Erstellt am 02. Juni 2011, 12:42

EHEC-Keim: Neuer Stamm für Darminfektionen verantwortlich. Für die zahlreichen Darminfektionen durch den EHEC-Erreger in Europa ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein neuer, noch nie zuvor entdeckter Stamm von E. coli verantwortlich.

 |  NOEN, INGO WAGNER (DPA)
Für die ungewöhnlich heftigen EHEC-Erkrankungen dürfte ein neuer Stamm des Escherichia coli-Bakteriums (richtig) verantwortlich sein. Das berichtete die Weltgesundheitsorganisation WHO am Donnerstag. Demnach hätten genetische Untersuchungen ergeben, dass der Stamm eine mutierte Form aus zwei E. coli-Bakterien ist. Das Besondere an dem Erreger, der nach wie vor als EHEC-Keim zu klassifizieren sei, ist demnach, dass er ein Gen aufweist, das auf EHEC-Erregern nicht anzutreffen ist, erläuterte dazu Pamela Rendi-Wagner, Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit, gegenüber der APA.

Bisher hat es in Europa keine Fälle mit dem EHEC-Keim des Serotyps O104:H4 gegeben, sagte Rendi-Wagner. Lediglich in Südkorea sei bisher ein Fall beobachtet worden. Das quasi zugewanderte Gen gehört einem anderen Stamm von E. coli-Bakterien an, nämlich den EAEC. Diese Erreger seien normalerweise verantwortlich für chronische Durchfallerkrankungen in Entwicklungsländern. Ob dies nun für die hohe Pathogenität des Keims verantwortlich ist, wollen die Experten noch nicht beantworten. Rendi-Wagner: "Es handelt sich zweifelsohne um einen sehr pathogenen (krankheitsauslösenden; Anm.) Stamm, aber das ist ohnehin bereits bekannt."

Unterdessen hat sich der in Niederösterreich aufgetretene Verdachtsfall einer Erkrankung an EHEC-Keimen nicht bestätigt. Das habe der vorgenommene Test ergeben, teilte die Landeskliniken-Holding mit. Der Patient, der am Mittwochnachmittag mit Symptomen einer Infektion ins Landesklinikum St. Pölten eingeliefert worden ist, sei in einem guten Allgemeinzustand, hieß es. Der Österreicher war stationär aufgenommen und isoliert behandelt worden. Er war erst kürzlich aus Deutschland zurückgekehrt.

In Deutschland ist die Zahl der Todesfälle rund drei Wochen nach dem Ausbruch der EHEC-Infektionen auf 17 gestiegen. Eine alte Frau sei in der Nacht auf Donnerstag an einer Infektion mit dem Darmbakterium gestorben, teilte das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf am Donnerstag mit. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat noch keinen Hinweis auf eine definierbare Quelle. "Konkrete Ansatzpunkte sind im Moment nicht da", sagte RKI-Präsident Reinhard Burger. Es sei auch noch zu früh um zu sagen, dass ein Plateau erreicht worden sei. Die Zahl der Infektionen stieg innerhalb von 24 Stunden sprunghaft an.

Die Suche nach der Quelle ging unvermittelt weiter. Auf zwei weiteren in Hamburg getesteten Gurken haben Experten nicht den derzeit grassierenden Keim gefunden. Zwar gab es EHEC-Keime auf den Gurken, aber nicht den Serotyp O104:H4.

Von den in Deutschland fast 500 gemeldeten EHEC-Fällen gab es die meisten in Hamburg. Im Eppendorfer Klinikum wurden am Donnerstag mehr als 100 Patienten wegen des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS), einer schweren Komplikation, behandelt. "Der Trend, den wir Anfang der Woche erhofft hatten, dass die Anzahl der Neuinfektionen zurückgeht, hat sich leider nicht bestätigt", sagte ein Experte in Hamburg. Mit einem weiteren Todesfall in Schweden sind bisher 18 Menschen an den Folgen einer EHEC-Infektion gestorben.

Unterdessen ist zwischen Russland und der EU ein Konflikt um einen von Russland verhängten Importstopp für Gemüse aus allen EU-Ländern ausgebrochen. Russland hatte den Stopp wegen des EHEC-Keims verhängt. Die EU-Kommission hat Russland daraufhin zu einer Erklärung aufgefordert. Die Entscheidung der russischen Behörden sei "unverhältnismäßig", sagte der für Gesundheit zuständige Sprecher der EU-Kommission, Frederic Vincent, am Donnerstag in Brüssel.

Wegen der sich als falsch erwiesenen Einstufung von spanischen Gurken als Quelle für die Infektionen mit dem gefährlichen Darmkeim EHEC will Spanien nun Schadenersatz verlangen. Sein Land werde "vor den relevanten Behörden in Europa Entschädigungen für den entstandenen Schaden fordern", sagte Regierungschef Jose Luis Rodriguez Zapatero am Donnerstag im spanischen Rundfunk. Spaniens Obst- und Gemüse-Exporteuren ist nach eigenen Schätzungen in der vergangenen Woche ein Schaden von mehr als 200 Millionen Euro entstanden.

Schadenersatzforderungen kamen auch von den deutschen Bauern: Wegen Millioneneinbußen durch die Angst der Verbraucher vor dem Darmkeim EHEC forderte der Bauernverband Entschädigungen. Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, bezifferte im Gespräch mit der "Passauer Neuen Presse" die befürchteten Einbußen mit wöchentlich "rund 30 Millionen Euro".