Erstellt am 09. April 2012, 00:00

Die Frage nach dem Ferienjob. MARIA NEUBERGER-SCHMIDT gibt Tipps für einen friedlichen Alltag mit Kindern.

 |  NOEN

Seit langem ist davon die Rede, dass Tobias, 16, sich um ein Ferialpraktikum umschaut. Es ist schon Ostern und die Mutter fragt: „Was ist nun mit dem Ferienjob?“, worauf Tobias kontert: „Warum bist du schon wieder aggressiv?“ Die Mutter entgegnet: „Ich bin nicht aggressiv, ich habe nur gefragt!“ Tobias: „Lass mich in Ruhe, ich hab’s eilig!“ So schnell kann eine harmlose Frage in einen Machtkampf führen. Offenbar hat die Mutter nicht den günstigsten Zeitpunkt gewählt. Vielleicht ist es dem Sohn unangenehm, nicht mit Resultaten aufwarten zu können. Er geht in die Offensive, indem er die Frage als Angriff wertet. Ganz instinktiv verteidigt sich die Mutter und beschwichtigt, indem sie sich rechtfertigt. Und schon ist sie die Unterlegene.

Jugendliche lieben Machtspielchen und sind Meister im Taktieren. Offenbar ist die Mutter naiv genug, diese intuitive Strategie nicht zu durchschauen. Wenn die Mutter sagt, was sie spürt, kann sie dem Angreifer den Wind aus den Segeln nehmen und Verständnis erzeugen: „Ich merke, meine Frage nervt dich …“ Dadurch übernimmt sie Verantwortung. Jetzt hat Tobias Gelegenheit, Stellung zu nehmen. Wahrscheinlich wird er sagen, wie es ihm geht und über seine Schwierigkeiten reden: „Ich bin letzte Woche nicht dazu gekommen …“ oder „Ich habe schon drei Mal angerufen und bin vertröstet worden“. Die Mutter hätte auch den Spieß umdrehen und zurückfragen können: „Was findest du an meiner Frage aggressiv?“ Dann muss sich Tobias rechtfertigen und sie behält die Oberhand. Sie macht deutlich, dass sie eine ehrliche Antwort auf eine berechtigte Frage will. Wenn es uns gelingt, die Vertrauensbasis und den Respekt aufrecht zu erhalten oder wieder herzustellen, können wir Jugendlichen den Halt geben, den sie noch dringend brauchen, um sicher abzunabeln.