Erstellt am 01. August 2011, 00:00

Spaziergänger. VON WOLFGANG TROPF

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VON WOLFGANG TROPF
Kurze Zeit schien es, als hätte Sisi auf Korfu eine neue Heimat gefunden: Im Jahr 1891 wurde das „Achilleion“ fertig gestellt – ein kleiner Palast im klassizistischen Stil, den die österreichische Kaiserin ganz nach ihrem Geschmack auf einem der schönsten Plätze der Insel bauen ließ und nach dem griechischen Helden Achilles benannte.

„Alles habe ich selbst geordnet und jedes Stück selbst gewählt. Deswegen bin ich hier weniger fremd als in Wien“, gestand sie damals ihrem Vorleser und Griechischlehrer Constantin Christomanos, und zum Park des Palastes meinte sie: „Das sind meine hängenden Gärten. Ich glaube nicht, dass die der Semiramis schöner waren.“
Bis zu ihrer Ermordung im Jahr 1898 kam Sisi immer wieder in ihr „Achilleion“, längere Zeit hielt es die Ruhelose aber auch in diesem Refugium nie. Und ihr Wunsch, wenigstens nach ihrem Tod auf ihrer geliebten Insel Korfu ruhen zu dürfen, blieb ebenfalls unerfüllt: Sisi wurde in der Kaisergruft in Wien begraben.
1907 kaufte der deutsche Kaiser Wilhelm II. den Palast. Die Marmorskulptur des „Sterbenden Achill“, die Sisi im Park aufstellen ließ, ersetzte er durch einen riesigen „Siegreichen Achill“ mit Schild und Speer. Seither stehen beide Werke ein paar Meter voneinander entfernt, und es gibt vermutlich nichts, was den Unterschied zwischen Österreichern und Deutschen eindrucksvoller demonstriert.

Die Räume stehen leer, die Magie ist geblieben
Im Ersten Weltkrieg diente das „Achilleion“ als Lazarett, von 1941 bis 1944 war es das Hauptquartier der deutschen Besatzungstruppen und ab 1962 ein Casino. 1994 wurde hier Österreichs Beitrittsvertrag zur EU unterzeichnet. Heute ist der Palast ein Museum, das von bis zu 4000 Touristen pro Tag besucht wird. Von der Einrichtung aus Sisis Zeiten ist leider fast nichts übrig geblieben, die meisten Räume stehen leer. Der grandiose Blick von den Terrassen des Parks über die grünen Hügel auf Korfu-Stadt und über das tiefblaue Meer bis zu den schroffen Bergen der nahen albanischen Küste verzaubert aber nach wie vor. Ein Ort voller Magie.
Schon beim Anflug erscheint Korfu als eine Symphonie in Grün – komponiert aus dem silbrigen Graugrün der Olivenhaine und dem satten Smaragdgrün der Pinienwälder, aus denen immer wieder die für Korfu so typischen schwarzgrünen Zypressen wie kleine Kirchtürme herausragen.
Angeblich gibt es auf der Insel mehr als 4,4 Millionen Olivenbäume, viele davon bis zu 400 Jahre alt und außergewöhnlich hoch gewachsen. Daneben gedeihen Orangen, Zitronen, Mandarinen und – als lokale Besonderheit – die Koum-Kouat-Bäume. Ihre Füchte sind so groß wie Oliven, sehen aus wie Orangen und schmecken nach Zitrusfrucht und Marille. Die Korfioten machen daraus Marmelade, Gelee und den beliebten Koum-Kouat-Likör, den viele Touristen mit nach Hause nehmen.

Nicht mehr in Italien, aber noch nicht in Griechenland
Wer zum Baden nach Korfu kommt, findet vor allem im Norden und Osten viele passable Kiesstrände. Am schönsten ist aber die steile Felsküste im Westen der Insel mit ihrem glasklaren, türkisblauen Wasser, vor allem rund um Paleokastritsa, wo hoch oben auf einem Felsen das 1225 gegründete Kloster „der Mutter Gottes von der Leben spendenden Quelle“ thront.
Dass hier die teuersten Villen und die größten Jachten zu finden sind, ist kein Wunder. Der Strand direkt im Ort ist zwar nicht zu empfehlen, es gibt aber mehrere kleine, gut versteckte Sandstrände in den Buchten der Umgebung, die zum Teil nur mit dem Boot erreichbar sind.
„Korfu liegt nicht mehr in Italien, aber noch nicht in Griechenland“, sagen die Korfioten, obwohl Korfu schon seit 1864 zu Griechenland gehört. Tatsächlich sind die Einflüsse der mehr als 400 Jahre langen venezianischen Herrschaft noch immer allgegenwärtig. Vor allem im historischen Zentrum von Korfu-Stadt, das zu den schönsten Inselmetropolen des Mittelmeers und seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Ein alter Fährmann brachte Sisi auf die „Mäuseinsel“
Tagelang könnte man durch die engen, malerischen Gassen spazieren, in den kleinen Läden stöbern, sich in einer gemütlichen Taverne durch die mehr italienisch als griechisch geprägte Küche kosten oder einfach nur in einem der Cafes unter den schattigen Arkaden an der Esplanada sitzen und die gemächliche südländische Atmosphäre rundherum genießen.
Im Süden von Korfu-Stadt, direkt am Flughafen, liegt die so genannte „Mäuseinsel“ Pontikonissi mit einer kleinen byzantinischen Kirche, die gemeinsam mit dem benachbarten Kloster Vlacherna aus dem 17. Jahrhundert das beliebteste Foto-Motiv Korfus bildet. Sisi ließ sich gerne und oft mit einem Boot zu dieser Insel bringen.
„Es ist unten ein Fährmann, der ganz wie der Charon aussieht“, erzählte sie Constantin Christomanos: „Ich lasse mich von ihm zum Eiland rudern, wie eine sehnsüchtige Seele. Wenn ich hinunterkomme, löst er gleich sein Boot, ohne ein Wort zu sprechen; und ich besteige es und schweige ebenfalls. Drüben auf der Insel empfängt mich immer der Einsiedler. Er bringt mir Honig und Mandeln, damit ich davon genieße und die Oberwelt vergesse.“