Erstellt am 25. August 2011, 10:13

Viele Erwerbstätige sind armutsgefährdet. "Gerechtigkeit - Verantwortung für die Zukunft" lautet das Motto des heurigen Europäischen Forums Alpbach. "Ich finde es ziemlich irritierend, dass dabei aber die Verlierer des jetzigen Systems überhaupt nicht zu Wort kommen", brachte Michaela Moser von der österreichischen Armutskonferenz Mittwochabend beim 12. Stadtkulturgespräch der Wiener Vorlesungen in Alpbach kritisch an.

Am Podium zum Thema "Soziale Gerechtigkeit" saß dabei auch die prominente Flüchtlingshelferin Ute Bock. "Ich pass' da hier ja gar nicht her", betonte sie. "Ich hab ja nur eine ganz normale Matura."

"Wenn wir über Gerechtigkeit reden wollen, müssen wir auf das Unrecht hinschauen", so Moser. 80 Millionen Menschen leben in der EU unter der Armutsgrenze, so viele wie die gesamte Bevölkerung Deutschlands. Es sei für sie immer wieder schockierend, wie wenig die Entscheidungsträger von der konkreten Lebensrealität armutsbedrohter Menschen wüssten, dass viele von ihnen noch nie persönlichen Kontakt zu einem Betroffenen hatten.

Vielen Menschen sei auch nicht bewusst, dass die Hälfte der Armutsgefährdeten in Österreich erwerbstätig ist, erklärte Politikwissenschafter Emmerich Talos. "Die Annahme, dass wer arbeitet sein Überleben sichert, trifft für einen immer größeren Teil der Bevölkerung nicht zu." Der "traditionelle Mix von Leistungsgerechtigkeit und Bedarfsgerechtigkeit im österreichischen Sozialstaat" reiche nicht mehr aus, um die dramatischen Veränderungen am Arbeitsmarkt abzufangen.

Ute Bock berichtete unterdessen aus ihrer Realität. Von gebrochenen Ellenbögen nicht krankenversicherter Asylwerber und von den nicht reduzierten Monatskarten für öffentliche Verkehrsmittel von deren Schulkindern. "Das wird uns noch auf den Kopf fallen", ist sie überzeugt. "Da züchten wir eine Klasse, die nur zur Last werden kann - und träumen vom geeinten Europa."