Erstellt am 15. April 2013, 16:04

"Nicht hetzen!". Genügend Zeit, gute Schuhe und die richtige Vorbereitung – Wanderexperte Bernhard Baumgartner weiß, was zu einer gelungenen Wanderung gehört.

NÖN: Was macht für Sie die Faszination des Wanderns aus?
Bernhard Baumgartner: Das Schönste ist das unmittelbare Erleben – nicht aus der Konserve, sondern selbst die Natur im Jahresverlauf zu erfahren. Und wenn man eine größere Gruppe ist, dann die nette Gemeinschaft mit Gleichgesinnten.

Angenommen, ich bin absoluter Wander-Neuling – wo bekomme ich Informationen über Routen?
Baumgartner: Absoluten Neulingen empfehle ich, sich in irgendeinem alpinen Verein anzumelden und einmal geführte Wandertouren mitzugehen. Dabei bekommt man Einblick und kann an den Erfahrungen der anderen mitnaschen.
Aber auch auf Gemeindeämtern und in Tourismusbüros bekommt man Informationen, die verlässlich sind. Bei Einheimischen ist das schon schwieriger. Manchmal bekommt man aber von diesen zusätzliche Tipps, wo man etwas erleben kann.

„Mit Kindern immer die doppelte Gehzeit einplanen!“

Welche Wanderrouten in NÖ würden Sie Einsteigern empfehlen?
Baumgartner: Für Einsteiger eignen sich Schutzhütten-Wanderungen in den Voralpen. Die Wege sind überwiegend gut markiert, es gibt Parkplätze und Einkehrmöglichkeiten. Da kann eigentlich nichts passieren.
Sehr schön sind auch die Täler des Waldviertels, zum Beispiel das Kamptal. Sie eignen sich gut zum Eingehen am Anfang der Saison. Wenn man genug hat, kann man beim
Heurigen einkehren oder mit dem „Busserlzug“ zurückfahren.

Worauf sollte man bei der Auswahl der Wanderroute achten?
Baumgartner: Auf die Länge, den Höhenunterschied und darauf, wie der Weg beschaffen ist, zum Beispiel, ob er steil oder exponiert ist.
Wer eine Halbtageswanderung plant, sollte eine Route von etwa acht Kilometern oder 2,5 Stunden Gehzeit wählen. Wer einen ganzen Tag unterwegs sein will, eine Route mit 15 Kilometern oder vier bis fünf Stunden Gehzeit. Beim Höhenunterschied sind 350 Meter pro Stunde das Maß.
Mit Kindern muss man aber immer das Doppelte der angegebenen Gehzeit einplanen. Die wollen schauen und entdecken. Das ist ja der Spaß an der Sache!

Muss man eigentlich einer Route folgen oder kann man auch einfach drauflosgehen?
Baumgartner: Einfach drauflosgehen klingt wunderbar romantisch, ist aber eher für extremere Ansprüche zu empfehlen. Es kommt auf das Gelände an – im Gebirge oder in ausgedehnten Waldgebieten ist es besser, auf die Orientierung achten!

Was empfehlen Sie: Wandern mit oder ohne Stöcke?
Baumgartner: Stöcke sind immer gut und schonen die Gelenke. Ich nehme keine Bergstöcke, sondern gehe mit Nordic-Walking-Stecken. Die sind leicht, und die Nordic-Walking-Technik ist perfekt für die Haltung.
Das Wichtigste vor dem Wandern ist wohl der Schuhkauf: Worauf sollte man da achten?
Baumgartner: Ich gehe zu keinem Diskonter, sondern zum Fachhandel mit Beratung. Vor dem Kauf muss ich mir aber überlegen, wo will ich überhaupt wandern? Bei leichten, ebenen Touren genügen auch gut gedämpfte, wasserdichte Laufschuhe. Im Wiener Wald würde ich Trekking-Schuhe empfehlen. Die haben ein ordentliches Profil und gehen über den Knöchel. Schwere Bergschuhe braucht man nur für Extremtouren.
Auf keinen Fall sollten die Schuhe zu eng und zu kurz sein. Wenn man sie zuschnürt, darf kein Platz zum Vorrutschen sein, damit man beim Bergab- gehen nicht mit den Zehen ansteht.

Stimmt es, dass man Schuhe vor der Wanderung eingehen muss?
Baumgartner: Also wenn der Schuh passt, passt er. Eingehen musste man früher Lederschuhe. Mit den neuen Materialien ist das nicht notwendig.

Und wie kleidet man sich richtig?
Baumgartner: Ich schwöre auf Funktionsbekleidung in
mehreren Schichten. Ein Unterleiberl aus einem Transtex- oder ähnlichen Material, darüber eine Goretex-Jacke als Regen- und Windschutz. Aber ich würde beim Fachhandel fragen, wo die einzelnen Firmen produzieren und ob sie auch sozial produzieren. Einen Anorak um 30 Euro gibt’s nicht. Und: Auch wenn man im Sommer seine Haut gerne der Sonne präsentiert, beim Wandern ist das nicht ideal. Ich gehe auch im Sommer mit langen Sachen.
Bei Kindern sind ein Sonnenhut und Sonnenbrillen neben den Schuhen die wichtigste Ausstattung.

Was lassen Sie, wenn Sie wandern gehen, nie daheim?
Baumgartner: Als etwas älterer Bua hab ich immer ein Taschenmesser und ein Sackerl eingesteckt. Es gibt schließlich immer etwas zum Sammeln, nicht nur in der Schwammerlzeit.
Außerdem einen leichten Wetterschutz, für die Erste Hilfe ein paar Pflaster und ein kleines Verbandspäckchen – das spüre ich gar nicht im Hosensack –,
eine Trinkflasche, ein Handy ist auch nicht schlecht, und natürlich einen Fotoapparat.

Wie sieht der ideale Wanderrucksack aus?
Baumgartner: Die neuen Rucksäcke sind alle so hoch gebaut, da findet man kaum mehr etwas drinnen. Ich bin für viele Außentaschen, in denen man kleinere Sachen verstauen kann. Ein „Rückengestell“ verhindert, dass der Rucksack am Rücken anliegt und man zu sehr schwitzt. Wasserdicht sollte er auch sein. Trinktanks sind ein unnötiger Aufwand. Lieber immer wieder eine frische Flasche in der Außentasche griffbereit haben ist besser.

Was darf man beim Wandern auf keinen Fall machen?
Baumgartner: Hetzen! Das ist ja das Schöne, dass man Zeit hat und sich Zeit nimmt – um ein Foto zu machen oder um mit einem Jäger zu plaudern.
Und alles, was man zum Wandern mitnimmt, nimmt man auch wieder mit nach Hause. Vom Papiertaschentuch bis zur Getränke- und Jausenverpackung – auch wenn Abfallkörbe aufgestellt sind, die werden ja meist nicht entleert.


x  |  NOEN, zvg


Zur Person
Bernhard Baumgartner ist Wanderer aus Leidenschaft, Heimatforscher sowie Fotograf und Autor zahlreicher Bücher. Darüber hinaus ist er Mitarbeiter der Zeitschrift „Land der Berge“.
Unter  http://www.wandertipp.at gibt er außerdem zu jeder Jahreszeit passende Wandertipps.

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