Erstellt am 26. Juni 2013, 11:06

Eltern bekennen sich nicht schuldig. Im Landesgericht Eisenstadt hat heute, Mittwoch, der Prozess um die schwere Misshandlung eines zwei Monate alten Mädchens im Vorjahr im Südburgenland begonnen.

APA13404388 - 26062013 - EISENSTADT - …STERREICH: Die Eltern eines misshandelten Babys stehen ab Mittwoch, 26. Juni 2013, in Eisenstadt vor Gericht. Der 25-jährige Vater und die 23-jährige Mutter des Säuglings wird fortgesetzte Gewaltausübung zur Last gelegt. Die 23-jährige muss sich in dem für zwei Tage angesetzten Prozess auch wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs verantworten. Im Bild: Die angeklagte Mutter im Landesgericht Eisenstadt. APA-FOTO: ROBERT JAEGER  |  NOEN, ROBERT JAEGER (APA)
Die Anklage wirft dem 25-jährigen Vater und der 23-jährigen Mutter des Kindes das Verbrechen der fortgesetzten Gewaltausübung vor. Die Frau muss sich außerdem wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs verantworten, weil sie zu Unrecht die Mindestsicherung bezogen haben soll. Zum Prozessauftakt bekannten sich beide Angeklagte zum Vorwurf der Gewaltausübung nicht schuldig.

Am Beginn des Falles sei ein schwerst verletzter Säugling gestanden "und Beteiligte, die sich allesamt die Verletzungen nicht erklären konnten", so Staatsanwalt Christian Petö. Es habe sich jedoch schnell herausgestellt, dass nur die beiden Angeklagten für die Taten in Frage kommen könnten.

Die 23-Jährige habe bei Befragungen "permanent Lügen erzählt" und auch falsche Anschuldigungen gegen ihre Mutter erhoben, die sie später wieder zurückgenommen habe. "Man könnte fast in Anspielung an einen Filmklassiker sagen: Lügen pflastern ihren Weg", sagte Petö.


"Das Unglaubliche ist, dass es in diesem Fall nicht so sein dürfte, dass der Mann derjenige ist, der diese Verletzungen verursacht hat", erklärte der Ankläger: "In diesem Fall bin ich ganz fest davon überzeugt, dass es die Zweitangeklagte war." Während der Vater bei seinen ersten Angaben geblieben sei, habe die Mutter nachweislich versucht, Zeugen zu beeinflussen.

Allein aufgrund ihres Persönlichkeitsbildes und Vorlebens ließen sich Schlüsse ziehen: "Sie war zutiefst mit ihrem Leben unzufrieden" - das habe das Baby fürchterlich büßen müssen. Für die Misshandlungen gebe es keine unmittelbaren Zeugen. Bei dem Baby wurden unter anderem Brüche an Armen und Beinen sowie am Schlüsselbein festgestellt. Die schwerste Verletzung sei ein Schädelbruch: "Dazu haben nur die beiden die Gelegenheit gehabt", so Petö.

Das Paar habe sich Mitte 2009 kennengelernt, im November zog die 23-Jährige zu ihrem Freund. Im Februar 2011 seien beide übersiedelt. Im Juni kam der gemeinsame Sohn zur Welt. Schon wenige Tage später habe das Krankenhaus im damaligen stierischen Wohnbezirk eine Gefährdungsmeldung erstattet, wonach sich die Mutter nicht ausreichend um den Neugeborenen gekümmert habe. Ein Antrag auf Übertragung der Obsorge an das Jugendamt folgte.

Im Juli des Vorjahres kam dann die Tochter des Paares zur Welt. Die Schwangerschaft habe die Frau ihren Eltern bis zuletzt verschwiegen, schilderte Petö. Das Paar zog erneut um, diesmal ins Burgenland - dieser Schritt sei erfolgt, um sich den engmaschigen Kontrollen des Jugendamtes zu entziehen, meinte der Ankläger.

Schon Wochen nach der Geburt der Tochter sei die Mutter bis in die Morgenstunden mit Bekannten ausgegangen. Zwischen dem 13. und 17. September hätten sich dann die Ereignisse überschlagen. Schließlich wurde das Baby im Spital untersucht, nachdem den Großeltern aufgefallen war, dass das Mädchen ein geschwollenes Ohr hatte. Nachdem in Oberwart zunächst eine Fistel diagnostiziert worden war, stellten Ärzte in der Grazer Kinderklinik dann das Ausmaß der Verletzungen fest. Das Sachverständigengutachten spreche von "massiver, stumpfer Gewalteinwirkung", erklärte Petö.

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Sein Mandant habe die ihm zur Last gelegten Taten nicht begangen, erklärte der Verteidiger des 25-jährigen Vaters, Andreas Jeidler: "Er hat es nie wirklich für möglich gehalten und sich auch nicht damit abgefunden", dass dem Kind derartiges zugefügt werde. Auch einem Kinderarzt sei nichts aufgefallen, was auf bewusst zugefügte Verletzungen hingedeutet hätte, argumentierte der Jurist.

Schließlich sei der 25-Jährige in einer Nahbeziehung zur Mitangeklagten gestanden, die ihm gesagt habe, sie könne sich das auch nicht erklären. Er denke, dass die Voraussetzungen für Strafbarkeit bei seinem Mandanten nicht vorlägen und dieser daher freizusprechen sei, sagte Jeidler. Der Schöffensenat werde eine "emotionale" Darstellung der 23-Jährigen erleben, solle sich jedoch davon nicht beeindrucken lassen, erklärte der Jurist.

"Der Herr Staatsanwalt hat sich eingeschossen und mittlerweile einen Verbündeten gefunden", meinte Werner Dax, der die Mutter des misshandelten Babys verteidigt. Er erlebe es zum ersten Mal in seiner 20-jährigen Berufspraxis, dass ein Mitangeklagter von Staatsanwalt und vom Verteidiger-Kollegen derart angegriffen werde. Er müsse sich die Frage stellen: "Ist das ein faires Verfahren?"

Dax schilderte, wie er die Verteidigung der Mutter übernommen und anfangs den Eindruck gehabt habe, die 23-Jährige sage ihm nicht die Wahrheit. In einem zweiten Gespräch habe sie ihm dann sehr viel erzählt. Er glaube der Frau und sei zutiefst überzeugt, dass sie das Baby nicht geschlagen habe, sagte Dax.

"Was sie ganz sicher nicht war, ist eine gute Mutter", meinte der Verteidiger. Die Angeklagte sei auch "ganz sicher schuldig, weggeschaut zu haben oder bewusst nicht hingeschaut zu haben". Er glaube jedoch nicht, dass die Mutter die Schuld daran trage, dass ihr Kind derart schwere Verletzungen davongetragen hat. Nach den Eröffnungsplädoyers wurde die 23-Jährige aus dem Saal geführt, der Schöffensenat (Vorsitz: Birgit Falb) begann mit der Befragung des Vaters.

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"Ich war so eine schlechte Mutter", sagte die 23-jährige Angeklagte bei ihrer Befragung und räumte zuvor ein: "Es tut mir so leid. Ich habe schon so viel gelogen, dass mir keiner mehr glaubt." Dem Anschein nach wollten ihr auch Staatsanwalt Christian Petö und der Schöffensenat nicht glauben - so auch die Behauptung, der 25-jährige Vater ihrer beiden Kinder hätte sie zehn bis 15 Mal geschlagen. "Und dann lassen Sie ihn alleine auf die Kinder aufpassen?", wunderte sich nicht nur Petö. Die Angeklagte gab sich vor Gericht zwar als besorgte Mutter und brach des Öfteren in Tränen aus, dennoch verwickelte sie sich immer wieder - wie auch schon in den zahlreichen Einvernahmen - in Widersprüche.

Disco, Fortgehen, Flatrate-Trinken - drei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter tauschte die Angeklagte Party Machen gegen Windel Wechseln und Fläschchen Geben. Während sie feiern ging, kümmerte sich größtenteils der laut ihren Angaben gewalttätige Vater um die beiden Kinder, manchmal auch die Eltern der 23-Jährigen. Aufgefallen seien die zahlreichen Verletzungen nicht wirklich. Zwar habe das Kind gejammert, als man es hochhob, aber generell nicht oft geweint.

Ebenfalls drei Wochen nach der Geburt war eine Schwellung an der Schläfe Grund für einen Besuch beim Kinderarzt. Alles in Ordnung. Einige Wochen später noch einmal. Im September des Vorjahres entdeckte der Vater schließlich eine Schwellung am Ohr. "Am Freitag war das noch nicht schlimm, aber am Samstag war das echt heftig." Der Mutter will die Verletzung erst am Samstag aufgefallen sein. "Ich hab das erst da bemerkt."

Was danach folgte, scheint auch für Richterin Birgit Falb unglaublich. Anstatt ins Krankenhaus zu fahren, reif die 23-Jährige den Kinderarzt - er ordinierte nicht, war nicht erreichbar. Danach folgten zwei verschiedene Versionen: Der 25-Jährige meinte, er habe seine Partnerin gebeten, im Spital anzurufen. Sie hätte das Gespräch vorgetäuscht: Man habe ihr gesagt, man solle das Ohr noch beobachten, erst am Montag kommen.

Ihre Version: "Er hat mir Angst gemacht. Er hat gesagt, ich soll ja nicht anrufen, die nehmen uns die Kinder weg." Tatsächlich fuhr niemand sofort mit dem schwerverletzten Kind ins Spital. Erst am Montag kam alles ans Tageslicht. "Was haben Sie sich dabei gedacht, als Ihnen die Ärzte gesagt haben, was alles ist?", fragte Falb. "Ich hab mir gedacht, wie's so was geben kann", antwortete die 23-Jährige. Die Liste mit den zahlreichen Verletzungen, die die Richterin vorlas, ertrug die Mutter nicht: "Bitte hören Sie auf, das vorzulesen." "Das ist aber die Realität", so die Vorsitzende des Schöffensenats.

Am Nachmittag sollen noch Zeugen einvernommen werden - unter anderem die Eltern der 23-Jährigen sowie die Mutter des ebenfalls angeklagten Partners. Außerdem soll noch ein psychiatrischer Sachverständiger zu Wort kommen.