Erstellt am 06. Juni 2011, 08:04

Wo die Wollkönige wohnten. LODZ / Filme, Flüsse, Fabrikanten hat „Polens Manchester“ zu bieten. Und jede Menge prominente Söhne – von Polanski bis Rubinstein.

 |  NOEN
VON MICHAELA FLECK

„Das ist unsere Perle!“ Sagt Anna. Und zeigt auf ein schlankes Haus hinter einem schmiedeeisernen Tor. Blätter, Blüten, Eichhörnchen tummeln sich da an der Fassade. Und hinter den Jugendstilfenstern versteckt sich eine bewegte Geschichte.

Die begann für die Kindermann-Villa anno 1903. Und zwar mit einem preußischen Fabrikanten, der in eine kleine, polnische Stadt gekommen war, um hier das große Geld zu machen. Und zwar mit Wolle.
„Wir hatten“, erzählt Anna, Stadtführerin, Reiseleiterin und Deutsch-Dolmetscherin, „damals zwar einen König. Aber unser wahrer König war der Zar in Russland. Und der brauchte Stoff, für seinen nächsten Krieg.“
Also lockte man Deutschlands Wollkönige in den zentralpolnischen „Urwald“. Und ließ sie dort, wo sich drei Flüsse trafen, die erste Textilfabrik bauen. Ein paar Jahrzehnte später, das 20. Jahrhundert hatte gerade erst begonnen, waren es schon über 500 Fabriken mit gut 70.000 Arbeitern. Und mit jeder Menge prächtigen Villen.

200 davon stehen heute noch, in Polens drittgrößter Stadt, die zwischendurch sogar einmal Hauptstadt war. Die von Leopold Kindermann etwa, mit dem Jugendstil an der Fassade und der Stadtgalerie im Souterrain. Oder die von Karl Wilhelm Scheibler, dem im 19. Jahrhundert ein Siebtel der ganzen Stadt gehörte und in dessen Palast heute nicht nur prunkvolle Arbeitszimmer mit Leder-Tapeten und Blattgold-Spiegeln zu besichtigen sind, sondern auch die spannende Geschichte der Lodzer Filmindustrie. Oder die von Israel Poznanski, die genauso gut an einer Pariser Prachtstraße stehen könnte und heute neben Marmorkaminen, goldenen Ballsälen und gläsernen Pfauen im Speisezimmer das Historische Museum der Stadt beherbergt. Apropos: Prachtstraßen.

Die gibt’s in Lodz (zu dem die Lodzer „Wudsch“ sagen, mit einem französischen „Oui“ am Anfang und einem weichen „Dsch“ am Schluss) auch. Und zwar angeblich die längste in Europa.
Auf der lässt man sich, neben Abbruchhäusern gleich ums Eck, mit Fahrradrikschas spazieren fahren, kostet Sesamschnitzel, Soljanka (eine russische Suppe) und Büffelgras-Wodka und hört einem bronzenen Pianisten zu, der mitten am Gehsteig sitzt. Arthur Rubinstein ist das. Und er ist nur einer von vielen berühmten Söhnen der Stadt. Skandal-Filmer Roman Polanski hat hier die Filmhochschule absolviert, Star-Architekt Frank Gerry hat eine Lodzer Großmutter und Star-Regisseur David Lynch hat hier eine Wohnung.
Und „Theo“? Der fuhr, schmunzelt Anna, wie viele andere deutsche Juden auch, schon vor über 100 Jahren, nach Lodz …


THEMA: LODZ
Anreise. Die AUA fliegt fünfmal täglich nach Warschau. Vom dortigen Hauptbahnhof braucht ein „Intercity“ noch etwa zwei Stunden bis nach „Lodz / Fabryczna“.
Nächtigung. Das stimmigste Hotel in Lodz gehört zur österreichischen Vienna International Gruppe und heißt Andel’s (Bild oben, www.andelslodz.com). Historischer Backstein außen (hier war die Spinnerei von Lodz’ größter Textilfabrik), moderne, britische Architektur & junge, polnische Kunst innen. Und: (nieder-)österreichische Winzer auf der Weinkarte. Ab 129 Euro für zwei mit Frühstücksbuffet im Superior Doppelzimmer.
Stadtführung. Mit Herz, Charme und (fast) perfektem Deutsch führt Anna Jozwiak durch die Stadt (www.lodz-anka.pl).
Mehr Informationen gibt’s auf der umfassenden, deutschsprachigen Homepage de.cityoflodz.pl und in den „Stadtrundgängen“ des örtlichen Tourismusverbandes.