Erstellt am 20. September 2011, 14:43

„Als wollte er sich vors Auto werfen!“. Am 27. März 2011 starb auf der B50 zwischen Eisenstadt und Wulkaprodersdorf ein 16-Jähriger. Zwei junge Männer sollen den Unfall verschuldet haben.

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EISENSTADT/ Als im Gerichtssaal der Brief der Mutter des Unfalllenkers – der zum Zeitpunkt des Unfalls 17 Jahre alt war – verlesen wurde, blieb kaum ein Auge trocken. Am 27. März dieses Jahres war bei einem Verkehrsunfall auf der B50 zwischen Eisenstadt und Wulkaprodersdorf der beste Freund des jungen Mannes aus dem Bezirk Eisenstadt ums Leben gekommen. Eine Beifahrerin wurde schwer, ein Beifahrer leicht verletzt.
Vor Gericht standen nun sowohl der Fahrzeuglenker, als auch jener 18-jährige Lehrling, der durch sein unvorsichtiges Verhalten als Fußgänger den Unfall mit verschuldet haben soll. Der Lenker bekannte sich nicht schuldig, der Fußgänger gab nur zu, auf der falschen Straßenseite gegangen zu sein.

„Warum, warum, warum?“
„Ich wünschte mir, dass alles nur ein böser Albtraum ist“, schrieb die Mutter an die Familie des Verstorbenen. „Mein Sohn fragt sich immer wieder: Warum sind wir nicht fünf Minuten später gefahren. Warum, warum, warum?“
Am 27. März war der 17-jährige Führerscheinneuling mit einer Freundin und zwei Freunden kurz vor vier Uhr morgens vom Domplatz in Eisenstadt in Richtung Wulkaprodersdorf losgefahren. Wahrscheinlich war keiner der Jugendlichen im Auto angeschnallt gewesen, das hatte ein Verkehrssachverständiger später festgestellt.
Noch bevor sich die vier Nachtschwärmer auf den Weg machten,  war ein anderer junger Mann, ein 18-jähriger Lehrling aus dem Bezirk Mattersburg, vor der Disco James Dean auf die Straße getreten. Er telefonierte mit seiner Freundin, weil er wollte, dass diese ihn abholt. Mit dem Handy in der Hand ging er entlang der B50 zu Fuß in Richtung Wulkaprodersdorf.

„Er kam direkt auf mich zu!“
Was dann passierte, schilderten mehrere Autolenker vor Gericht. „Eine Person kam von der rechten Straßenseite auf mich zu und änderte plötzlich die Richtung“, erzählte eine 43-jährige Angestellte aus Eisenstadt, die nachts ihre Tochter abgeholt hatte. „Er kam direkt auf mich zu“, so die Lenkerin. Wenn sie nicht rasch ausgewichen wäre, hätte sie ihn überfahren. „Zehn Zentimeter vom Seitenspiegel entfernt ging er vorbei“, fügte die Tochter der Lenkerin hinzu. „Es sah so aus, als ob er ins Auto hineinrennen wollte.“
Ein 29-jähriger Lehrer aus Eisenstadt hatte ein ähnliches Erlebnis: „Für mich sah es so aus, als ob er aktiv in mein Auto hineinlaufen wollte. Ich musste das Lenkrad leicht verreißen.“ Geschockt war auch eine 27-jährige Verkäuferin aus dem Bezirk Mattersburg: „Ich sah, dass jemand von der rechten Seite auf die Straße trat. Er stand ohne Bewegung auf der Fahrbahn und schaute direkt ins Auto herein. Als würde er darauf warten, dass ich ihn zusammenführe.“

Andere Lenker gewarnt
Ein Taxilenker sah den Unbekannten ebenfalls über die Fahrbahn gehen. Er blinkte entgegenkommende Lenker warnend an. Als er am Rückweg an derselben Stelle vorbeikam, war der Unfall bereits geschehen.
Etliche Lenker hatten dem leichtsinnigen Spaziergänger ausweichen können, doch dem Führerscheinneuling wurde dieser zum tragischen Verhängnis. Der 17-Jährige soll laut Verkehrssachverständigem mit 120 bis 125 km/h und mit Abblendlicht unterwegs gewesen sein, als am rechten Fahrbahnrand plötzlich eine Gestalt auftauchte.
„Auf einmal ist jemand vom Straßengraben heraus in die Straßenmitte gerannt. Es kam mir vor, als ob er unmittelbar vor dem Auto wäre“, erklärte der junge Lenker. Er verriss das Lenkrad seines BMW, das Auto geriet ins Schleudern, überschlug sich und raste in den Straßengraben. Die damals 16-jährige Beifahrerin wurde auf die Fahrbahn geschleudert, wo sie schwer verletzt liegen blieb. Der 16-jährige beste Freund des Lenkers wurde ebenfalls aus dem Auto geschleudert und verstarb an seinen schweren Verletzungen.
Der Lenker und ein weiterer Beifahrer erlitten bei dem Unfall leichte Verletzungen. Der Fußgänger hatte den schrecklichen Unfall beobachtet und lief davon. „Ich hatte Angst. So etwas hatte ich noch nie gesehen.“

Geständnis nach drei Tagen
Erst drei Tage später stellte sich der Lehrling der Polizei. Er hatte in den Nachrichten wiederholt gehört, dass nach einem unbekannten Fußgänger gesucht wurde, und sich schließlich seiner Freundin anvertraut.
Der Unfalllenker erlitt daraufhin den nächsten Schock: Der Unbekannte war sein Arbeitskollege, der sich am Tag nach dem Unfall auffällig im Hintergrund gehalten hatte, als am Arbeitsplatz über den schrecklichen Unfall gesprochen wurde. Daraufhin habe er gekündigt und sich einen anderen Job gesucht, so der Angeklagte.
Am Dienstag endete der Prozess vorerst nur für den Fußgänger mit einem Urteil. Richterin Dr. Andrea Rosensteiner sprach ihn unter anderem wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Umständen schuldig und verurteilte ihn zu einer unbedingten Geldstrafe in der Höhe von 960 Euro und zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Das Urteil ist rechtskräftig.
Der Prozess gegen den Fahrzeuglenker wurde vertagt, weil der Verkehrssachverständige zu seinem Gutachten befragt werden soll.