Erstellt am 30. Mai 2011, 08:19

Fest der Kellergassen. ERLEBNIS UNTER DER ERDE / Das Weinviertel lädt am Freitag zur „Langen Nacht der Kellergassen“. Obwohl die Keller boomen, warnen die Experten vor der Zerstörung eines Kulturgutes.

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VON CHRISTIAN BAYR

Am 3. Juni ist im Weinviertel die „Lange Nacht der Kellergassen“ angesagt: An insgesamt sechzehn Orten werden die Kellergassenführer eine Nachtschicht einlegen und mit Fackeln und Laternen zu einer Entdeckungsreise in die unterirdischen Gewölbe der Weinviertler Keller einladen. Die Kellergassen boomen – Experten warnen aber auch vor Auswüchsen.
Kornelia Kopf vom Weinviertel-Tourismus: „Diese Veranstaltungsreihe wurde 2006 erstmals durchgeführt. Die Kellergassenführer berichten dabei von der Arbeit der Weinhauer, den ,Köllamauna‘, dem Quargelkasten. Und natürlich laden die Winzer ihre Gäste danach zu einer zünftigen Jause ein.“

In Alberndorf etwa kann man mit dem Oldtimertraktor auf Kellertour gehen, in Pfaffendorf erwartet die Besucher eine sinnliche Nacht der Akazienblüte und der Hexenkunst. In Jetzelsdorf schließlich können Krimi-Freunde die Original-Drehorte von Simon Polts Recherchen nachempfinden. Apropos Polt: Krimiautor Alfred Komarek liest an diesem Abend in der Kellergasse in Kadolz aus seinem neuen Buch „Zwölf mal Polt“.

Viele Kellergassen wurden richtiggehend verschandelt

Für den Architekten Helmut Leierer hat der Boom der Kellergassen aber durchaus auch seine Schattenseiten: „Die ursprüngliche Charakteristik der alten Kellergassen sollte unbedingt erhalten bleiben. Leider sind vielerorts die Kellergassen richtiggehend verschandelt worden. Das Wichtigste bei der Sanierung ist Einfachheit und Authentizität. Armut ist der beste Konservator.“
Ein weiteres Problem: Für die Kellergassen entlang der großen Durchzugsstraßen sieht der Kellergassen-Experte eher schwarz: „Selbst Weinliebhaber wollen sich keinen Keller an einer Schnellstraße ausbauen.“ Auch warnt der Architekt vor einer Schrebergarten-Mentalität: „Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn man hin und wieder einmal in einem ausgebauten Keller übernachtet, eine Dauerlösung sollte das allerdings nicht sein.“

Vor allem die sensiblen Fassaden müssen erhalten werden: „Diese Keller waren ja meistens sehr einfache Wirtschaftsgebäude, oft nur aus Lehm gebaut. Hier wurde leider viel Schindluder betrieben. Rund um Hollabrunn gibt es drei große Kellergassen mit 360 Presshäusern, 80 Prozent davon sind kaputt.“ Allein in Niederösterreich gibt es weit über 1000 Kellergassen mit 36.000 Presshäusern.
Dennoch sieht der Architekt, der bereits vor sechs Jahren das Buch „Zukunft Kellergasse“ (Agrarverlag) veröffentlicht hat, Licht am Ende des Tunnels. „Mittlerweile sind immer mehr Gemeinden sensibilisiert und erlassen eigene Bauvorschriften für die Kellergassen. Schließlich handelt es sich dabei um ein weltweit einzigartiges Kulturgut, dass es zu erhalten gilt. Gotische Kirchen gibt’s überall, die Vielfalt der Kellergassen aber nur noch bei uns.“  www.weinviertel.at
 www.kellergassenerlebnis.at