Erstellt am 08. September 2015, 15:55

"Bedarf keiner Erklärung". Karim El-Gawhary und Mathilde Schwabeneder verfassten das neue Buch mit Flüchtlings-Reportagen. Der ORF-Korrespondent sprach mit der BVZ über seine Erfahrungen.

Buchautor: ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary.  |  NOEN, Manfred Weis
Am Dienstag, dem 15. September, präsentiert Karim El-Gawhary sein neues Buch „Auf der Flucht“ im Saal der Stadtbibliothek Oberpullendorf. Für die BVZ hat sich der Autor schon vorab zum aktuellen Flüchtlings-Thema Zeit genommen.

BVZ: Sie sind als Korrespondent in den Krisenherden des Ostens laufend mit Schicksalen konfrontiert. Wie prägend ist dieses menschliche Leid für Sie?
Karim El-Gawhary:
Mein Kopf ist voll mit so vielen Flüchtlingen, die ich in den letzten Jahren getroffen habe und deren Geschichten auch der Inhalt dieses Buches sind. Amscha, die Jesidin, die ich in der Nähe des kurdischen Dohuk getroffen habe, wohin sie sich vor ihren IS-Peinigern geflüchtet hat, die sie zuvor wie Vieh verkauften. Oder der 13-jährige Ibrahim, dessen Mutter es mit ihm und 140 anderen Flüchtlingen auf einem Kahn nach Italien schaffen wollte, als die ägyptische Küstenwache das Boot ausbrachte und Ibrahims Mutter direkt neben ihm erschoss. Oder der junge Essam, den ich getroffen habe, mit mehreren Schusswunden aus dem Krieg in Syrien und einigen Kugeln im Körper, der mir eine seiner Nieren zum Verkauf anbot, um endlich medizinisch versorgt zu werden.

Kenn man sich dem Thema Flucht gar nicht entziehen?
In der arabischen Welt unmöglich. Als Korrespondent habe ich gleich dreifach mit Flucht zu tun. Da sind Länder wie Syrien und der Irak, deren unsagbar brutalen Konflikten die Menschen zu entfliehen suchen. Es sind aber auch arabische Länder, in die die meisten fliehen. Über 90 Prozent der syrischen Flüchtlinge leben heute in den Nachbarländern, also auch im Libanon und Jordanien, mit Flüchtlingszahlen im Verhältnis zu Bevölkerung, die man sich in Europa nicht einmal annähernd vorstellen kann. Und es sind die Mittelmeerküsten der arabischen Welt, die dem Rest als Ausgangspunkt für ihren Traum nach einem sichereren und besseren Leben dient.

Wie weit muss es aus Ihrer Sicht kommen, dass Menschen fliehen?
Zu Beginn des Buches wird eine Kinderzeichnung gezeigt. Am lila gekritzelten bedrohlichen Himmel ist ein Flugzeug zu erkennen. Deutlicher sind die Bomben zu sehen, die es abwirft. Unten werden schwarze Figuren in Stücke gerissen. Am meisten sticht das Rot ins Auge, der Schwall von Blut, den das Kind mit Wachsmalkreide zwischen abgerissene Gliedmaßen, Köpfe und um jede einzelne Figur gezeichnet hat. Das Bild stammt von dem achtjährigen syrischen Flüchtlingskind Abdallah im Libanon und wurde mir in einem Kindergarten gezeigt, der ein paar der Kleinen aufgenommen hat. Viele der syrischen Kinder liefern solche Werke des Grauens ab. Ein Grauen, das sie sich nicht in ihren kleinen Köpfen ausgedacht haben können, sondern das sie zu Papier bringen, weil sie es selbst erlebt haben. Die Zeichnung sagt mehr aus, als tausend Berichte aus dem Syrien-Krieg, die kaum mehr einer liest. Wovor Abdallah mit seiner Familie geflohen ist, bedarf keiner weiteren Erklärung mehr.