Erstellt am 24. Mai 2011, 13:31

Burnout zwischen echter Krankheit und Modebegriff. Die Welle läuft: Der Begriff "Burnout" ist derzeit in vieler Menschen Munde. Und wenn es gegen das Wochenende oder zum Urlaub hingeht, meinen mittlerweile immer mehr Personen, sie seien schlicht und einfach "Burnout-Opfer".

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Doch nicht alles, was unter diesem Begriff läuft, ist wirklich Krankheit. "Da ist auch eine Art 'Pop-Psychologie', ein Modekonzept, im Spiel", meinte jetzt Andreas Remmel, Ärztlicher Leiter des Psychosomatischen Zentrums Waldviertel (PSZW/Eggenburg), im Gespräch.

   Der Hintergrund: Die Institution - eine Gründung des Landes Niederösterreich und der VAMED - feiert in den kommenden Tagen (25. bis 27. Mai) mit einem Jubiläumskongress ihr fünfjähriges Bestehen. Remmel: "Wir haben 100 Betten, betreuen pro Jahr rund 800 Patienten und haben 1.000 Leute auf der Warteliste. Derzeit arbeiten wir stationär mit 125 Mitarbeitern, von denen 80 bis 85 therapeutische tätig sind. Die Verweildauer liegt bei sechs bis acht Wochen, in Einzelfällen auch bis zu zwölf Wochen. Der Altersdurchschnitt der Patienten liegt bei 40 bis 45 Jahren. Die Patienten werden in kleinen Gruppen für acht bis zehn Personen betreut. Wir haben 30 bis 35 Stunden intensive Behandlung pro Woche."

   Bei dem Kongress mit geplanten mehr als 50 Referenten und 350 Teilnehmern wird sich Remmler in einem der Vorträge dem Burnout-Syndrom widmen: "Das ist oft ein sehr verwaschener Begriff. Da gibt es einerseits die 'Pop-Psychologie'. Das hat den Nachteil, dass plötzlich 'jeder' ausgebrannt ist." Andererseits führe die Popularisierung aber auch dazu, dass mehr akut schwer Betroffene leichter Zugang zu Diagnostik und Therapie bekämen.

   Der Experte: "Wissenschaftlich besteht das Burnout-Syndrom aus drei Faktoren. Erstens aus emotionaler Erschöpfung - am Beginn vor allem bezüglich des Berufes, später auch gegenüber anderen (Lebens-)Bereichen. Dann gibt es die sogenannte Depersonalisation. Das ist das Entstehen negativer Einstellungen zu Personen, mit denen man zu tun hat. Man wird zynisch, abweisender gegenüber Anderen. Schließlich gibt es ein reduziertes Selbstwertgefühl in Bezug auf die eigene Leistungsfähigkeit." Verminderte Leistungsfähigkeit und vermindertes Selbstwertgefühl könnten sich auch gegenseitig aufschaukeln.

   Im Grunde - so der Experte - seien aber die Mittel zur Diagnose von Burnout-Syndromen noch immer beschränkt: "Es gibt nur einen Fragebogen zur Erhebung. Es gibt gibt zur Häufigkeit nur Querschnitt-und keine Längsschnittuntersuchungen (Entwicklung des Syndroms, Anm.)." Am ehesten werde zur Erklärung von Burnout das Modell eines gestörten Gleichgewichts zwischen Anforderungen und Renumerationen im Berufsleben herangezogen, ebenso ein Mangel an anderen Lebensfeldern außerhalb des Berufes.

   Das bedingt einen gravierenden Nachteil. Remmel: "Es gibt keine spezifische Therapie für Burnout. Wellnesskurse, Entspannung, Urlaub, Erholung - das wirkt nicht langfristig." Am ehesten würden noch Strategien Erfolg zeitigen, die eine optimistischere Grundhaltung und ein besseres Balance-Halten im Leben vermittelten, einen Effekt zeigen. Ein Fünf-Säulen-Modell, mit dem man den Betroffenen zeigen könne, dass es neben dem Beruf auch Familie, Hobbys etc. als Ausgleich gäbe, könne helfen. Außerdem sei die Vermittlung von Fähigkeiten zur Abgrenzung gegenüber stark fordernden beruflichen Bedingungen wesentlich.

   Schließlich komme es auch auf eine genaue Differentialdiagnose an: So könnten ja immerhin auch Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen vorliegen. Remmel: "Depressionen beziehen sich aber auf das ganze Leben. Burnout hat zumeist vornehmlich mit dem Beruf zu tun." Die Gesellschaft in Österreich sei mit ihrer weiterhin bestehenden Betonung der Lebensqualität und ihrer - zum Beispiel im Vergleich zu den USA - noch nicht so ausgeprägten "Karrierewütigkeit" in einer vergleichsweise besseren Position.