Erstellt am 15. Dezember 2011, 14:22

Leitbetriebe horten mehr Geld. Die heimischen Leitbetriebe haben im zweiten Quartal 2011 mit 8,5 Mrd. Euro einen deutlich höheren Cash-Bestand ausgewiesen als in den Krisenjahren 2008/09.

Am meisten Geld horteten der Baukonzern Strabag mit 1,4 Mrd. Euro, der Mineralölkonzern OMV (1,2 Mrd. Euro) und der Anlagenbauer Andritz (1,2 Mrd. Euro). Über die geringsten Mittel verfügten der Autozulieferer HTI mit 3,0 Mio. Euro, der Wäschehersteller Wolford (5,9 Mio. Euro) und der Büromöbelhersteller Bene (10,4 Mio. Euro). Zu diesem Ergebnis kommt der Liquiditätsreport des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PwC), der alle Unternehmen des heimischen Aktienindex ATX und Prime Market, mit Ausnahme von Banken, Versicherungen und Finanzdienstleistern, untersucht hat.

"Berücksichtigt man die im zweiten Quartal traditionell ausgeschütteten Dividenden in Höhe von 1,6 Mrd. Euro, befindet sich der Cash-Bestand noch immer auf Rekordniveau", sagte Helmut Kern, Leiter des Consultings bei PwC Österreich, am Donnerstag vor Journalisten in Wien. Im ersten Halbjahr wurden die liquiden Mittel um knapp 500 Mio. Euro reduziert, im Vergleich zum vierten Quartal 2010. Der Cash-Bestand von 8,5 Mrd. Euro liegt aber immer noch um 1,7 Mrd. über dem Krisenjahr 2008 und 2009 (+1,4 Mrd. Euro). Die Leitbetriebe des deutschen Aktienindex DAX und MDAX reduzierten hingegen ihre liquiden Mittel seit 2010 um rund 14 Mrd. Euro. Die höchsten Cash-Bestände horteten Volkswagen mit 20,1 Mrd. Euro, Siemens (13,0 Mrd. Euro) und Daimler (9,8 Mrd. Euro).

Im zweiten Quartal erwirtschafteten die ATX-und ATX-Prime-Unternehmen mit rund 1,6 Mrd. Euro den niedrigsten operative Cash-Flow seit 2008. Zum Vergleich: Im zweiten Quartal 2010 wurde noch ein Cash-Flow von 1,9 Mrd. Euro ausgewiesen. Das sei "ein schlechtes Omen für die Zukunft" und bereite "große Sorgen", erklärte Kern. Den höchsten operativen Cash-Flow erzielten die OMV mit 384,3 Mio. Euro, Telekom Austria (312,5 Mio. Euro) und EVN (244,5 Mio. Euro). Einen negativen Cash-Flow aus laufender Geschäftstätigkeit wiesen Conwert Immo mit minus 51,6 Mio. Euro, Zumtobel (- 29,8 Mio. Euro) und Bene (- 27,0 Mio. Euro) aus.

Trotz hoher Cash-Bestände sind die heimischen Leitbetriebe bei Investitionen zurückhaltend: Mit 1,5 Mrd. Euro investierten die Unternehmen um 70 Mio. Euro weniger als im Vorjahresquartal. Die Investitionen seien "auf niedrigem Niveau" und man erlebe eine "große Zurückhaltung", sagte Kern. Die größten Investitionen tätigten im zweiten Quartal die OMV mit 483,9 Mio. Euro, Strabag (181,9 Mio. Euro) und EVN (174,0 Mio. Euro). Desinvestiert haben Conwert Immo mit 168,8 Mio. Euro., Immofinanz (112,0 Mio. Euro) und Polytec Holding (20,4 Mio. Euro). Conwert und Immofinanz hätten sich aufgrund der guten Marktlage von Immobilien getrennt, so Kern. Als Inflationsschutz würden sich Unternehmensübernahmen anstatt Sachinvestitionen anbieten.

Bei den Finanzierungen stehen die heimischen ATX- und ATX-Prime-Unternehmen auf der Schuldenbremse: Im zweiten Quartal belief sich der Cash-Flow aus Finanzierungstätigkeit auf minus 277 Mio. Euro. Wenn man die Kapitalerhöhung der OMV von rund 1 Mrd. Euro herausrechne, hätten die heimischen Betriebe massiv Schulden abgebaut, erklärte Kern. Der Verbund zahlte mit 364,4 Mio. am meisten aus, gefolgt von der Telekom Austria (338,3 Mio. Euro) und der voestalpine (337 Mio. Euro). Die OMV hatte mit 1,0 Mrd. Euro am meisten Kapital aufgenommen, AMAG AG (81,7 Mio. Euro) und Frauenthal Holding (60,3 Mio. Euro).

Die Eigenkapitalquote der heimischen Leitbetriebe ist mit 39 Prozent im Vergleich zum Vorquartal um 0,9 Prozentpunkte gesunken, aber liegt immer noch auf hohem Niveau: Zum Vergleich: Die Eigenkapitalquote der deutschen DAX- und MDAX-Betriebe betrug im zweiten Quartal rund 33 Prozent. Die höchsten Quoten erreichten Century Casinos mit 84,2 Prozent, Mayr-Melnhof (63 Prozent) und Semperit (57,7 Prozent). Die geringsten Eigenkapitalquoten hatten die Telekom Austria mit 10,6 Prozent, Warimpex (14,0 Prozent) und HTI (17,9 Prozent). Die niedrige Quote der Telekom Austria sei für ein Infrastrukturunternehmen "außergewöhnlich gering" und "begeistert uns nicht", betonte der Consulting-Experte.

Für die kommenden Quartale erwartet Kern eine Double-Dip-Rezession. Vor allem ab dem zweiten Halbjahr 2012 und 2013 werde es "tendenziell weiter nach unten gehen". Die Euro-Staatsschuldenkrise belaste und Europa verliere an Attraktivität als Wirtschaftsstandort. Asien hole im Vergleich zu Europa "unglaublich schnell" auf.