Erstellt am 09. Juli 2012, 08:58

Bürokratie reduzieren!. KAMMER / Die Apotheker haben gewählt. Seit 1. Juli hat die NÖ Apothekerkammer eine neue Führung.

 |  NOEN, Erwin Wodicka (Erwin Wodicka)
VON CHRISTINE HAIDERER

Heinz Haberfeld, neuer NÖ Apothekerkammerpräsident, und Elisabeth Biermeier, neue Vizepräsidentin der NÖ Apothekerkammer, setzen auf Weiter- und Fortbildung, Lösungen für Probleme, die Zeit kosten, und aktive Beratung.

NÖN: Welche Themen werden Sie in den nächsten Jahren beschäftigen?
Haberfeld: Ein Schwerpunkt ist die E-Medikation. Wir, in unserer Apotheke bieten seit acht Jahren den Arzneimittelsicherheitsgurt an. Offline. Die E-Medikation wäre online. Dazu bedarf es der Kooperation von verschiedenen Playern im Gesundheitswesen. Da muss die Ärzteschaft mit ins Boot geholt werden. Es geht darum, Doppelt- und Dreifachverordnungen zu dokumentieren und Wechsel- und Nebenwirkungen in besserem Maße aufzuzeigen. Es passiert uns immer wieder, dass Leute schon jahrelang Medikamente nehmen, aber nicht wissen wofür.

NÖN: Die E-Medikation wird in ihrer aktuellen Version immer noch von Ärzten abgelehnt. In den letzten Jahren gab es zwischen Ärzten und Apothekern viele Konfliktpunkte. Wie sehen die Beziehungen zurzeit aus?
Haberfeld: Es gab jahrelang keine Gesprächsbasis. Aber ich sehe hier einer konstruktiven Kooperation sehr positiv entgegen. Es hat ein Gespräch mit NÖ-Ärztekammerpräsidenten Christoph Reisner gegeben. Und wir haben durchaus gemeinsame Interessen – im Sinne eines Abbaus bürokratischer Hürden.

NÖN: In welchen Bereichen zum Beispiel?
Haberfeld: Wahlarztrezepte und Schnittstellenproblematik. Entscheidungsträger sind Sozialversicherungsträger und Spitalserhalter. Aber wir können hier anregen.

NÖN: Worin liegt das Pro-blem bei Wahlarztrezepten?
Biermeier: Im Rahmen einer kostenfreien Serviceleistung der Apotheken werden die Rezepte gesammelt und zur Gebietskrankenkasse geschickt. Nach 14 Tagen bekommen wir sie umgewandelt zurück – oder auch nicht. Bis dahin hat man nicht sie Sicherheit, ob sie bezahlt werden.

NÖN: Wie könnte hier eine Lösung aussehen?
Haberfeld: Mir geht es um einen Bürokratieabbau, darum, dass Wahlarztrezepte vonseiten der Gebietskrankenkasse so akzeptiert werden wie Rezepte von Vertragspartnern, ohne dass wir sie mehrmals hin und herschicken müssen.

NÖN: Bei der Schnittstellenproblematik wiederum geht es etwa darum, dass ein Patient, der aus dem Spital entlassen wird, zuerst zu einem Arzt gehen muss, bevor er sich das Medikament, das er nehmen soll, holen kann. Was wäre hier möglich?
Haberfeld: Das Spital stellt ein Rezept aus, das von jeder öffentlichen Apotheke auf Kosten der Sozialversicherung eingelöst werden kann.

NÖN: Ein Thema, das Ihnen beiden wichtig ist, ist die Fort- und Weiterbildung der Apotheker. Warum?
Haberfeld: Hier gilt es, die neuesten Arzneimittel in ihrer Wirkung, Anwendung …, neue Wirkstoffe aufzugreifen.
Biermeier: Es gibt Module zu Schmerzmedikation, zu Antibiotika, zu Läusen, aber auch zur richtigen Kommunikation mit dem Kunden. Beratung zu Arzneimitteln ist das Wichtigste. Es ist das Um und Auf, dass der Konsument beziehungsweise der Patient die richtigen Hinweise vom Apotheker bekommt. Zur richtigen Einnahme, zum richtigen Zeitpunkt, zu den Abständen zwischen den einzelnen Arzneimitteln … Da gibt es immer wieder Aha-Erlebnisse, bei denen man draufkommt, dass der Patient das Medikament bisher ganz falsch eingenommen hat.
Haberfeld: Es geht darum, das Wissen in die Sprache der Konsumenten zu übersetzen und die wesentlichen Dinge rüberzubringen.
Biermeier: Aktiv beraten bedeutet, nicht erst zu antworten, wenn der Patient uns etwas fragt. Sondern wenn er zum Beispiel ein rezeptfreies Medikament kauft, dass man – wenn wir wissen, dass das Medikament, das er sonst verordnet hat, nicht dazu passt – ihn darauf hinweist.

NÖN: Welche Themen sind Ihnen zudem ein Anliegen?
Haberfeld: Ein Schwerpunkt ist es, den Vertriebsweg von der Industrie über den pharmazeutischen Großhandel zur Apotheke auch für die Zukunft abzusichern.

NÖN: Warum?
Haberfeld: Dieser Vertriebsweg ist nicht nur aus ökonomischen Gesichtspunkten, sondern auch im Sinne des Konsumentenschutzes wichtig. Weil er fälschungssicher ist. Im Vergleich dazu: Bei Versand- und Internethandel können Sie nie wissen, wer dahinter steckt. Es gibt keine Haftung. Sie müssen mitunter Ihre Kreditkartennummer und sehr persönliche Daten hergeben … Und es kann sein, dass sie überhaupt nichts oder gefälschte Ware bekommen. Problematisch wird es, wenn diese einen gesundheitlichen Schaden verursacht. Es hat auch Todesfälle gegeben. Daher sind wir strikt gegen Versand- und Internethandel.