Erstellt am 04. Oktober 2010, 00:00

Spaziergänger. VON WOLFGANG TROPF

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VON WOLFGANG TROPF

„No problem, Man!“ Was immer auch auf Jamaica passieren mag – ein Problem ist es bestimmt nicht. Und falls doch, wird einem ganz einfach mit stoischer Gelassenheit das Gegenteil versichert.

Wenn die Straße immer schmaler und schlechter wird und sich nach einer Stunde endgültig herausstellt, dass unser Fahrer die falsche Abzweigung genommen hat: „No problem, Man!“ Dann kehren wir eben um und fahren zurück. Wenn wir dem Händler am Markt trotz all seiner beharrlichen Bemühungen doch nichts abkaufen: „No problem, Man“. Freunde bleiben wir trotzdem. Und wenn der Sonnenuntergang auf der „Sunset Cruise“ nicht stattfindet, weil sich die einzige Wolke des ganzen Tages genau zur richtigen Zeit an den falschen Platz verschiebt: „No problem, Man“. Es bleibt immer noch der kühle Rum-Punch an der Bar.

„Chaymaka“ nannten einst die indianischen Ureinwohner ihre Heimat im Herzen der Karibik, die exakt so groß ist wie Oberösterreich. „Insel der Quellen“: ein perfekter Name für ein Land, das auch heute noch von Wasser und Wald geprägt wird wie kein zweites in dieser Ecke der Welt – mit seinen zahlreichen Flüssen, die zu romantischen Floßfahrten durch eine unberührte Natur einladen, und mit seinen zahllosen malerischen Wasserfällen, die zumeist gut in den dichten Regenwäldern der berühmten, bis zu 2256 Meter hohen „Blue Mountains“ versteckt sind. Dort, wo angeblich der beste Kaffee der Welt wächst.

Der Tourismus konzentriert sich vor allem auf den Norden der Insel: rund um die 200.000-Einwohner-Stadt Montego Bay, wo auch alle Charterflieger landen, und im etwa zwei Autostunden weiter östlich gelegenen Städtchen Ocho Rios.

Mehrere All-Inclusive-Anlagen der Sandals-Kette sind an den strahlend weißen Sandstränden der Nordküste zu finden, aber auch die legendären Luxusresorts „Half Moon“ und „Round Hill“ – beide übrigens unter österreichischer Leitung.

Ob es nun Surfen oder Segeln ist, Schnorcheln oder Tauchen an den vorgelagerten Riffen, Fitness, Wellness, Tennis, Reiten oder Golf: Hier bleibt kein Wunsch unerfüllt, umgeben von karibischem Flair und türkisblauem Meer.

Ein strahlend weißer Strand  im einstigen Paradies

Die zweite Tourismus-Hochburg liegt am gut 11 Kilometer langen, strahlend weißen Strand von Negril, etwa eine Autostunde westlich von „MoBay“, wie die Einheimischen Montego Bay nennen. Was die ersten Aussteiger der „Flower-Power“-Generation in den frühen 70er-Jahren als einsames Paradies entdeckten, ist zwar heute von Hotels, Restaurants, Bars und Discos gesäumt, die verbotenen Düfte der Blumenkinder liegen aber in dieser „Raucherecke“ Jamaicas noch immer in der Luft.

Würden die Polizisten ihre Nasen in den Wind halten, hätte wohl so mancher ein ganz großes Problem. Das tun sie jedoch kaum, und so findet in Negril allabendlich, wenn die Sonne blutrot im Meer versinkt, die größte Party der Karibik statt, bei der nicht nur der exzellente Rum und der untrennbar mit dem Geburtsland Bob Marleys verbundene Reggae für ausgelassene No-Problem-Stimmung sorgen. Wie in den 70er-Jahren erfolgt der Auftakt dazu traditionell vor „Rick’s Cafe“ in Westend, wo sich die Mutigsten unter dem Applaus der staunenden Touristen tollkühn von den steilen Felsklippen ins Meer stürzen.

Fragt man die Jamaicaner, wo Jamaica am schönsten ist, erhält man allerdings nur eine Antwort: „Port Antonio“ – und das liegt auf der anderen Seite der Insel, ganz im Osten. Die dicht bewaldeten Berge reichen hier bis ans Meer und haben eine Reihe kleiner, abgeschiedener Buchten mit Traumstränden wie aus dem Bilderbuch geschaffen, die schon vielen Hollywood-Filmen als Kulisse dienten – von der „Blue Lagoon“ über „Frenchman’s Cove“ bis „Dragon Bay“.

Errol Flynn machte hier regelmäßig Urlaub, feierte mit anderen Stars rauschende Feste und fand die stille, unberührte Landschaft zwischen blauen Bergen und blauem Meer „schöner als jede Frau, die ich jemals besessen habe“.

Geglaubt hat ihm das aber offenbar niemand, denn bis heute findet man in der ganzen Gegend nur ein paar familiäre Hotels und Pensionen: Die mühsame, mehrstündige Fahrt von MoBay bis ins quirlige Port Antonio („No problem“, sagt unser Busfahrer bei jedem zehnten Schlagloch) hat den Massentourismus bislang erfolgreich fern gehalten. Barbara Walker und Shireen Aga haben damit auch kein Problem. Die zehn einfachen, aber gemütlichen Zimmer sind stets gut gebucht in ihrem kleinen Hotel „Mocking Bird Hill“, das idyllisch auf den ersten Hügeln des Regenwaldes thront, zwischen Papayas, Zitrusbäumen, Bananenstauden und zwitschernden Vögeln – völlig abgeschieden und dennoch nur 15 Minuten von der Stadt und fünf Minuten von „Frenchman’s Cove“ entfernt.

Versteckte Wasserfälle und  romantische Floßfahrten

„Die Gäste, die zu uns kommen, möchten Land und Leute kennen lernen. Wir helfen ihnen dabei, indem wir Freunde und Nachbarn rufen, die uns als Führer helfen“, erzählen die perfekt Deutsch sprechenden Damen, während wir auf der Veranda den Ausblick über die Küste genießen.

Gemütliche Wanderungen zu versteckten Wasserfällen, kleinen Dörfern und Ruinen alter Plantagen gehören zu diesem sanften, liebevoll gepflegten Öko-Tourismus, aber auch romantische Floßfahrten auf dem nahen Rio Grande und Ausflüge in die „Blue Mountains“.

Wohin leichte Erreichbarkeit in der Tourismusindustrie führen kann, demonstrieren ohnedies die einst so idyllischen „Dunns River Falls“, die direkt ins Meer münden und daher die Attraktion für die riesigen Kreuzfahrtschiffe sind, die im nahen Ocho Rios anlegen.

Tagtäglich werden Tausende Passagiere aller Alters- und Gewichtsklassen zu den Fällen gekarrt, um sie vom Strand aus in Badehose und Bikini mehr oder weniger mühsam zu erklimmen. Bei diesem bizarren Anblick kommt selbst dem ruhigsten Jamaicaner das „No problem“ nur noch ganz schwer über die Lippen …

Die schönste Ecke der Karibik

JAMAICA /Weiße Sandstrände,

türkisblaues Meer, tiefgrüne

Regenwälder und malerische

Wasserfälle – um Port Antonio

locken die Farben.

TROPF; ZVG