Erstellt am 29. August 2011, 00:00

Nachbarn. mitteleuropäischer Kunst auf einen Besuch.

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VON THOMAS JORDA

Was jenseits von Pressburg, heute Bratislava, liegt, das ist für viele immer noch exotisches Reiseziel. Und der Osten der Slowakei erst!

Dabei befindet man sich in Košice und der umliegenden Region in einem beeindruckenden Teil Mitteleuropas.

Da ist einmal das ehemalige Kaschau selbst. Im Frühjahr hat es als Austragungsort der Eishockey-A-Weltmeisterschaft aufgezeigt, spätestens im Jahr 2013 wird es als eine der beiden Europäischen Kulturhauptstädte ins allgemeine Bewusstsein rücken (die andere wird Marseille sein).

Das erste Wappen in Europa,  das eine Stadt bekam

Die historische Bedeutung Kaschaus ist gar nicht groß genug einzuschätzen. Und lässt sich schon daran ermessen, dass die Stadt 1369 von König Ludwig dem Großen ein Stadtwappen verliehen bekam – das erste Europas, dass einer Kommune und nicht einem Adeligen verliehen wurde. Die Stadt hat das Ereignis vor Jahren mit einem eindrucksvollen Denkmal gewürdigt.

Vom Ende des 11. Jahrhunderts bis 1918 war Kaschau die Hauptstadt Oberungarns. Von hier führte Rákóczi Ferenc im 17. Jahrhundert seine gewaltigen antihabsburgischen Aufstände. Die Rákóczis mussten ins Osmanische Reich flüchten; ihre Gebeine wurden nach einem Gnadenakt des Kaisers Ende des 19. Jahrhunderts nahe von Istanbul exhumiert und dann in der Krypta des Kaschauer Doms bestattet.

Die Sarkophage sind überreich mit Kränzen und Schleifen in den ungarischen Nationalfarben geschmückt, Ausdruck des magyarischen Patriotismus‘, der sich in der Region sonst genauso wenig artikulieren kann wie der deutsch-österreichische.

In diesem einst ungarisch-
slawisch-deutschen Konglomerat finden sich viele Zeugnisse mitteleuropäischer Kunstgeschichte, angefangen beim prächtigen Elisabeth-Dom bis hin zum eindrucksvollen Gebäude des Staatstheaters, das 1899 vom Siebenbürgener Architekten Adolf Lang errichtet wurde.

Doch nicht nur Kunst und Kultur prägen die Stadt (und ihre Zeugnisse strahlen schon vor 2013 wieder im alten Glanz), auch der Sport ist sehr wichtig. So wird der Košice-Marathon am ersten Oktobersonntag seit 1924 veranstaltet und ist der älteste Marathonlauf Europas und der zweitälteste der Welt.

Die Umgebung ist mindestens genauso sehenswert. Da ist einmal das fast 150 Jahre alte Vier-Stern-Hotel Bankov, mitten in den Wäldern im Kaschau gelegen. Hier war einst der gebürtige Kaschauer Sándor Márai, einer der größten ungarischen Lyriker, Schriftsteller und Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts, häufig zu Gast.

Oder Bardejov. Das von deutschen Siedlern gegründete Städtchen ist UNESCO-Weltkulturerbe und beherbergt im völlig erhaltenen mittelalterlichen Kern zahlreiche Kulturdenkmäler, darunter die Sankt-Aegidius-Kirche von 1247 – dank der Akustik der beste Konzertsaal des Landes – und das 1505 erbaute Rathaus.

Wo einst Kaiserin Elisabeth  bitteres Wasser trank

 

Im groß dimensionierten, aber schon recht zerzausten Kurort Bardejovské Kúpele (Bad Bartfeld) mit seinen Bitterquellen waren einst Königin Elisabeth und Zar Alexander I. gerne zu Gast. Das Freilichtmuseum traditionell-bäuerlicher Baukultur ist einen Besuch allemal wert.

Wie das zweistöckige Märchenschloss Betliar mit den vier Ecktürmen, von der Familie Andrássy errichtet. Eine der größten Attraktionen ist die 1790 angelegte Bibliothek, die über 14.000 Bände aus dem 15. bis 19. Jahrhundert umfasst. 1945 wurde das Schloss auf Basis der Beneš-Dekrete enteignet und ist heute staatlich-stattliches Museum.

Wer jetzt von Kunst endgültig die Nase voll hat, besucht das Weingut Macik im slowakischen Teil des Tokaj. Im stimmungsvollen Garten oder im Keller aus dem 13. Jahrhundert kann man wunderbare Weine genießen, die klassisch süßen genauso wie die modern trockenen. Aber Vorsicht, das Taxi rentiert sich. In der Slowakei gilt null Promille!