werden?
Vassilakou: Im Gegenteil. Die Pendler haben einen großen Anteil an der Wirtschaftskraft der Stadt. Aber die Zukunft liegt im öffentlichen Verkehr. Eine Ansicht, die auch mein niederösterreichischer Kollege, Landesrat Wilfing teilt. Wien erstickt in Stau und Abgasen mit allen Nebenwirkungen – Feinstaub, Lärm und allen gesundheitlichen Folgen. Kurz: Wir müssen handeln. Das bedeutet: Erstens: Anreize für den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr. Zweitens: Gebieten, die von massiver Überparkung betroffen sind, Erleichterung verschaffen.

 
NÖN: Wird das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln in Wien aufgestockt?
Vassilakou: Wir verlängern eben die U1, verdichten die Intervalle auf der U6. Dazu kommen neue Straßenbahnlinien wie die Linie 25, die Verlängerung des D-Wagens. Abgesehen davon wird es eine Arbeitsgruppe mit NÖ zur Entwicklung des Park&Ride-Angebotes an der Stadtgrenze bzw. in NÖ entlang der Bahn geben.
 
NÖN: Wie sagen Sie zum Vorwurf, Maßnahmen wie eine ausgeweitete Parkraumbewirtschaftung treffen nur die „Normalbürger“, nicht die Reichen?
Vassilakou: Wenn es um die Abschaffung von Verkehrsprivilegien für Reiche geht, dann reden wir bitte über die Pendlerpauschale. Das ist tatsächlich eine unsoziale Maßnahme: Erstens, weil sie Nutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln benachteiligt und zweitens ist die Pendlerpauschale als Freibetrag gestaltet statt als Absetzbetrag mit Negativsteuer. Dazu kommt, dass es Ungerechtigkeiten bei Teilzeitarbeitenden gibt und Freitag/Samstags-Aushilfen im Handel ausgeschlossen sind. Lassen Sie uns das Job-Ticket einführen. Das wäre sozial und ökologisch.

 

Verkehrsproblem in Wien: Die Maßnahmen (in Klammer alte Preise):

- Erhöhung der Parkgebühren
Seit 1. März 2012 kosten 30 Minuten Kurzparken einen Euro (0.60 Euro), 60 Minuten Kurzparken zwei Euro ( 1,20 Euro), 90 Minuten drei Euro (1,80 Euro) und 120 Minuten vier Euro (2,40 Euro). Die Strafgebühr für Parksünder wird erst gegen Ende des ersten Halbjahres 2012 von 21 auf 36 Euro erhöht.
 
- Parkpickerl für Wiener
1 Jahr 120 Euro (135 Euro)
2 Jahre 240 Euro ( 270 Euro)
Zusätzlich werden aktuell 58,99 Euro Verwaltungsabgaben pro Ausstellung eingehoben. Parkpickerl können nur Hauptwohnsitzer des Bezirks erwerben. Die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung erfolgt mit 1. Oktober 2012 auch im 12. und 15. sowie in Teilen des 14., 16. und 17. Bezirks. Bereits gebührenpflichtig sind die Bezirke 1 bis 9, 20 und der Bereich um die Stadthalle im 15. Bezirk.
 
- Pilotprojekt: Parken dürfen nur Anrainer
In Teilen der Bezirke Neubau, Mariahilf und Josefstadt wollen künftig probeweise ausschließlich Anrainer parken. Noch vor dem Sommer soll das Pilotprojekt starten. Es werden Zonen mit Schildern mit der Aufschrift „Parken Verboten – Ausgenommen Anrainer“ errichtet. Sollten die Projekte Erfolg zeigen, könnten sie auf ganz Wien ausgeweitet werden.
 
- City Maut
Die Grünen fordern die Einführung einer „City-Maut“. Diese soll – zeitlich gestaffelt – fällig werden, sobald man mit einem Fahrzeug den Gürtel überquert.