Erstellt am 14. August 2012, 14:43

Wolf: „Ich bin ein Bauer“. Österreichs Top-Manager Sigi Wolf im Exklusiv-Gespräch über sein Engagement in Russland, neue Werte in der Politik und seinen „Spezi“ Frank Stronach.

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BVZ: Herr Wolf, ehrt Sie die Tatsache, dass Sie viele gerne in der österreichischen Bundespolitik sehen wollen?
Wolf: Das amüsiert mich eigentlich nicht, denn ich sehe das mit einer gewissen Traurigkeit. Es macht mich betroffen, wie politikverdrossen unsere Menschen in Österreich sind.
 
BVZ: Was vermissen Sie?
Wolf: In der österreichischen Politik wird immer nur nach Schuldigen und nicht nach Lösungen gesucht. Die Politik hat in der nächsten Zeit eine große Herausforderung: gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Die Politiker sollten das große Ganze sehen und es sollte nicht jeder, getrieben von Bünden und Organisationen, für seine eigene Sache lobbyieren. Ich glaube, wenn das passiert, steigt auch wieder das Ansehen der Politik.
 
BVZ: Meinen Sie also, dass es in Österreich keiner neuen Partei à la Frank Stronach bedarf?
Wolf: Im Grunde nicht. Es bedarf ganz einfach wieder neuen Mutes und eines neuen Geistes. Ich kenne Frank Stronach schon viele Jahre. Er will den Status quo verändern. Denn Status quo bedeutet Stillstand und Stillstand bedeutet Rückschritt. Was er bewegen will, ist, dass wieder mehr Werte bis zum Bürger kommen. Es stimmt mich sehr bedenklich, dass immer weniger Leute zu den Wahlen gehen, weil sie der Meinung sind, dass eh nichts passiert. Und wenn ich von den „Piraten“ höre, dann ist das beinahe eine Schande. Das ist der Ausdruck der Verzagtheit und der Politikverdrossenheit der Leute, weil sie das Gefühl haben, dass es mit der bisherigen Politik keinen Fortschritt gibt.
 
BVZ: Aber man merkt, es liegt Ihnen viel am Thema Politik ...
Wolf: Es liegt mir mehr am Stellenwert Österreichs im Ausland. Denn wenn man sieht, mit welch hoher Akzeptanz man uns im Ausland begegnet und man gleichzeitig sieht, wieviel wir in Österreich noch zu tun haben, um diesem Ansehen gerecht zu werden, dann ist es das, was mich bewegt. Vielleicht gelingt es uns, im Bekenntnis zu Österreich neue Wege einzuschlagen.
 
BVZ: Würden Sie es ausschließen, jemals in die Bundespolitik zu gehen?
Wolf: Ich bin ein politischer Mensch und stehe immer gerne mit Rat und Tat zur Seite. Aber auch der Beruf des Politikers muss gelernt sein.
 
BVZ: Wie lange bleiben Sie in Russland? Sie sind bei „Russian Machines“ für fast 200.000 Menschen in den Bereichen Auto- und Bauindustrie verantwortlich.
Wolf: Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich bis zu den Olympischen Spielen 2014 unser Management so weit strukturiert haben will, dass ich ein halbwegs ausgeglichenes Zeitmanagement habe und eher im Bereich Verwaltung und Aufsichtsrat tätig sein kann. Derzeit bin ich ja bis zu 250 Tage pro Jahr in Russland.
 
BVZ: Sie gehen also nach 2014 nicht ganz zurück nach Österreich, aber man wird Sie hier wieder öfter sehen?
Wolf: Das kann man sagen.
 
BVZ: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Unterschiede zwischen Österreich und Russland?
Wolf: Österreich ist ein Land mit einem unheimlich großen Potenzial, aber wir machen relativ wenig daraus. Und bei den Russen ist es umgekehrt.
 
BVZ: Welchen Tipp können Sie österreichischen Unternehmern für ein Engagement in Russland geben?
Wolf: Russland braucht Modernisierung und da ist jede Hilfe willkommen. Und wenn Präsident Wladimir Putin öffentlich sagt, er würde gerne einen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok sehen, dann ist das eine Einladung an jeden österreichischen Unternehmer. Wir müssen nur die Chancen nützen und hier vor Ort herkommen. Zudem leisten unsere Interessensvertretungen, angefangen vom Handelsdelegierten Dietmar Fellner, ausgezeichnete Arbeit.
 
BVZ: Was war Ihre persönliche Motivation, nach Russland zu gehen? Das Geld wird es nicht mehr sein ...
Wolf: Nein, das war es auch nicht mehr. Ich wollte es einfach noch einmal wissen. Ich hatte bei Magna eine tolle Zeit mit allen Gestaltungsmöglichkeiten, die man sich als Manager überhaupt nur vorstellen kann. Ich bin ja an und für sich ein Bauer – ob Auto-Bauer oder Brücken-Bauer, wie auch immer Sie das sehen wollen, mit landwirtschaftlichen Wurzeln. Ich habe Russland als Chance und als neue Herausforderung gesehen.
 
BVZ: Welche Faktoren muss das Burgenland noch verbessern, damit Sie sagen würden, ein Engagement wäre hier für Sie interessant?
Wolf: Ich glaube, im Burgenland gibt es eine vernünftige Förderkulisse. Außerdem gibt es im Burgenland Unterstützung von der Stunde Null bis hin zur Fertigstellung des Betriebes. Hier zeichnet sich das Burgenland aus und braucht sich beim Thema Betriebsansiedelung nicht hintanzustellen.