Erstellt am 27. Oktober 2015, 13:54

von APA/Red

Grabsteine wieder lesbar gemacht. Das Team des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt hat ein Großvorhaben abgeschlossen: In achtmonatiger Arbeit wurden die Inschriften der insgesamt 1.082 Grabsteine dokumentiert.

Das Team des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt hat ein Großvorhaben abgeschlossen: In achtmonatiger Arbeit wurden die Inschriften der insgesamt 1.082 Grabsteine dokumentiert. Mit wenigen Ausnahmen weiß man nun wieder, welcher der 1.105 hier bestatteten Toten wo begraben ist.  |  NOEN, APA/ÖJM/ÖSTERREICHISCHES JÜDISCHES MUSEUM
Mit wenigen Ausnahmen weiß man nun wieder, welcher der 1.105 hier bestatteten Toten wo begraben ist, sagte der Leiter des Museums, Johannes Reiss.

Der jüdische Friedhof in Eisenstadt sei einer der beiden bedeutendsten in Österreich, erläuterte Reiss. Der älteste Grabstein stammt aus dem Jahr 1679. Der Friedhof sei größer als jener in der Seegasse in Wien-Alsergrund.

Pilger aus der ganzen Welt

Auch große Namen seien zu finden, etwa jener des ersten Rabbiners von Eisenstadt, Meir Eisenstadt. Sein Grabstein ist jährlich das Ziel Hunderter jüdischer orthodoxer Pilger aus der ganzen Welt. "Die kommen von Israel, Australien, Amerika - von überall her und besuchen dieses Grab", schilderte der Museums-Chef.

"Wir wissen, wer 1922 auf dem Friedhof begraben war, darüber gibt es eine große Monografie", erzählte Reiss. "Bis vor acht Monaten wussten wir aber nicht, wie viele Gräber heute noch tatsächlich da sind."

Im Jänner wurde mit dem Projekt begonnen. Auf den ersten Anblick würden viele Besucher schätzen, dass sich am Friedhof 300 bis 500 Gräber befinden. Tatsächlich sind es 1.082. "Das glaubt niemand. Wir wussten vor allem nicht, wo welches Grab ist." Daher habe man es sich zur Aufgabe gemacht, dies festzustellen.

Es war ein Monsterprojekt

Die Arbeit sei kompliziert gewesen, berichtete Reiss: "Es war ein Monsterprojekt im wahrsten Sinn des Wortes". Bei 1.082 Steinen mit ausschließlich hebräischen Inschriften, die man zum Großteil fast oder gar nicht mehr lesen habe können, sei es eine Herausforderung gewesen, die Zuordnung zu versuchen.Verstorbene

Es gab auch viele Fragmente, die über den ganzen Friedhof verteilt waren, aber im Endeffekt einen Stein bildeten. "Die mussten auch zusammengeführt werden." Bei gut lesbaren Steinen sei die Dokumentation relativ schnell gegangen. Vier oder fünf jedoch hätten ihn sicher in Summe fast eine Woche beschäftigt, "bis ich mir sicher war, welche Inschrift das ist".

Informationen sind elektronisch erfasst

Die Informationen sind nun elektronisch erfasst, jeder Grabstein ist mit Foto und Inschrift online publiziert. Zusätzlich wurden auf den Grabsteinen Plättchen mit einem Quellcode (QR-Code) angebracht, der sich mit einem Smartphone scannen lässt. Mit einem Klick weiß man nun sofort, wer hier begraben ist und wann er gestorben ist. Auch die Namen von Verwandten sind angeführt, erläuterte Reiss.

Auf die Informationen kann man online über die Homepage des Österreichischen Jüdischen Museums in Eisenstadt (http://www.ojm.at/blog/friedhoefe/) zugreifen. Die Aufzeichnungen können auch kommentiert werden, "das heißt, es kann jemand ergänzen, wenn jemand zum Beispiel sein Großvater oder Urgroßvater ist".

An dem Mitte September abgeschlossenen Vorhaben waren nicht einmal eine Handvoll Mitarbeiter beteiligt, erzählte Reiss. Ein paar Grabsteine seien schon so stark verwittert gewesen, dass die Inschrift nicht mehr zu finden war.

Details über die Verstorbenen

Auf den Steinen befänden sich "sehr detaillierte individualbiografische Daten, die mit dem Toten Zwiesprache halten", so Reiss. So ist zum Beispiel erwähnt, ob der Verstorbene sich um die Armen gekümmert hat, ob er ein guter Mensch war, ein Gelehrter und ob er bescheiden gelebt hat: "Die Grabsteininschrift eröffnet das Tor zur Biografie, wenn sie richtig gelesen wird."