Erstellt am 07. November 2011, 00:00

20 Minuten kuscheln. NÄHE / Regelmäßig angenehme Berührungen sind wichtig für die Entwicklung des Kleinkindes, das soziale Verhalten eines Menschen und zur Vorbeugung von depressiven Verstimmungen.

 |  NOEN

VON CHRISTINE HAIDERER

„Der Mensch braucht täglich Berührung.“ Sagt Cem Ekmekcioglu. Kinder brauchen sie für ihre Entwicklung, ihre Selbstwahrnehmung, ihren Lebenswillen. „Ohne Berührung kein Ich“, schreiben der Facharzt für Physiologie und Anita Ericson in ihrem brandneuen Buch „Der unberührte Mensch“ (edition a).

Zu wenig davon kann zu massiven, kognitiven Defiziten führen. Wie im Fall von rumänischen Waisenkindern vor einigen Jahrzehnten, die stark vernachlässigt worden waren, und bei denen Röntgenuntersuchungen Defizite im Gehirn zeigten.

Berührungen bei älteren  Menschen besonders wichtig
Regelmäßig angenehme Berührungen braucht man auch im höheren Alter. „Ältere Menschen sind häufig von der Umwelt abgekapselt. Ihre verbale Kommunikation ist eingeschränkt. Durch Berührungen nehmen sie mit der Welt Kontakt auf, ihre Identität und ihre Persönlichkeit bleiben erhalten“, erläutert Ekmekcioglu, der an der FH St. Pölten unterrichtet. Das ist wichtig. Denn: „Einsamkeit und soziale Isolation erhöhen das Risiko der Sterblichkeit und für Demenz.“

Eine französische Studie wiederum hat gezeigt, dass Berührung die Motivation steigern kann, soziales Vertrauen schafft, die Menschen zueinander bringt. „Jemand, der angenehm berührt wird, hat Selbstvertrauen, kann anders auf Menschen zugehen, fühlt sich besser.“ Berührung fördert die Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin, das nicht nur beim Stillen hilft und Wehen auslöst, sondern auch das soziale Vertrauen fördert. „Paare, die mehr Intimität austauschen, haben einen hohen Oxytocin-Spiegel“, so Ekmekcioglu. Berührungen können Ängste nehmen und Erinnerungen auslösen. „Sie wirken sich auf unsere Stimmungslage und Emotionen aus, sie können seelische Knoten, die aus der Vergangenheit rühren, auflösen und sie können auch körperliche Leiden wieder beseitigen.“ Berührungen können Stress reduzieren und Massagen kurzfristig Schmerzen, wie eine Untersuchung an Krebspatienten zeigte. „Eine angenehme Berührung kann zwar nicht Depression heilen, aber depressiven Verstimmungen vorbeugen und die Psyche harmonisieren.“

- 20 Minuten täglich. Wie viel man kuscheln sollte, ist wissenschaftlich nicht belegt. Ekmekcioglu rät aber zu etwa 15 bis 20 Minuten bis unendlich. Je nachdem, wie lange der Berührte und der Berührende es wünschen.

- Sport betreiben. Menschen, die Nähe suchen, können mit anderen etwas unternehmen, tanzen gehen oder einem Sportverein beitreten. Immerhin gibt es bei Mannschaftssport auch Körperkontakt.

- Tierische Nähe. Pferde kommen im Rahmen von Therapien zum Einsatz. Und zu Hause warten die Haustiere, die gestreichelt werden wollen.

- Wellness & Massagen. Wohltuender Körperkontakt wartet auch in vielen Gesundheitsbetrieben, Thermen und Spa.

- In der Partnerschaft. Die nachhaltigste Variante der wohltuenden Berührung entwickelt sich, wenn man Berührungen in die Partnerschaft einfließen lässt. „Geistige Entfremdung basiert auf körperlicher Ebene. Haben Sie also einen Partner, den Sie gerne noch länger behalten möchten, gestalten Sie jede Berührung bewusst!“, rät der Physiologe und Autor. „Sie werden rasch merken, wie gut das Ihrer Beziehung tut.“