Erstellt am 30. Juli 2012, 11:45

König Äolus und die „Sieben Schwestern“. SÜDITALIEN / Ein geschäftiges Kampanien, gemütliche Liparische Inseln – Gegensätze, die sich wunderbar ergänzen.

Blick auf die Insel Vulcano, eine der sieben Liparischen Inseln, mit Vulcanello.  |  NOEN
VON BRIGITTE LASSMANN-MOSER

„Piano, piano, wir genießen das Leben“, meint Pepe, als er uns vom Flughafen in Neapel abholt. Dass hier in Süditalien alles etwas langsamer, bedächtiger und gemütlicher zugeht, spüren wir bereits auf der Busfahrt entlang der Küstenstraße nach Sorrent, bei der auf der einen Seite die typische mediterrane Vegetation, die Macchia, mit ihren immergrünen Bäumen, den Zitronen-, Orangen- und Olivenhainen und auf der anderen Seite das im Abenddunst liegende, tiefblaue Meer träge an uns vorüberziehen. Sorrent ist dank seiner günstigen Lage ein idealer Ausgangspunkt für Ausflüge. „Von hier aus kann man die schönsten Ecken der Region in kurzer Zeit erreichen“, erklärt uns Pepe.
Träge liegt am nächsten Tag auch die Piazzetta von Capri in der Mittagshitze vor uns – trotz aller Geschäftigkeit, trotz des bunten Treibens, trotz der vielen Touristen. In der Hochsaison sind es rund 18.000 Gäste, die diese Trauminsel im Golf von Neapel täglich besuchen, um nicht zu sagen „heimsuchen“. Kein Wunder, dass seit Jahren die Einführung einer Art Touristensteuer überlegt wird.

Capri: Trauminsel im Tyrrhenischen Meer
Auf dem Weg zu den Giardini di Augusto, den Augustgärten, kommen wir nicht nur an Par-
fümerien vorbei, in denen die Profumi di Capri, die Düfte der Insel, angeboten werden, sondern auch an einem Stand, an dem es Granite und herrliches Eis gibt – Letzteres in hausgemachten Stanitzeln. Eine willkommene Erfrischung, ehe wir in die Schatten der artenreichen Gärten „eintauchen“. Von hier aus hat man nicht nur einen wunderbaren Blick auf das Tyrrhenische Meer, sondern auch auf die im Auftrag des deutschen Stahlindustriellen errichtete Via Krupp, die sich im Zickzack-Kurs bis zu Marina Piccola schlängelt – ein Kunstwerk für sich. Ein lohnendes Ziel ist auch die Villa San Michele des schwedischen Arztes und Schriftstellers Axel Mun-the in Anacapri, der sich dort seinen lang gehegten Traum vom Leben mit „so viel Licht und Sonne wie möglich“ erfüllte.
Capri kann man aber am besten bei einer Insel-Rundfahrt „erfahren“ – ausgehend von Marina Grande, vorbei am Leuchtturm von Punta Carena, der ob seiner Leuchtweite von gut 50 Kilometer neben jenem von Genua der Zweitwichtigste in ganz Italien ist, vorbei an den bekannten Faraglioni-Felsen, den bizarren Felsformationen, vorbei an Marina Piccola, vorbei auch an der Grotta Azzurra. Auf Capri gibt es 60 Grotten, die Blaue ist die berühmteste von ihnen. Wie Ameisen tummeln sich Menschen und Boote vor ihrem Eingang. Zwölf Euro kostet die Einfahrt. „In der Grotte sieht man blaues Wasser – aber das haben wir hier überall rundherum“, macht uns Pepe klar, dass ein Grotten-Besuch nicht zwangläufig sein muss. Er macht uns stattdessen auf andere Kostbarkeiten der Insel aufmerksam …

Eng und kurvenreich, aber wunderschön
Der nächste Tag führt uns die Amalfitana entlang, die 50 Kilometer lange, enge und kurvenreiche Panoramastraße zwischen Sorrent und Salerno, die atemberaubende Blicke auf die steil abfallende Küste und den Golf von Salerno bietet. „Es ist die schönste Straße Italiens, nein Europas – vielleicht sogar der ganzen Welt“, schwärmt uns Pepe mit einem Augenzwinkern vor. Vorbei an Positano, wo die Häuser wie Schwalbennester in den Berg gebaut sind, und dem nicht minder schönen Amalfi, wo wir einen kleinen Zwischenstopp einlegen, um den Dom Sant’Andrea aus dem 9. Jahrhundert mit seiner imposanten Treppe zu besichtigen, bis ins Bergdorf Ravello, wo in der Villa Rufolo dereinst Richard Wagner zu seinem Bühnenbild für Parsifal inspiriert wurde. Berühmt wurde die Villa Rufolo auch durch ihr Musikfestival, das 1953 erstmals stattfand und zu den ältesten Open-Air-Festivals Europas gehört. Die Bühne steht auf einem Felsvorsprung in 15 Meter Höhe, und vor allem die Konzerte bei Sonnenaufgang machen den Ort zu einem Ort der Magie.

Nicht fehlen darf bei einem Aufenthalt in Kampanien natürlich ein Besuch in Pompeji, das im Jahr 79 nach Christus vom Vesuv unter Bimsstein und Asche begraben wurde. Zwei Drittel von Pompeji wurden mittlerweile wieder ausgegraben, und über zwei Millionen Besucher kommen jährlich zu den Ausgrabungen, die einen einzigartigen Einblick in das Leben zur damaligen Zeit gewähren.

Alles geht hier „piano, piano“
Nach einer 13-stündigen, zwar nicht gerade luxuriösen, aber doch ganz angenehmen nächtlichen Überfahrt mit der Fähre von Neapel, kommen wir morgens in Lipari, der größten der sieben im Norden Siziliens gelegenen Äolische Inseln an, benannt nach dem Gott des Windes, Äolus, wie uns Leonardo Campanelli, Direktor von ENIT, der Italienischen Zentrale für Tourismus, erklärt, der uns höchstpersönlich die Schönheiten der sieben Eilande zeigt.
Jede der Inseln hat ihren eigenen Charakter, jede präsentiert sich dem Besucher anders, allsamt aber sind sie ein wahrer Kontrapunkt zum mondänen Capri, zum geschäftigen Sorrent und zum überlaufenen Pompeji: Lipari, die Hauptstadt des Archipels, die einst vom Obsidian- und Bimssteinabbau lebte, ehe die UNESCO Letzteres untersagte, weil „der Bimssteinabbau den Berg auffrisst“, wie es Leonardo bildlich ausdrückt. Und immerhin wurden die Liparischen Inseln, wie sie auch genannt werden, im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe erklärt. Salina, ob ihrer üppigen Vegetation auch „die grüne Insel“ genannt, auf der hauptsächlich Malvasia, der süße Dessertwein, sowie Kapern angebaut werden. In Lingua bei Alfredo gibt es übrigens nicht nur die beste Granita in ganz Süditalien, sondern auch hervorragendes Pane Cunzato – Brot, belegt mit Tomaten, Mozarella, Oliven, Zwiebel, Kapern, Thunfisch …
Stromboli mit dem einzigen ständig aktiven Vulkan Europas, der in regelmäßigen Abständen Feuer spuckt und rotglühende Feuerflüsse bis ins Meer hinab rollen lässt – ein grandioses Schauspiel, das man während nächtlicher Bootsfahrten hautnah miterleben kann. Vulcano mit seinen drei Kratern, das vor allem auch durch seine Schwefelschlammbäder Bekanntheit erlangte. Das mondäne Panarea, Treffpunkt der Reichen und Prominenten.
Alicudi und Filicudi, die beiden kleinsten Inseln der „Sieben Schwestern“, die beide abseits des Massentourismus liegen und daher noch sehr ursprünglich sind. So etwas gibt es in Alicudi keine befahrbaren Straßen, man kann sich lediglich über Treppen, auf Feldwegen bzw. auf Eseln fortbewegen.

Hier, auf den Äolischen Inseln, geht die Uhr noch einen Tick langsamer, und manchmal, speziell während der Siesta, wenn die Hitze des Tages über der Landschaft lastet und Mensch und Tier sich in kühles Gemäuer zurückziehen (selbst die Hunde scheinen hier nur nachts zu bellen), meint man tatsächlich, die Zeit sei überhaupt stehen geblieben. Das ist Erholung pur, in einer wunderbaren, abwechslungsreichen Landschaft, die vor allem zu ausgedehnten Wanderungen einlädt.

Viel zu schnell geht unsere Woche in Süditalien wieder zu Ende. In Milazzo auf Sizilien, wo unsere Fähre aus Lipari anlegt, genießen wir – nach einer anstrengenden, aber interessanten Besichtigung des Castellos – noch eine wunderbare Caponata aus Melanzani, Paprika, Oliven, Kapern und Tomaten sowie kühlen Weißwein, ehe wir zum Flughafen nach Catania aufbrechen. Ganz „piano, piano“ …