Erstellt am 23. Januar 2012, 00:00

Augenkontakt riskieren?. MICHAEL STOCKERT, Psychotherapeut aus Korneuburg, über heilsame Begegnungen mit dem Partner.

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Sie kennen die Situation in einem Supermarkt bei der Kassa oder in den Öffis: Ihr Blick trifft sich mit dem eines kleinen fremden Kindes. Obwohl Sie sich nicht kennen, suchen die Augen des Kindes wiederholt Ihr Augenpaar auf. Kinderaugen sind offen. Da gibt es noch nicht den Versuch, mit dem Blick das Gegenüber zu dominieren oder zu strafen. Einander wirklich treffende Augenpaare stellen einen Zufluchtsort dar.

Es ist ein tiefes Bedürfnis eines jeden Menschen mit seinen Augen in den Augen eines geliebten Menschen zu landen. Beim Flirten spielen sich treffende Blickkontakte ebenfalls eine große Rolle. Dagegen spielt in länger dauernden Beziehungen der direkte Blickkontakt oft nur eine nebensächliche Rolle. Warum? Weil es zu intim ist! Im direkten Blickkontakt mit dem/der PartnerIn entsteht schnell ein Gefühl des Nacktseins, er erlaubt einen tiefen Einblick in die Seele des anderen. Und, wenn es gelingt, im Blickkontakt einander Zufluchtsort zu sein, dann melden sich lange zurückgehaltene Bedürfnisse: ungeweinte Tränen, Erinnerungen an berührende Erlebnisse aus der Kindheit, aber auch an ungestillte Sehnsüchte. Und, wenn es gelingt, einander das gerade im Blickkontakt erlebte mitzuteilen und auch damit gehört zu werden, dann findet eine heilsame Begegnung statt. Um in unserer Welt mit unglaublich vielen optischen und akustischen Sinneseindrücken bestehen zu können, brauchen wir einen anderen Modus, um mit unserer Umgebung in Kontakt zu treten. Dabei geht es sehr oft darum, sich zu schützen und die Emotionen im Griff zu haben. Die Herausforderung besteht darin, im Kontakt mit dem geliebten Menschen den funktionalen „Gesellschaftsmodus“ zu verlassen und einander im heilsamen Blickkontakt zu begegnen. So kann eine neue Tiefe und Offenheit in der Beziehung entstehen.