Erstellt am 13. Januar 2011, 16:50

Rettberg wegen Libro-Pleite vor Gericht. Die Karriere des ehemaligen Chefs der Buch-, Papier-und Musikhandelskette Libro, Andre Maarten Rettberg (53), hat einst vielversprechend begonnen, stürzte dann aber steil ab.

Der gelernte Buchhändler arbeitete sich an die Libro-Spitze hinauf und wurde im Jahr 1999 zum "Manager des Jahres". Nach dem Börsengang führte der Weg der Handelskette rasch in den Konkurs. Schließlich wurde der Niederländer wegen versuchter betrügerischer Krida rechtskräftig verurteilt. Ab Montag muss sich Rettberg als Hauptangeklagter im Libro-Prozess in Wiener Neustadt verantworten.

Der am 8. Oktober 1957 in Holland geborene, gelernte Buchhändler begann 1978 bei Libro Salzburg und machte aus der einst angeschlagenen Diskontkette den größten Medienhändler Österreichs. Libro wurde 1978 als 100-prozentige Billa-Tochter des Wlaschek-Konzerns gegründet und war zunächst ein reiner Buchdiskonter. Später wurde das Sortiment um Musik-, Papier- und Schreibwaren erweitert. 1984 wurde Rettberg von Billa-Eigentümer Karl Wlaschek und Manager Veit Schalle die Sanierung der damals angeschlagenen Libro-Diskontkette übertragen.

Als 1996 der Billa-Konzern vom deutschen Handelsriesen Rewe übernommen wurde, blieb die Libro-Kette zunächst noch in der Wlaschek Privatstiftung. Ende 1997 ging Libro zur Gänze an ein Konsortium um die börsenotierte Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft Unternehmens Invest AG (UIAG) und die Deutsche Beteiligungs AG (DBAG). Rettberg selbst beteiligte sich ebenso wie der frühere Finanzvorstand Johann Knöbl und eine Gruppe von Investoren an der Handelskette, die damals mit 1.400 Beschäftigten in 220 Filialen und einem Umsatz von 254 Mio. Euro zu den sechs größten Buchhändlern im deutschen Sprachraum gehörte.

In den nächsten Jahren steckte Rettberg viel Geld in die Expansion von Libro. Im Juni 1998 übernahm Libro von der Passauer Verlagsgruppe den Oberösterreichischen Landesverlag GesmbH mit seinen Amadeus-Medienhäusern. Die Deutschland-Expansion erwies sich im Nachhinein als Klotz am Bein. 1999 stieg Libro mit Lion.cc in den boomenden Internetmarkt ein. Am 10. November 1999 ging Libro an die Börse. Im selben Jahr wurde Rettberg von 22 heimischen Wirtschaftsjournalisten für das Nachrichtenmagazin "News" zum "Manager der Jahres" gewählt.

Dann begann allerdings der Abstieg Libros und auch Rettbergs. Im Geschäftsjahr 1999/2000 (per Februar) rutschte Libro in die Verlustzone. Ab Weihnachten 2000 hatte das Unternehmen mit ernsthaften Liquiditätsproblem zu kämpfen und da bereits damals kein Investor gefunden werden konnte, meldete Libro im Juni 2001 mit 240 Mio. Euro anerkannten Forderungen den Ausgleich an. Noch knapp vor Ausgleichseröffnung wurde Rettberg der Sanierungsmanager Werner Steinbauer als Finanzvorstand zur Seite gestellt.

   Nicht einmal ein Jahr später, Mitte April 2002, brauchte Libro als Folge der schwachen Konjunktur von den Banken wieder Geld, das Unternehmen schlitterte in den Konkurs, der mit laut KSV mehr als 380 Mio. Euro angemeldeten Passiva nach Konsum und Maculan das damals drittgrößte Insolvenzverfahren in Österreich seit 1954 war. Im November 2002 wurde Libro schließlich zum Ausrufungspreis von 5 Mio. Euro von einem Konsortium um den Industriellen Josef Taus übernommen.

   Ab März 2003 war Rettberg Erstbeschuldigter in einem Gerichtsakt, ihm wurden laut einem Gerichtssprecher des Wiener Neustädter Landesgerichts "Betrug, Untreue, fahrlässige Krida und unrichtige Aussagen gemäß § 255 Aktiengesetz" vorgeworfen, Voruntersuchungen gegen Rettberg begannen. Fast acht Jahre später kommt es nun zum Prozess: Ab Montag, 17. Jänner, steht Rettberg als Angeklagter vor Gericht. Mitangeklagt sind Libros ehemaliger Finanzvorstand Johann Knöbl, Ex-Aufsichtsratsvorsitzender Kurt Stiassny, dessen Stellvertreter Universitätsprofessor Christian Nowotny sowie der Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann. Die Anklagepunkte lauten auf Untreue, schwerer Betrug und Bilanzfälschung. Den Angeklagten drohen bis zu zehn Jahren Haft. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.

   An einer "Nebenfront" der Pleite ist Rettberg jedoch unterdessen rechtskräftig verurteilt. Wegen versuchter betrügerischer Krida war der ehemalige Manager im Jahr 2006 im Landesgericht Wiener Neustadt wegen Verschleierung seines privaten Vermögens vor seinen Gläubigern verurteilt worden. Der Schuldspruch ist vom Obersten Gerichtshof (OGH) bestätigt worden. Die Strafe von drei Jahren Haft, davon acht Monate unbedingt, wurde von Rettberg angefochten, das Wiener Oberlandesgericht hat diese aber Mitte September 2008 bestätigt. Die rechtskräftige Haftstrafe musste Rettberg aber bis heute nicht antreten. Ein Strafaufschub von einem Jahr wurde gewährt, dann brachte Rettberg einen Wiederaufnahmeantrag ein. Außerdem beantragte er eine Fußfessel, um nicht in Handschellen vor den Richter treten zu müssen.